Der Mann, der die Transformation treibt – und Spaß dabei hat
Haberfellner verantwortet bei Swietelsky den Konzernbereich „Digitalisation & Construction Services“ (DCS). Der Konzern erzielte im Geschäftsjahr 2024/25 nach eigenen Angaben eine Bauleistung von 3,67 Milliarden Euro mit über 13.000 MitarbeiterInnen in 21 Ländern – und ist damit nach Unternehmensangaben Österreichs drittgrößtes Bauunternehmen. Sein Weg dorthin führte über die PORR und die STRABAG, ehe er 2022 zu Swietelsky wechselte; an der FH Campus Wien unterrichtet er nebenbei „Digitalisierung und Innovation“. Warum er das tut, sagt er im Video gleich selbst: nicht nur, weil das die Zukunft sei, „sondern weil es immens viel Spaß macht, die ganzen neuen Möglichkeiten auszuschöpfen und uns ein Stück weit besser zu machen“. Die Offenheit für die Technologie ist also da. Umso mehr Gewicht hat, wo er ihre Grenzen zieht.
Eine Wetter-App, drei Versuche, ein Wolkenbruch
Haberfellner steigt nicht mit Tools und Roadmaps ein, sondern mit dem Familienurlaub. Kroatien im Mai – „das ist schon ein kleines Risiko, weil da kann es regnen“. Also der Blick in die erste Wetter-App: regnerisch. In die zweite: 80 Prozent Regenwahrscheinlichkeit. Und in die dritte, die endlich sagt, was man hören will: 20 Prozent. Die Familie fuhr „voller Elan“ los. „Es hat natürlich geschüttet.“
Die Anekdote ist mehr als ein Schmunzler. Sie ist die Blaupause für das, was Haberfellner derzeit auf den Baustellen beobachtet: Man sucht so lange, bis ein System die bequeme Antwort liefert – und vertraut ihr dann. „Das Problem ist, wenn die Leute beginnen, KI-Systeme zu nutzen und ihnen zu vertrauen – und nicht mehr versuchen, ihnen zu widersprechen.“
Das größte Risiko von KI im Bauwesen: die Plausibilität
Der wunde Punkt ist für ihn nicht die Datenlage, sondern die Plausibilität. „Die KI klingt immer gut“, sagt Haberfellner. Sie lobt, sie bestätigt, sie formuliert überzeugend. „Und wenn die KI immer sagt, es passt, und man glaubt ihr – und es passt tatsächlich nicht, dann hat man das Problem.“
Daraus zieht er einen Satz, der hängen bleibt: „KI multipliziert Kompetenz – ins Positive und ins Negative.“ Wer Erfahrung hat und genau weiß, was zu tun ist, für den werde KI „der Multiplikator nach oben“. Wer dagegen noch nie betoniert habe und die Maschine frage, wie das gehe, der dürfe sich keine großen Zugewinne erhoffen. KI verstärkt also – aber sie verstärkt, was schon da ist.
Investiert wird in Menschen, nicht in Maschinen
Wo also ansetzen? Nicht die Technologie sei das Um und Auf, „wo wir investieren müssen, sind die Menschen“. Man müsse alle mitnehmen, manchen unter die Arme greifen, „damit sie verstehen, wie die Systeme funktionieren“. Denn es werde alles „immer komplexer, immer komplizierter und immer schneller – und nicht jeder kann dem folgen“.
Gerade am Bau, wo es um Sicherheit geht, hat das Gewicht. „Wir wollen Bauwerke, die über 100 Jahre existieren – dann muss das handfest sein. Und ich muss hinterfragen können, was mir die KI ausspuckt. Zu jeder Zeit.“ Hinterfragen wird so zur Kernkompetenz.
Im Gespräch: „KI ist kein Wundermittel“
Im Interview nach dem Vortrag wird er noch grundsätzlicher. Verlieren wir gerade den Fokus – wann braucht es einen regelbasierten Algorithmus, wann KI? Haberfellner greift zur BIM-Analogie: Als BIM begann, habe man schwarz-weiß gedacht – entweder 100 Prozent oder null. „Und bei KI machen wir genau das Gleiche.“ Er halte es nicht für sinnvoll, der KI einen Sonderstatus einzuräumen. „KI ist eine Technologie, die uns bei vielen Sachen wirklich unterstützen kann. Aber bei vielen Sachen ist es auch der Mensch, den ich befähigen muss. Bei vielen Sachen ist es der Prozess, der nicht passt. Und KI ist kein Wundermittel. Die Challenges, die ich habe, die bleiben die gleichen.“
Daraus folgt für ihn eine klare Grenze. Der größte Fehler wäre, „dass wir sagen, alles wird standardisiert, über alle Länder hinweg“ – das sei „grundlegend falsch“. Was Swietelsky ausmache, sei, dass die Leute auf den Baustellen genau wüssten, was sie wann und wie tun. „Vom kleinen Einfamilienhaus bis zum großen Tunnelbauprojekt“ reiche das Spektrum, mit vielen Gefahren und Unvorhergesehenem. „Es ist illusorisch zu denken, ich kann unter solchen Bedingungen ein ideales Prozessbild über 21 Länder tragen.“
Robotik: im Fokus, aber kein Ersatz
Und der nächste große Schritt, die Robotik? Das Thema habe man „sehr im Fokus“, so Haberfellner. Für eine zu 100 Prozent robotergestützte Baustelle im europäischen Raum sei es zwar noch zu früh – autonome Baustellen aus dem asiatischen Raum hätten „andere Rahmenbedingungen“. Doch er rechnet kurz- bis mittelfristig mit den ersten reifen Anwendungen humanoider Roboter auf der Baustelle; die Neuigkeiten dazu kämen „fast monatlich“. Bei aller Offenheit bleibt er bei seiner Linie: „Ich glaube nicht, dass die Robotik uns komplett ersetzen wird. Und ich glaube auch nicht, dass wir eins zu eins Mensch gegen Roboter ersetzen.“
Was bleibt
Eine PwC-Erhebung zur deutschen Bauindustrie, für die heuer zwischen Jänner und März 150 EntscheiderInnen befragt wurden, zeigt dieselbe Kluft: 80 Prozent trauen KI großes Potenzial zu, aber nur 13 Prozent attestieren sich die Fähigkeit, sie auch einzusetzen (PwC, 2026). Haberfellners Befund deckt sich mit diesen Zahlen – die Engstelle ist nicht das Modell, sie ist organisatorisch. Wie weit österreichische Unternehmen mit KI tatsächlich sind, zeigt unsere Übersicht der 25 heimischen PropTech-Unternehmen mit Künstlicher Intelligenz.
Die Frage, wer am Ende verantwortet, was die KI empfiehlt, zog sich durch die ganze KI Con – nachzulesen in unserem Bericht von der Veranstaltung. Bleibt die Frage, die das Video offen mitgibt: Lernen wir schnell genug, der Maschine zu widersprechen – bevor wir uns daran gewöhnt haben, ihr zu glauben?