Wien, 20. Mai 2026. Steffen Robbi (Digital findet Stadt) eröffnete das Podium mit einer Diagnose, die viele im Raum kennen: Trotz aller Ankündigungen ist die Bau- und Immobilienwirtschaft in Österreich noch stark auf der Chatbot-Ebene unterwegs. Die fünf Diskutanten bestätigten das nur teilweise.
KI in der Bauwirtschaft Österreich: Wo Unternehmen heute stehen
Die BIG Bundesimmobiliengesellschaft hat von ihren rund 1.300 Mitarbeitenden die Hälfte auf einer internen KI-Plattform. Jörg Hanke, CDO der BIG, beschrieb den Aufbau in drei Stufen: Beginn vor drei Jahren mit einem System für Zugriff auf internes Unternehmenswissen, dann Ausbau auf eine Plattform mit externen Sprachmodellen plus einem Eigenmodell, heute wöchentliche Coffee Chats zur Wissensverteilung. Zentrale Erkenntnis: Einführungskurse stoßen auf wenig Resonanz. Wer einmal anfängt, findet sich schnell zurecht.
Wolf-Dietrich Denk (FCP Fritsch, Chiari & Partner ZT) nannte als strategischen Ausgangspunkt die Entwicklungsgeschwindigkeit selbst: Ein großes Ziviltechnikbüro sei zu klein, um alles selbst zu entwickeln. FCP hat daraus eine Partnerschaftsstrategie gemacht — strategische Themen gemeinsam mit ausgewählten Partnern, alles andere eingekauft und laufend getestet. Und ausdrücklich nicht ein Jahr abgewartet: „In drei Monaten kann das Ding das, was es jetzt noch nicht konnte." Konkret: Datenauswertungen, für die die Messdatenabteilung bis zu einer Woche brauchte, erledigt die KI heute in Minuten.
Walter Haberfellner (Swietelsky AG) ordnete KI bewusst als „nichts Besonderes" ein — eine Gegenposition zum allgemeinen Stellenwert, den das Thema gerade hat. Swietelsky hat eine Phase hinter sich, in der viele Use Cases gesammelt wurden und die Hälfte beim näheren Hinsehen ohne KI auskam. Was geblieben ist: eine Governance-Struktur für Datenschutz und eine Schätzung, dass rund 15 Prozent der Prozesse im eigenen Bereich durch KI unterstützt oder neu aufgesetzt werden können.
KI und Entscheidungsverantwortung: Die eigentliche Gretchenfrage
Mit der zweiten Gesprächsrunde über KI-Entscheidungsprozesse verschob sich die Diskussion auf das eigentlich kritische Terrain. Wolfgang Kradischnig (DELTA) schilderte, wie eine unternehmensweite Befragung von über 400 Mitarbeitenden verlaufen ist: KI wird gut angenommen, wo das Ergebnis klar ist — für Visualisierungen, Datendarstellungen, Prozesse mit eindeutiger Input-Output-Beziehung. Sobald Interpretation gefragt ist, sobald es um strategische Einschätzungen geht, zieht Kradischnig eine klare Linie: „Dort, wo es zum Interpretieren beginnt im Strategischen, hat KI nichts zu suchen."
Was er als größte Gefahr benennt, ist nicht die Technologie, sondern das menschliche Verhalten ihr gegenüber. Menschen seien Komfortzone-Liebhaber. Die Versuchung, einfach eine Frage einzugeben und etwas zu bekommen, das gut klingt, sei enorm. „Es ist verdammt einfach, da nie etwas zu sagen, und es kommt immer was raus."
Haberfellner konkretisierte das mit einem Beispiel aus einem Vortrag eines großen Technologieanbieters: 1.000 Bewerbungen für eine Stelle, KI-präselektiert, dann eine Praktikantin als „Human in the Loop" für die finale Auswahl. Sein Urteil: „Das ist verantwortungslos." Der Befund dahinter ist ein psychologischer — Menschen hinterfragen andere Menschen kritischer als KI-Systeme. Ein Navi, das zur Umkehr auffordert, wird befolgt. Ein Beifahrer, der dasselbe sagt, nicht. „Wir müssen lernen, uns gegen Systeme zu entscheiden."
Dass Interface-Design dabei eine strukturelle Rolle spielt, ergänzte Haberfellner ausdrücklich: Wie Systeme gestaltet sind, entscheidet mit, ob Nutzerinnen und Nutzer überhaupt in der Lage sind, eigenständig zu urteilen und zu widersprechen.
KI-Rollout und Mitarbeiter-Akzeptanz: Prozesse neu denken, nicht ersetzen
Carina Zehetmaier (Paiper.One, KI-Beirat der österreichischen Bundesregierung) brachte die organisatorische Konsequenz auf den Punkt: Wer KI nachhaltig in der Bau- und Immobilienwirtschaft einsetzen will, muss Prozesse von Grund auf neu denken — nicht KI auf bestehende Abläufe aufsetzen. Paiper.One macht das seit Beginn 2025: Prozesse werden KI-nativ abgebildet, Systemlandschaften danach bewertet, ob sie mit KI-Agenten interagieren können. Das sei kein KI-Thema im engeren Sinn, sondern ein Change-Prozess. Die Chance, die Zehetmaier darin sieht: größte Aufwertung des Berufsbilds seit Einführung der EDV. Erstmals lasse sich Expertenwissen in einer Geschwindigkeit skalieren, die früher nicht denkbar gewesen wäre.
Jörg Hanke (BIG) schloss sich dem prozessualen Ansatz an. Systeme müssten künftig in der Lage sein, mit KI-Agenten zu interagieren — das sei das Kriterium, nach dem die BIG ihre gesamte Systemlandschaft bewertet. Und er nannte eine Zahl, die für ein Unternehmen seiner Größe bemerkenswert direkt ist: Rund die Hälfte der 1.300 Mitarbeitenden nutzt die interne Plattform aktiv. Die andere Hälfte noch nicht.
Punkt, kein Fragezeichen
Den klarsten Satz des Abends lieferte Haberfellner (Swietelsky): „Das ist überhaupt keine technologische Softwarelösung. Es scheitert am Menschen und Prozess. Punkt." Swietelsky sehe sich auf absehbare Zeit als People's Business — daran ändere KI strukturell nichts.
Kradischnig ergänzte mit einer praktischen Note aus dem Bauprojektalltag: KI-Unterstützung bei Nachtragsverhandlungen sei sinnvoll. Aber am Ende sitzt ein Mensch auf der anderen Seite des Tisches. „Du musst zu 100 Prozent zu dem Nachtrag stehen" — nicht zu dem, was das Sprachmodell formuliert hat.
Was die Runde verbindet, trotz unterschiedlicher Unternehmensgröße und Aufgabenstellung: KI-Entscheidungsprozesse in der Bauwirtschaft sind kein technisches Problem. Die Engstelle ist organisatorisch — und sie liegt beim Menschen.
Das Podium „KI-Roadmap durch die Anwendungsrealität" fand am 20. Mai 2026 im Rahmen der KI Con von Digital findet Stadt, Wien, statt. Diskutanten: Jörg Hanke (BIG), Wolf-Dietrich Denk (FCP), Walter Haberfellner (Swietelsky), Wolfgang Kradischnig (DELTA), Carina Zehetmaier (Paiper.One).