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„Wer redet mit beim Bauen?"

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Der Architektur.Film.Sommer geht heuer zum 14. Mal über die Bühne — und stellt vier Abende lang die Frage, wer beim Planen und Bauen eigentlich gehört wird. Lene Benz (Architekturzentrum Wien) und Marlene Rutzendorfer (wonderland – platform for european architecture) haben das Programm unter das Motto „Demokratie bauen" gestellt. Eröffnet wurde am 29. Juli im Hof des Az W mit dem Thema Wohnen. Bis 19. August läuft das Festival, jeden Mittwoch, bei freiem Eintritt und ohne Anmeldung.

Es ist ein Satz, der das ganze Programm trägt, und Marlene Rutzendorfer sagt ihn beinahe beiläufig: „Wer redet mit beim Bauen? Wer trifft Entscheidungen? Wer plant — und mit wem und für wen?" Vier Fragen, die man in der Branche für rhetorisch halten könnte. Sind sie aber nicht.

Demokratie ist kein Selbstläufer

Dass Demokratie und Stadtplanung zusammengehören, ist keine Neuigkeit. Warum also heuer der Titel? „Demokratie ist natürlich immer ein wichtiges Thema, gerade wenn es um Stadtplanung und Architektur geht", sagt Rutzendorfer. „Aber wir wollten es gerade jetzt hervorheben, um diese wichtigen Prozesse zu unterstreichen."

Lene Benz wird konkreter — und blickt dabei nicht nur in die Ferne: „Wir können nicht nur weltweit, auch vor unserer eigenen Haustür einfach Strömungen beobachten, wo Demokratie an ihre Grenzen stößt." Der öffentliche Raum, so Benz, sei ohnehin ein politischer: „ein Raum, wo Demokratie bestenfalls gelebt und verhandelt werden kann."

Vier thematische Schwerpunkte ergeben sich daraus: Wohnen, Migration, Räume für das Gemeinwohl und der öffentliche Raum selbst.

Wohnen als demokratischer Imperativ

Der Eröffnungsabend gehörte dem Wohnen — und das ist beim Architektur.Film.Sommer eher Regel als Ausnahme. „Das Wohnen ist bei uns schon immer ein Thema, das in unseren Themenabenden meistens einen Abend speziell erhält", sagt Benz. Heuer heißt dieser Abend „Vom Recht auf Wohnen".

Benz nennt es einen „demokratischen Imperativ" — und knüpft daran eine Feststellung, die für Wien mittlerweile keine Zumutung mehr ist, sondern Befund: „Das ist tatsächlich etwas, was wir uns wieder nicht als selbstverständlich annehme[Ga1] n können, sondern wo wir wahrscheinlich etwas lauter werden müssen in unseren Forderungen, damit das auch wirklich Lebensgrundlage bleibt für die allgemeine Gesellschaft und nicht nur für Menschen, die das nötige Auskommen dafür haben."

Der Hauptfilm des Abends führte nach Zürich. In „Brunaupark" kündigt die Pensionskasse der Credit Suisse einen großen Teil der Wohnungen einer Siedlung, um neu zu bauen. Der Film begleitet über drei Jahre jene, die geblieben sind. Abbruch, Neubau, Rendite — und Menschen, die man dabei nicht gefragt hat.

Nicht im Museumsbau, sondern draußen

Ein Punkt, auf den beide Kuratorinnen zurückkommen: Das Festival findet bewusst nicht im Haus statt. „Das ist Teil unseres Konzepts, dass wir immer im öffentlichen Raum sind, bei freiem Eintritt", sagt Rutzendorfer. „Alle sind willkommen und können hierher kommen, sich die Filme anschauen — und mitreden."

Man muss also weder Architektur studiert haben noch sich anmelden. Rutzendorfer [Ga2] formuliert es so: „Es geht darum, Architektur jetzt nicht innerhalb einer Bubble zu diskutieren, sondern wirklich alle als Nutzerinnen und Nutzer von Stadt einzuladen, um mitzureden. Wir haben ja alle Erfahrung mit Architektur, mit Stadt. Und wir wissen ziemlich genau, was für uns funktioniert und was nicht." Diese Erfahrungen, sagt Rutzendorfer, seien besonders wertvoll — „und deshalb findet das im öffentlichen Raum statt und nicht in einem Museumsbau, sondern draußen."

Man kann also vorbeispazieren, stehen bleiben, sich hinsetzen. Das ist keine Marketingfloskel, sondern das Format.

Das Programm

Mittwoch, 29. Juli — „Vom Recht auf Wohnen"

  • A Home on Every Floor — NO 2023, 10:50 min, Regie: Signe Rosenlund-Hauglid

  • The Architecture of Sharing: From Crisis to Resilience — CZ 2025, 7:27 min, Regie: Michaela Režová

  • Brunaupark — CH 2024, 91:00 min, Regie: Felix Hergert, Dominik Zietlow

Mittwoch, 5. August — „An den Grenzen der Demokratie"

  • Dover 82 — UK 2025, 5:00 min, Regie: Aria Danaparamita

  • Notes from Brook House — GB 2025, 28:00 min, Regie: Alex Nevill

  • Sneak Preview — AT 2026, 81:00 min, Titel nicht angekündigt

Mittwoch, 12. August — „Demokratie leben"

  • ab 16:00: Rahmenprogramm mit der Arbeiterkammer Wien und dem Büro für Mitwirkung der Stadt Wien

  • 19:00: Diskussionsrunde

  • Zuneigung: Teil 1 — US 2025, 3:43 min, Regie: Rudolf Stueger

  • UNO CITY — AT 2025, 12:06 min, Regie: Wolfgang Lehrner

  • Noch lange keine Lipizzaner — AT 2025, 92:00 min, Regie: Olga Kosanović

Mittwoch, 19. August — „Räume fürs Gemeinwohl"

  • With an Acre — CA 2025, 45:00 min, Regie: Joshua Frank

  • Last Days on Lake Trinity — US 2025, 29:38 min, Regie: Charlotte Cooley

  • Where We Grow Older — CA 2023, 30:02 min, Regie: Daniel Schwartz

Beginn jeweils 20:30 Uhr, Az W im Hof, Museumsplatz 1, 1070 Wien. Eintritt frei, keine Anmeldung. Bei Schlechtwetter wird ins Az W Podium verlegt.

Der zwölfte August als Herzstück

Wer das Format über den Film hinaus verstehen will, sollte den 12. August vormerken. Gemeinsam mit der Arbeiterkammer Wien wird eine Diskussion zum Thema „Demokratie leben" organisiert, dazu kommt ein Programm für alle Generationen, das schon am Nachmittag beginnt. Auch das Büro für Mitwirkung der Stadt Wien ist vor Ort.

„Es wird eben aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert, von der Stadtplanung angefangen bis hin zu Architektur, aber auch Verwaltung, Stadtverwaltung", sagt Benz. Die Leitfrage: „Wie können wir eigentlich Demokratie und Teilhabe in Zukunft garantieren und leben? Und was braucht es dazu?" Eine Filmemacherin wird ebenfalls dabei sein und den Bezug zurück auf die Filme herstellen.

Überhaupt sind Gäste Teil des Konzepts: „Wir laden immer wieder auch Filmemacherinnen und Filmemacher ein oder Planerinnen und Planer", so Rutzendorfer — „um das Thema aus unterschiedlichen Gesichtspunkten zu beleuchten."

Was bleibt: Zusammenkommen

Und was wünschen sich die beiden für die kommenden Wochen? Benz zuerst das Naheliegende: dass das Wetter mitspielt. Denn in der Schlechtwettervariante muss man doch ins Haus. „Das ist dann eigentlich nur der halbe Spaß. Das eigentliche Erlebnis ist hier draußen unter freiem Himmel."

Viele Besucherinnen und Besucher wären natürlich auch ein Ziel. Aber Benz setzt den Akzent anders: „Mich freut es vor allen Dingen immer wieder, auch danach mit Menschen im Gespräch zu sein, die einen Gesichtspunkt aus dem Film noch einmal erzählen, den ich zum Beispiel selber gar nicht gesehen habe." Diese Geschichten weiterzutragen — „das finde ich eigentlich schön. Und das ist dann am Ende egal, ob es hunderte von Menschen waren oder nur eine Person."

Rutzendorfer baut darauf auf, und damit schließt sich der Kreis zum Titel: „Das ist für uns dann auch Teil des Themas, wie der Demokratie bauen. Einfach dieses Zusammenkommen, weil wir ja in einer Zeit der Spaltung leben und der Polarisierung. Einfach zusammenkommen und miteinander reden und aufeinander zugehen und einander zuhören." Und dann der Satz, an dem man das Festival heuer messen kann: „Wenn wir das geschafft haben, dann haben wir schon viel geschafft."

Vier Abende, ein Hof, freier Eintritt. Ein Festival also — und ein Ort der Begegnung. So soll es sein.

Transkript

0:10 Am 29. Juli startete im Architekturzentrum Wien der Architekturfilmsommer. Heuer zum 14. Mal und heuer unter einem Motto, das eine Haltung ist: Demokratie bauen. Vier Mittwochabende, vier Programme bei freiem Eintritt im Hof und unter freiem Himmel. Den Auftakt machte jenes Thema, an dem sich Demokratie am schnellsten ablesen lässt: das Wohnen. Der Hauptfilm führte nach Zürich. Im Braunaupark kündigt eine Pensionskasse 239 von 405 Wohnungen. Drei Jahre lang begleitet der Film jene, die geblieben sind. Abbruch, Neubau, Rendite und Menschen, die man dabei nicht gefragt hat.

0:52 Kuratiert haben den Sommer Lene Benz vom Architekturzentrum Wien und Marlene Rutzendorfer von Wunderland. Bis 19. August läuft das Programm weiter. Vier Abende über Räume, in denen Teilhabe entsteht oder eben verhindert wird. Marlene Rutzendorfer. Ich bin Kuratorin mit Lene Benz vom Architekturfilmsommer für Wunderland Architekturplattform. Ja, und wie gerade schon gesagt, Lene Benz mein Name, Kuratorin hier am Architekturzentrum Wien und Co-Kuratorin mit Marlene Rutzendorfer im Filmsommer. Das Filmfestival gibt es jetzt schon zum 14. Mal.

Vollständiges Transkript anzeigen

1:32 Euer Thema heuer: Demokratie bauen. Was erwartet denn die Zuseher unter diesem Titel? Wir haben vier Filmabende kuratiert zum Thema Demokratie bauen. Also Demokratie ist natürlich immer ein wichtiges Thema, gerade wenn es um Stadtplanung und Architektur geht. Aber wir wollten es gerade jetzt hervorheben als Thema, um diese wichtigen Prozesse zu unterstreichen. Also Partizipation, wer redet mit beim Bauen, wer trifft Entscheidungen, wer plant und mit wem und für wen? Und da haben wir vier Filmabende dazu zusammengestellt,

2:13 die unterschiedliche Schwerpunkte haben. Also Wohnen, Migration und Räume fürs Gemeinwohl und öffentlicher Raum auch. Genau, also gerade der öffentliche Raum, auch noch mal vielleicht im Speziellen hervorgehoben, ist ja ein sehr politischer Raum, wo eigentlich ja auch Demokratie bestenfalls gelebt und ausgehandelt werden kann. Insofern geht es einerseits um diese partizipativen, auch im Bauen und der Architekturpraxis angewendeten Strukturen, aber andererseits geht es uns auch schon darum, zu fragen, wie können wir Demokratie weiterhin auch leben und ausleben, weil wir schon nicht nur weltweit, auch vor unserer eigenen Haustür, aber auch

2:54 Strömungen beobachten können, wo ja auch gerade Demokratie einfach auch an seine Grenzen stößt. Und dem wollen wir auch in Filmen, wie zum Beispiel Noch lange keine Lipizzaner oder auch der Film von Jola Wieczorek, wo es um eine Migrationsgeschichte von Polen nach Österreich geht Ende der 80er Jahre, wo man einfach Prozesse oder Geschichtenerzählungen zeigt, in denen es auch um Repräsentation und Zugehörigkeit geht. Zu wem gehöre ich? Mit wem kann ich mich identifizieren? Gerade beim Wohnen, da steuern wir ja aktuell wirklich auf schwierige

3:36 Zeiten, vor allem hier in Wien zu. War es euch ein Anliegen, das auch eben entsprechend mit einem Schwerpunkt mit reinzubringen und zu sagen: „Hallo Leute, Augen auf, wir müssen was tun"? Ja, auf jeden Fall. Und das ist auch da noch mal, das ist nicht das erste Mal, das Wohnen ist bei uns schon immer eigentlich auch ein Thema, das in unseren Themenabenden meistens einen Abend noch mal speziell erhält und so auch heute Abend. Der Eröffnungsabend steht unter dem Motto „Vom Recht auf Wohnen", eben auch ein demokratisches Imperativ. Also wir wollen alle am Recht auf Wohnen teilnehmen und das sehen wir auf jeden Fall auch in Wien.

4:16 Mittlerweile ist es, glaube ich, auch angekommen. Ist auf jeden Fall tatsächlich etwas, was wir uns wieder nicht als selbstverständlich annehmen können, sondern wo wir auch wahrscheinlich etwas lauter werden müssen in unseren Forderungen, damit das auch wirklich Lebensgrundlage bleibt für die allgemeine Gesellschaft und nicht nur für Menschen, die das nötige Auskommen dafür haben. Jetzt erwartet bis Mitte August jeden Mittwoch hier die Zuseher ein Film. Was gibt es denn drumherum? Habt ihr auch ein Rahmenprogramm? Wir werden auch gemeinsam mit der Arbeiterkammer Wien eine Diskussion zum Thema Demokratie leben organisieren.

4:59 Auch ein Kinderprogramm am 12.8., wo wir quasi schon am Nachmittag starten und alle Generationen ansprechen wollen. Und wo wir einfach auch noch mal die Filme als Impuls nehmen wollen, um über diese Themen zu sprechen, auch in einer größeren Runde zu sprechen. Und das ist ja auch Teil unseres Konzepts, dass wir immer im öffentlichen Raum sind, bei freiem Eintritt, also dass alle willkommen sind und hierherkommen können, sich die Filme anschauen können und mitreden können. Wir laden immer wieder auch Filmemacher innen ein, die

5:39 dann zu Gast sein werden, oder Planer innen, um das Thema auch aus unterschiedlichen Gesichtspunkten zu beleuchten. Genau. Vielleicht noch zum 12.8., Marlene hat es schon erzählt, da wird auch das Büro für Mitwirkung der Stadt Wien dabei sein. Die werden auch hier sein und wir werden in der Gesprächsrunde – und das ist auch ein Konzept von uns, dass wir eben aus unterschiedlichen Perspektiven, von der Stadtplanung angefangen bis hin zu Architektur, aber auch Verwaltung, Stadtverwaltung, wie können wir eigentlich Demokratie und Teilhabe in Zukunft garantieren und leben und was braucht es dazu, diskutieren werden. Und da werden auch eine Filmemacherin dabei sein, die auch noch

6:22 mal diesen Zusammenhang zum Film und dem Thema herstellt. Dann, wenn es Mitte August dann vorbei ist, was wünscht ihr euch jetzt für die kommenden Wochen, dass ihr sagt, war wirklich gut? Wenn das Wetter mitspielt und wir eigentlich jeden Abend auch wirklich hier draußen sein können, weil in der Schlechtwettervariante müssen wir dann doch in das Museum wieder rein und das ist ja eigentlich nur der halbe Spaß. Also das eigentliche Erlebnis ist hier draußen unter freiem Himmel. Das wäre eins und natürlich, möglichst viele ist auch natürlich ein Ziel, aber ich glaube, mich freut es vor allen Dingen immer

7:02 wieder auch danach, mit Menschen im Gespräch zu sein und die einfach einen Gesichtspunkt aus dem Film noch mal erzählen, den ich zum Beispiel selber gar nicht gesehen habe und einfach dieses Erzählen dann auch im Nachhinein, diese Geschichten mitzutragen und weiterzuerzählen, das finde ich eigentlich schön und da ist es dann am Ende egal, ob es jetzt über hunderte von Menschen waren oder nur eine Person, aber ich gehe davon aus, dass wir ein vollgepacktes Publikum auch dieses Jahr wieder haben werden. Darf ich vielleicht noch ergänzen oder darauf aufbauen, dass das für uns dann auch Teil des Themas ist, wieder Demokratie bauen,

7:40 also einfach dieses Zusammenkommen, weil wir ja in einer Zeit der Spaltung leben und Polarisierung und einfach zusammenkommen und miteinander reden und aufeinander zugehen und einander zuhören. Also wenn wir das geschafft haben, dann haben wir schon viel geschafft. Das heißt, zusammengefasst noch einmal für unsere Zuseher: Ein spannendes Festival mit einem spannenden Programm, aber auch ein Ort der Begegnung und der Diskussion vielleicht auch. So soll es sein. Genau.

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