Wer eine Immobilienkonferenz besucht, hört früher oder später das Wort seriell. Oder modular, oder industriell. In der Halle vorfertigen, auf der Baustelle zusammenbauen, schneller und günstiger – so lautet seit Jahren die Antwort auf die Frage, wie in Österreich und Deutschland wieder leistbarer Wohnraum entstehen soll. Gesagt wird das oft, gemacht selten.
GROPYUS macht es. Das Unternehmen wurde 2019 gegründet und baut Mehrfamilienhäuser in Holzbauweise. Dahinter stehen ein modulares Bausystem, automatisierte Serienfertigung und eine durchgehend digitale Planung. Rund 550 MitarbeiterInnen arbeiten in Wien, Berlin, Richen und Steinhaus. Und genau dieses Unternehmen muss nun für mehrere Tochtergesellschaften Insolvenzanträge stellen.
Das Geld kam nicht
Der Auslöser ist schnell erzählt. Eine vertraglich vereinbarte und bereits fällige Investorenfinanzierung wurde nicht wie geplant ausbezahlt. Die bestehenden Gesellschafter sind eingesprungen, ihr Geld hat aber nicht für alle Gesellschaften gereicht. Die GROPYUS AG ist nicht betroffen. Die Anträge laufen als Regelverfahren. Laut Unternehmen liegen Sanierungs- und Finanzierungskonzepte bereits vor, und die Gespräche mit InvestorInnen sind weit fortgeschritten.
„Die Anträge sind kein Rückzug, sondern ein aktiver Schritt, um diese Substanz zu sichern und GROPYUS neu aufzustellen“, sagt Philipp Erler, Gründer und CEO von GROPYUS. Die Investorengespräche will man „noch vor Eröffnung der Verfahren“ abschließen. Erler: „Unser Ziel ist klar: GROPYUS soll gestärkt aus diesem Prozess hervorgehen.“ Man wünscht es ihnen.
Ein Drittel der Bauzeit
Was GROPYUS anders macht, hat Erler im Exklusiv-Interview mit der Immobilien Redaktion erklärt. Der Unterschied sei, „dass wir alles aus einer Hand liefern können. Wir übernehmen neben der Planung auch die Bauausführung und können dank unserer Vorarbeiten der letzten Jahre und der Verbesserung der Technik eine verbindliche Aussage bezüglich Kosten und Fertigstellung treffen.“ Verbindliche Kosten und ein fixer Fertigstellungstermin – im Wohnbau ist das fast schon eine Provokation.
Möglich wird das, weil die Bauteile in der eigenen Fabrik vorgefertigt und auf der Baustelle nur noch zusammengebaut werden. „Wir sind um circa 35 Prozent günstiger als bei der herkömmlichen Baumethode“, rechnet Erler vor. Ein kleineres Wohnhaus in sehr komplizierter Lage in Berlin war von der Grundsteinlegung bis zur Fertigstellung in acht Monaten fertig. „Das ist nur ein Drittel der Bauzeit, die normalerweise veranschlagt wird.“
Dabei will GROPYUS niemanden verdrängen. „Unser Anspruch ist nicht, die bestehende Baumethode zu ersetzen, sondern Kapazitäten zu schaffen, damit mehr gebaut werden kann“, so Erler. Ohne Handwerksbetriebe gehe es trotz Automatisierung nicht.
Keine Geisterstädte
Der übliche Einwand gegen das modulare Bauen ist die Eintönigkeit. Erler lässt ihn nicht gelten: „In Berlin haben wir bei einem Wohnprojekt über 5.000 verschiedene Bauteile vorgefertigt, und es gibt nur wenige Bauteile, die öfter als einmal produziert wurden.“ Jedes Gebäude sei damit ein Unikat. „Wir wollen keine Geisterstädte bauen, und zwischen einem Architektenhaus und einem typischen Plattenbau ist noch sehr viel Raum.“
Die Vielfalt hat auch einen handfesten Grund, nämlich den Wohnungsmix und die Förderung. „Das Produkt Wohnen ist aufgrund der Regulierung und der Förderrichtlinien sehr komplex“, sagt Erler. „Es ist daher wichtig, dass die Wohnungen die exakte Größe haben.“ Für 5.000 verschiedene Teile braucht es keinen zusätzlichen Aufwand im Preis, wohl aber viel Arbeit im Vorfeld.
Gegenwind
Mittlerweile hat sich das Umfeld deutlich verschlechtert. Hohe Bau- und Finanzierungskosten drücken die Wirtschaftlichkeit, lange Planungs- und Genehmigungsverfahren verzögern Projektstarts. Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der jährlich genehmigten Wohnungen in Deutschland zwischen 2020 und 2025 um rund 35 Prozent gesunken. In Berlin, einem wichtigen Markt für GROPYUS, kommt die Debatte um die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände dazu. Unterm Strich: 35 Prozent günstiger zu bauen, nützt wenig, wenn um 35 Prozent weniger genehmigt wird.
Schwierige Zeiten kennt man bei GROPYUS. „Mit einem Unternehmen in den Lockdowns den Aufbau zu schaffen, war eine große Herausforderung“, sagte Erler im Interview. Damals blickte er nach vorne: „Ich denke, wir können Mitte 2026 und 2027 in hoher Schlagzahl zu bauen beginnen.“ Die Aufträge dafür gibt es. Laut Unternehmen hat GROPYUS einen substanziellen, vertraglich gesicherten Auftragsbestand in Deutschland und Österreich.
Um die Idee wäre es schade
Politik und Branche verlangen seit Jahren, dass schneller, günstiger und mehr gebaut wird. Wer das tatsächlich versucht, muss zuerst in Fabrik, Software und Prozesse investieren, lange bevor das erste Haus Geld einbringt. Genau in dieser Phase ist ein Unternehmen verwundbar, wenn eine fest zugesagte Finanzierung ausbleibt. Anders gesagt: Nicht die Idee ist gescheitert, sondern das Geld ist nicht gekommen.
Es wäre ein schlechtes Signal für den Wohnbau, wenn ausgerechnet das Unternehmen auf der Strecke bliebe, das das serielle Bauen nicht nur auf Podien vertritt, sondern in der Halle umsetzt. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass es nicht so weit kommt: Die AG bleibt unberührt, die Projekte sollen weiterlaufen, und die InvestorInnen sitzen am Tisch.
„Wir wollen jetzt den Wohnraummangel bekämpfen – mit gut eingespielten Prozessen und dem Einsatz des Know-hows, das wir in unserem Unternehmen schaffen konnten“, sagte Erler im Gespräch mit der Immobilien Redaktion. Der Wohnraummangel ist seither jedenfalls nicht kleiner geworden.