Begonnen hat das Ganze ohne Budget und ohne Businessplan. „In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, als Hobbyprojekt, haben wir angefangen zu sammeln", erinnert sich Doris Lippert, Präsidentin des VÖSI und Geschäftsführerin von Cloudflight Österreich. Der Auslöser war eine Frage, die der Softwarebranche 2025 auf praktisch jeder Veranstaltung gestellt wurde: Was funktioniert bei KI in Österreich eigentlich wirklich – und was ist bloß angekündigt?
„Da war dieser ganze KI-Nebel, wo man nicht wusste, was funktioniert tatsächlich", sagt Lippert. „Und was kann mehr Orientierung geben im Leben als eine Landkarte?" Einen Satz später schiebt sie nach: „Meine Generation hat noch Landkarten gehabt."
Ein Hobbyprojekt mit Kriterienkatalog
Wer glaubt, es handle sich um ein Verzeichnis zum Selbsteintragen, irrt. Ein Kuratorium aus technischen ExpertInnen, AnwenderInnen und IT-Unternehmen entscheidet über jede Aufnahme, und der Kriterienkatalog ist knapp und unbequem: Die Lösung muss produktiv im Einsatz sein, es muss Referenzmaterial vorliegen, und der technologische Reifegrad muss stimmen – aufgenommen wird erst ab Technology Readiness Level 4.
„Wir haben das Ganze als Galerie empfunden, wo wir sagen: Wir stellen Use Cases aus", beschreibt Lippert den Zugang. Die Selektion ist spürbar: Nach Angaben des VÖSI wurden über 500 Projekte eingereicht, gelistet ist heute rund ein Drittel davon. Nach Angaben des Report Verlags sind über 80 Prozent der Einträge produktiv im Einsatz.
Was dabei entstanden ist, ist im Kern keine Schaufläche, sondern eine Referenzdatenbank: mit echten Ansprechpersonen, echten Erfahrungswerten und – das betont Lippert ausdrücklich – auch mit den Misserfolgen. „Die Landkarte steht stellvertretend für über 150 Projekte, die erfolgreich in Österreich laufen."
Wo die Immobilienbranche auf der Karte steht
Für die heimische Immobilienwirtschaft sind mehrere Einträge einschlägig. Da ist der RE/MAX KI-Hub, seit Juni 2025 online, entwickelt von der Wiener Innovationsagentur PROPUP gemeinsam mit RE/MAX Österreich. Kein Technologie-Showroom, sondern der Versuch, KI im Makleralltag praktisch nutzbar zu machen – für MaklerInnen, Office-Kräfte und GeschäftsführerInnen gleichermaßen. RE/MAX Österreich kommt auf rund 120 Büros und etwa 650 MaklerInnen; PROPUP begleitet das Unternehmen seit vier Jahren, vom digitalen Formularwesen über CRM-Schnittstellen bis zum Kundenportal.
Da ist PROPCORN AI aus Klosterneuburg, im Jänner 2024 gegründet von Niki Stadler (CEO), Benjamin Buchta (CPO) und Bertty Contreras Rojas (CTO). Die Plattform wertet mit Machine Learning und OCR Flächenwidmungs- und Bebauungsvorschriften, Grundbuch- und Transaktionsdaten aus und leitet daraus Nachverdichtungs- und Neubaupotenziale ab, inklusive Kaufpreisindikation. Die Pre-Seed-Runde summiert sich auf 800.000 Euro, die Abdeckung liegt seit heuer bei allen neun Bundesländern.
Und da ist ein Fall, der auf den ersten Blick nicht hierher gehört: ein KI-Sprachagent von EY, der den Produktsupport eines global tätigen Bauprodukt-Herstellers übernimmt. Kunden verstanden die Anwendung der Produkte schlecht – jetzt beantwortet ein Agent Fragen in Echtzeit, gestützt auf interne Unternehmensdaten. Streng genommen ist das produzierendes Gewerbe, nicht Immobilienwirtschaft. Aber es ist ein gutes Beispiel dafür, wie nah die Baubranche an Anwendungsfälle heranrückt, die sie bislang anderen überlassen hat.
Die interessantere Frage ist, wer fehlt
Der VÖSI listet die abgedeckten Branchen selbst auf: Industrie, Gesundheitswesen, Landwirtschaft, Tourismus, Handel, Medien, Energie, öffentlicher Sektor, Forschung und Innovation. Fällt etwas auf? Immobilienwirtschaft kommt in dieser Aufzählung nicht vor. Auch Bauwirtschaft nicht, auch Facility Management nicht.
Das ist keine böse Absicht, sondern ein Abbild der Einreichungen. Und es steht in einem bemerkenswerten Kontrast zu dem, was die Branche über sich selbst sagt. Im EY-Trendbarometer Immobilien-Investmentmarkt Österreich 2025 sehen 81 Prozent der über 90 Befragten in KI das Potenzial, immobilienwirtschaftliche Prozesse signifikant zu automatisieren. 79 Prozent halten KI für einen Beitrag gegen den Fachkräftemangel. 29 Prozent beobachten das Thema allerdings noch abwartend.
Das Interesse ist also da. Die Sichtbarkeit ist es nicht. Man kann das für eine Marginalie halten. Man kann es aber auch so lesen, wie es beim eAward diskutiert wurde: Europa gelte im geopolitischen Dauergespräch als jener Kontinent, der bei KI hinterherhinkt – wer sich die österreichischen Einreichungen ansehe, komme zu einem anderen Befund. Das Problem sei die Sichtbarkeit, nicht die Kreativität.
Für die Immobilienbranche gilt das doppelt.
Version zwei – und ein Ablaufdatum für Referenzen
Interessanter als der Bestand ist ohnehin, was jetzt kommt. Version 2.0 der Landkarte ist für November angekündigt, mit Schwerpunkt auf agentischer KI und dem Ziel von 200 Anwendungsfällen. Über 50 neue Fälle sollen dazukommen.
Bemerkenswert ist dabei der zweite Arbeitsauftrag, den sich das Team selbst gegeben hat. „Use Cases entwickeln sich weiter", sagt Manuel Moser. „Es ist unser Anspruch, dass sie aktualisiert werden – oder vielleicht heruntergenommen werden, wenn sie nicht mehr aktuell sind." Eine Referenzdatenbank, die ihre eigenen Einträge wieder löscht: In einem Feld, in dem Referenzen sonst gerne auf ewig stehen bleiben, ist das keine Selbstverständlichkeit.
Moser nutzte die Bühne im Palais Eschenbach für einen Aufruf an den Saal: „Wenn ich mir was wünschen darf, dann geht jeder, der heute nach Hause kommt – oder vielleicht morgen in der Früh –, auf die Landkarte und reicht seinen eigenen Use Case ein."
An die österreichische PropTech-Szene gerichtet heißt das konkret: Einreichungen laufen über ein offenes Formular auf der VÖSI-Website, sind laufend möglich und werden für Version 2.0 bis zum Launch im November berücksichtigt. Wer einreicht, braucht ein produktiv laufendes System, belegbares Referenzmaterial und eine Ansprechperson, die auch tatsächlich Auskunft gibt. Wer bloß eine Absichtserklärung hat, wird am Kuratorium scheitern – und das ist, ehrlich gesagt, der beste Teil an der ganzen Sache.
Alle Beteiligten arbeiten übrigens ehrenamtlich daran.