„Ohne Daten kein Kreislauf, ohne Markt kein Recycling“, gibt Julian Lechner gleich zu Beginn die Richtung vor. Zur Veranschaulichung hat der Saubermacher-Manager keine Grafik mitgebracht, sondern die Hydra aus der griechischen Mythologie. Schlägt man ihr einen Kopf ab, wachsen neue nach. Ein Deponieverbot ohne Verwertungsweg wirkt genauso: Das Material verschwindet nicht, es liegt dann eben beim Entsorger, wird länger gelagert oder weiter gefahren.
Für Lechner müssen drei Faktoren gleichzeitig stimmen: die technische Möglichkeit, Rechtssicherheit für Investitionen und ein Markt für das Rezyklat. „Was ist, wenn ich das beste Rezyklat der Welt herstelle, aber keiner braucht es? Es hilft relativ wenig.“
Baurestmassen: Viel verwertet, wenig ersetzt
Thomas Kasper hält dagegen, dass die Branche nicht bei null beginnt. Der Baustoff-Recycling Verband wurde voriges Jahr 35 Jahre alt. „Wir haben 12 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle in Österreich im Jahr, davon werden nur 800.000 deponiert“, so Kasper. Die jüngste Studie der TU Wien im Auftrag der STRABAG kommt für 2024 auf rund elf Millionen Tonnen, von denen 78 Prozent stofflich verwertet wurden.
Das Problem liegt am anderen Ende der Rechnung. Österreich verbraucht laut BRV rund 95 Millionen Tonnen mineralische Baustoffe im Jahr, Recycling-Baustoffe decken mit mehr als neun Millionen Tonnen rund ein Zehntel davon. Selbst wenn jede Tonne Bauschutt wieder eingebaut würde, käme nicht viel mehr dazu. Der Kreislauf wirkt nicht deshalb offen, weil schlecht recycelt würde, sondern weil das Land deutlich mehr verbaut, als es abreißt.
Bodenaushub: Zur falschen Zeit am falschen Ort
Der eigentliche Hebel liegt im Boden. Laut Statusbericht 2026 des Umweltbundesamts fielen 2024 rund 38 Millionen Tonnen Aushub an, die TU-Wien-Studie beziffert den deponierten Anteil auf knapp 60 Prozent – oft Material bester Qualität. Kasper nennt den Grund: Am Anfang einer Baustelle muss der Aushub schnell weg, am Ende braucht man Material. „Und die finden nicht zusammen.“
Seine Formel dafür lautet „Jedem Abfall sein Ende“. „Ein Boden, ein Abbruchmaterial wird ganz schnell zum Abfall. Und einmal unter das AWG und seine Verordnungen gestellt, kommt man ganz schwer wieder raus.“ Kasper plädiert für einen stofflichen Ansatz: Erfülle ein Sekundärrohstoff dieselben technischen Eigenschaften wie der Primärrohstoff, solle die Abfalleigenschaft enden. Österreich setze das noch nicht so um, die Anpassung komme im nächsten Jahr. Der Europäische Gerichtshof hat 2022 im Verfahren „Porr Bau“ (C-238/21) festgehalten, dass Aushub das Abfallende schon vor dem Einbau erreichen kann. Eine Aushubverordnung liegt im Entwurf vor.
Dann soll auch die Recycling Plattform Bau greifen, die der Verband im Mai beim BRV-Tag als Nachfolgerin der Recycling-Börse Bau vorgestellt hat. Die alte Börse kam laut Kasper auf 300 bis 500 Zugriffe im Jahr. Künftig sollen Anfallstelle, Zeitpunkt, Menge und Qualität des Aushubs schon bei Ausschreibung oder Angebot auf einer Karte stehen. Der Aushub, der heute auf die Deponie geht, ist nicht falsch entsorgt. Er ist zur falschen Zeit am falschen Ort.
Gipsrecycling: Eine Tür zu, eine auf
Wie es funktionieren kann, zeigt der Gips. Früher gingen laut Lechner über 90 Prozent auf die Deponie. Seit 1. Jänner 2026 gilt das Deponieverbot für Gipsplatten, die Recyclinggips-Verordnung regelt die Trennung auf der Baustelle. Am 23. Oktober 2025 eröffnete in Stockerau das Gips-zu-Gips-Recyclingwerk der GzG, ein Joint Venture von PORR, Saint-Gobain und Saubermacher, mit einer Kapazität von bis zu 60.000 Tonnen im Jahr im Endausbau. „Beim Gips haben wir eine Tür geschlossen und gleichzeitig die andere aufgemacht. Das ist eigentlich der ideale Weg.“ Die Angst vor dem Start sei groß gewesen, dass niemand liefert, weil der Gips weiter im Bauschutt verschwindet. Der Markt habe aber gut angezogen.
Billig ist der Weg nicht. Für ein Tiroler Unternehmen, so Kasper, ist die Deponie vor Ort günstiger als Stockerau, dazu kommen der Transport und die sortenreine Sammlung beim Rückbau. Von den ersten Versuchen 2015 bis zum Werk vergingen zehn Jahre.
Mineralwolle: Deponieverbot ab Jänner 2027
Weniger klar ist die Lage bei der künstlichen Mineralwolle. Ab 1. Jänner 2027 darf sie nicht mehr auf die Deponie. Mineralwolle aus der Zeit vor 1998 gilt als gefährlicher Abfall. Die Rechtslage sei noch nicht ganz wasserdicht, so Lechner, es gebe Ausweichwege. Österreichs erste Recyclinganlage für Mineralwolle baut Knauf Insulation in Ferndorf in Kärnten: rund 30 Millionen Euro für 19.500 Tonnen im Jahr. Die Baugenehmigung kam im September, der Start ist bis Jahresende geplant. Parallel arbeitet die Montanuniversität Leoben im Forschungsprojekt BitKOIN daran, eingeschmolzene Mineralwolle als Zementrohstoff einzusetzen. Ein Verbot ist eben noch kein Markt.
Digitaler Lieferschein: Das PDF ist kein Datensatz
Patrick Salber von Batsch bringt die Perspektive der Waage ein, also des Punkts, an dem Material erfasst wird. Jede neue Vorschrift bringe ein neues Formular, das händisch ausgefüllt wird. „Einen Lieferschein weiterzugeben als Dokument ist für niemanden ein Problem. Dieselben Daten strukturiert weiterzugeben, ist ein Riesenthema“, sagt Salber. Dann schrillten die Alarmglocken: Datenschutz, Betriebsgeheimnis. Dabei gehe es um dieselben Daten, die jeden Tag auf Papier hinausgehen. Ein abfotografierter Autoatlas navigiert eben nicht wie Google Maps.
Auch die KI hilft nur mit Ordnung. Wenn der Standort von 500 Containern nur im Kopf des Disponenten existiert, „kann ich die besten Modelle drauf loshetzen“, und es komme trotzdem nicht heraus, was man möchte.
Die Marktfrage habe sich verschoben, so Raffael Schilcher, SEQUELLO: Es gehe nicht mehr darum, ob man digitale Lieferscheine braucht, „sondern welcher Standard wird sich durchsetzen“.
Altlastenbeitrag statt Verbot
Dass Verbote allein reichen, glaubt am Podium niemand. „Neue Verbote schaffen sofort Umgehungskonstruktionen in den Köpfen“, konstatiert Kasper. Ein Anreizsystem fände er „persönlich sympathischer“, und eines gibt es schon: Der Altlastenbeitrag macht die Baurestmassendeponie derzeit um 10,60 Euro pro Tonne teurer als die Recyclinganlage. Dieses Delta finanziere das Baustoffrecycling seit Jahrzehnten an. Die Benchmark bleibe aber: „Am Ende muss unser Material ein bisschen billiger sein, nämlich auf der Baustelle im Vergleich zum Naturmaterial.“
Den größten Hebel sieht Kasper bei der öffentlichen Vergabe, wenn ÖBB, ASFINAG und Länder Recyclingmaterial ausschreiben und so planen, dass möglichst wenig Aushub anfällt. Für private Projekte setzt die EU-Taxonomie bereits eine Marke: Im Neubau sollen mindestens 70 Prozent der nicht gefährlichen Bau- und Abbruchabfälle für Wiederverwendung, Recycling und sonstige stoffliche Verwertung einschließlich Verfüllung vorbereitet werden, natürlich vorkommendes Material wie Aushub ausgenommen.
Genehmigung: Zwölf Jahre Wartezeit
Bleibt die Verfahrensdauer. Die Gipsanlage wurde laut Lechner in sieben bis acht Monaten genehmigt, eine Kompostanlage in einem anderen Bundesland brauchte acht Jahre. „Ich kann nicht zwei, drei Jahre investieren oder Finanzmittel entsprechend blockieren, damit ich dann glaube, in drei Jahren schaffe ich es vielleicht.“ Kasper nennt zwölf Jahre für eine Bodenaushubdeponie mit kleiner Stabilisierungsanlage und glaubt nicht daran, dass die Vorschriften weniger werden: „Wir streichen da keinen Paragrafen, keine Verordnung, keine Bestimmung. Weniger ist es noch nie geworden.“ Wer in zwölf Jahren eine Anlage betreiben will, muss heute wissen, was der Markt dann braucht.
Was bleibt
Die wichtigsten Fristen und Mengen:
Bau- und Abbruchabfälle 2024: rund 11 Millionen Tonnen, 78 Prozent stofflich verwertet (TU Wien/STRABAG)
Bodenaushub 2024: rund 38 Millionen Tonnen (Umweltbundesamt), knapp 60 Prozent deponiert (TU Wien/STRABAG)
Deponieverbot Gipsplatten: seit 1. Jänner 2026
Deponieverbot künstliche Mineralfasern: ab 1. Jänner 2027
Aushubverordnung: im Entwurf
Altlastenbeitrag Baurestmassendeponie: 10,60 Euro pro Tonne
In der Schlussrunde sind sich alle drei erstaunlich einig. Kasper setzt auf Kommunikation über gewohnte Grenzen hinaus: Recycler, ArchitektInnen und Hersteller an einem Tisch. Salber hält die Technik für bereit, es fehle der Wille, Systeme zu vernetzen. Lechner plädiert für partnerschaftliches Denken. Die Gipsanlage hätte keiner der drei Projektpartner allein geschafft.
SEQUELLO-Geschäftsführer Christian Hellerschmied bringt es im Gespräch am Rande auf den Punkt: „Wenn ich weiß, wie viel Rezyklat entsteht, aber nicht, wer diese Menge jetzt braucht – und nicht in drei Jahren –, dann ist der Kreislauf wieder unterbrochen.“
Das letzte Wort hat Lechner: „Nicht ganz extrem drüber reden, sondern wirklich einfach angreifen.“
Gerhard Popp, Redakteur · immobilien-redaktion.com (Herausgeber: Walter Senk)