Sieben Schulen, ein Vertrag
Sieben Wiener Berufsschulen ziehen in der Zentralberufsschule Seestadt Aspern (ZBG) unter ein Dach. Laut Stadt Wien sollen ab September 2028 bis zu 7.500 Lehrlinge im Jahr hier lernen. Gebaut wird als Public-Private-Partnership. Vertragspartnerin der Stadt ist die C21 Beteiligungs GmbH, an der laut Firmenbuch die Luxemburger QEIF III Infra S.à r.l. 74 Prozent und die PORR 26 Prozent halten; als Eigenkapitalgeber nennt PORR Quaero Capital. Errichtet wird das Gebäude von einer Arbeitsgemeinschaft aus PORR und Apleona, den Betrieb will Apleona laut eigenen Angaben bis 2053 sicherstellen. Laut ORF Wien zahlt die Stadt dafür jährlich rund 19 Millionen Euro. Das eigentliche Thema der Presseführung lag aber im Beton.
Für die tragenden Bauteile setzt die PORR Zement der Sorte CEM II/C ein. Sein Klinkeranteil liegt laut Beton Dialog Österreich bei rund 50 bis 64 Prozent. Bis 31. Juli 2026 waren laut PORR und Apleona rund 36.000 Kubikmeter dieses Betons verbaut. Die Einsparung bis dahin: rund 5.000 Tonnen CO₂, das sind 58 Prozent gegenüber dem Referenzbeton der Österreichischen Bautechnik Vereinigung (ÖBV). Die Hochrechnung der PORR vom 21. Mai 2026 – rund 4.200 Tonnen CO₂-Äquivalent für das gesamte Projekt – war damit laut Beton Dialog Österreich bereits Ende Juli übertroffen.
CEM II/C: Ebenbürtig, aber nicht gratis
Neu ist der Baustoff für die PORR nicht. „Wir haben schon einige Jahre damit gute Erfahrungen gemacht, insbesondere auch im Tunnelbau“, sagt Karl-Heinz Strauss. „Aber hier ist es das erste Mal für so ein großes Projekt.“ Das Ergebnis sei „wirklich ebenbürtig mit normalem Beton – alles, was die Zeit, die Verarbeitung, die Qualität betrifft“. Ganz ohne Zutun ging es nicht: In der Presseaussendung von Beton Dialog Österreich ergänzt Strauss, dass dafür Anpassungen an der Rezeptur nötig waren. Auf die Frage nach den Grenzen des Baustoffs verweist er auf das Projekt selbst: „Diese Schule hat ja viele Herausforderungen, was Qualitäten, Spannweiten etc. betrifft. Und doch funktioniert das bestens.“
Ein Preisschild hat der CO₂-reduzierte Beton trotzdem. „Ja, es ist noch leistbar. Es hat zwar Mehrkosten, aber die haben wir mit dem Bauherren geklärt“, so Strauss. Wie hoch sie ausfallen, sagte er nicht. Beton Dialog Österreich spricht in seiner Aussendung dagegen von gleichbleibender Wirtschaftlichkeit. Und welche Rahmenbedingungen braucht es? Der Beton müsse dort eingesetzt werden, „wo es einen Sinn macht hinsichtlich Qualität und Preise“, sagt Strauss. „Letztendlich muss es der Bauherr wollen – wir liefern.“
Eine Zahl, die alles sagt
Ähnlich sieht es Sebastian Spaun. Für ihn ist Aspern ein „wichtiger Meilenstein“: „Deutlich weniger Klinker ist in diesem Zement enthalten. Und trotzdem ist der Bau so wie gewohnt.“
Die österreichische Zementindustrie strebt laut Spaun an, dass CEM II/C bis 2040 einen Marktanteil von 40 Prozent erreicht. „Heute liegen wir ungefähr bei einer Viertelmillion Tonnen von insgesamt derzeit knapp vier Millionen Produktion“, sagt Spaun. Laut VÖZ-Jahresbilanz produzierten die österreichischen Zementwerke 2025 allerdings 4,53 Millionen Tonnen; den Zuwachs gegenüber dem Vorjahr führt die VÖZ auf Exporte zurück. „Also wir müssen hinauf, und wir müssen diesen Einsatz verbreitern.“
Rückenwind sieht Spaun aus zwei Richtungen: durch die EU-Taxonomie-Verordnung und durch CO₂-Klassen für Beton. Das ÖBV-Merkblatt „CO₂-Klassen für Beton“ vom März 2025 teilt Betone in zehn Klassen ein, von GWR 0 bis GWR 9. Es mache es Ausschreibenden „sehr einfach“, die CO₂-Qualität festzulegen – „eigentlich nur eine Zahl, die zu den sehr komplizierten Betonsortenbezeichnungen dazugehängt wird und die alles sagt“. Sein Fazit: „Ich denke, wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Jetzt ist es Zeit, dass die, die grüne Märkte fordern, diese dann auch durchsetzen.“
Die Schallmauer bei 100 Kilo
Und wo liegen die Grenzen? Spaun spricht von einer „Schallmauer von 100 Kilo“ CO₂ pro Kubikmeter Beton, die auf dieser Baustelle möglicherweise schon unterschritten werde. „Dann sind wir in der Größenordnung des modernen Holzbaus angelangt.“ Einen Beleg für diesen Vergleich nannte er nicht – offen blieb auch, ob er den Kubikmeter Baustoff oder ein gleichwertiges Bauteil meint. Die Projektzahlen erlauben zumindest eine Einordnung: 5.000 Tonnen Einsparung bei 36.000 Kubikmetern und 58 Prozent Reduktion ergeben nach Nachrechnung der Redaktion im Schnitt rund 100 Kilogramm CO₂ pro Kubikmeter. Die Schlussbilanz kommt mit dem Ende der Betonarbeiten.
Eckdaten
Projekt: Zentralberufsschule Seestadt Aspern (ZBG), sieben Wiener Berufsschulen, bis zu 7.500 Lehrlinge pro Jahr ab September 2028 (laut Stadt Wien)
Modell: Public-Private-Partnership mit der C21 Beteiligungs GmbH (QEIF III Infra S.à r.l. 74 Prozent, PORR 26 Prozent); Bau durch ARGE PORR/Apleona, Betrieb laut Apleona bis 2053; rund 19 Millionen Euro jährlich (laut ORF Wien)
Beton: rund 38.000 Kubikmeter Ortbeton, großteils mit CEM II/C (Klinkeranteil rund 50 bis 64 Prozent, laut Beton Dialog Österreich)
Bilanz per 31. Juli 2026: rund 36.000 Kubikmeter verbaut, rund 5.000 Tonnen CO₂ bzw. 58 Prozent weniger als der ÖBV-Referenzbeton (laut PORR und Apleona)
Ziel der Zementindustrie: 40 Prozent Marktanteil für CEM II/C bis 2040 (laut Sebastian Spaun)
Nachrechnung der Redaktion: 5.000 t ÷ 0,58 ≈ 8.600 t Referenz; abzüglich 5.000 t ≈ 3.600 t; ÷ 36.000 m³ ≈ 100 kg CO₂ pro Kubikmeter
Wer baut, wer plant, wer betreibt – und was beim Projekt noch offen ist: Das Projektporträt zur Zentralberufsschule Seestadt Aspern steht in der Serie „Wo wird gebaut …“ auf poppgerhard.at: https://poppgerhard.at/blog/zentralberufsschule-seestadt-aspern-wien-wo-wird-gebaut
Die Zitate stammen aus Videointerviews, die Bernd Affenzeller (Bau & Immobilien Report) bei der Presseführung führte.