Warum veranstaltet ein Steuerberater einen Abend über die Weltlage statt über Steuerplanung? Thomas Haneder, Partner bei TPA, beantwortete die Frage gleich selbst: „Wir sind ja selber ein internationales Unternehmen. Wir sind selber von politischen, wirtschaftlichen Einflussfaktoren, die weltweit passieren, abhängig." 1979 in Langenlois gegründet, ist die TPA Gruppe heute in zwölf Ländern mit rund 2.100 MitarbeiterInnen tätig – historisch besonders stark im Immobilien- und Energiebereich. Sorana Cernea, Managing Partner von TPA Rumänien, lieferte den regionalen Blick: In Bukarest und Cluj begleiten rund 150 MitarbeiterInnen vor allem ausländische InvestorInnen, „davon ganz viele aus dem DACH-Raum".
Unterstützt wurde der Abend von GPF Global, Aon und Graf Isola Rechtsanwälte. Danach gehörte die Bühne drei Rednern, die das Publikum nicht unbedingt beruhigten.
Drei Komfortzonen weniger
Johannes Hahn, langjähriger EU-Kommissar für Regionalpolitik, Erweiterung und Budget, begann mit einer Bestandsaufnahme. Europa habe sich jahrzehntelang in drei Komfortzonen aufgehalten: „Die erste war billige Energie, vorzugsweise aus Russland. Die zweite war Sicherheit, bereitgestellt durch die USA, und die dritte war billige Technologie aus China." Alle drei Gewissheiten seien so nicht mehr da. Europa befinde sich im Übergang vom Payer zum Player – und das werde dauern.
Die Stärke liege in der wirtschaftlichen Dimension, im Binnenmarkt. Vollendet sei der aber noch lange nicht. Hahn rechnete das an einem privaten Beispiel vor: Die Ummeldung seines Autos von Belgien nach Österreich habe fünf Wochen gedauert, sein Mechaniker habe nur gesagt: „Willkommen in meiner Welt." Man könnte auch sagen: Der Binnenmarkt endet gelegentlich an der Zulassungsstelle.
Erweiterung als Investment
Den Kern seines Vortrags bildete die EU-Erweiterung. Mit der Ukraine müsste das EU-Budget um rund 20 Prozent wachsen. Das klinge dramatisch, so Hahn – nur mache das EU-Budget knapp über ein Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung aus. Unterm Strich gehe es also um rund 0,2 Prozent. „Das ist allemal ein tolles Investment." Wer die Rechnung so herum aufstellt, nimmt der Debatte einiges an Schärfe.
Dazu passten die Zahlen, die das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche am selben Tag veröffentlicht hatte. Laut Hahn wachsen die sechs Westbalkan-Staaten heuer um 3,2 Prozent und 2027 um 3,3 Prozent, Österreich kommt auf 0,1 und ein Prozent. Prognosen bleiben Prognosen. Der Abstand ist trotzdem bemerkenswert.
Das Problem liege woanders: „Es gibt kein Mitgliedsland, wo es heute eine Mehrheit gibt für den Beitritt eines neuen Mitgliedslandes." Sein Appell richtete sich deshalb direkt an die Wirtschaft, sich proaktiv in die Debatte einzumischen – „weil es letztlich in Ihrem ureigensten Interesse ist". Im Gespräch nach dem Vortrag nannte er die zweite Baustelle: mehr Privatkapital. Europa sei traditionell bankenfinanziert, und Banken seien per Definition risikoavers. „Ich könnte fast sagen, es ist angerichtet. Aber man muss sich zum Tisch setzen und auch die Möglichkeiten nutzen."
Wer wartet, kommt als Letzter
Wolfgang Anzengruber, früher Verbund-Chef und heute Regierungskoordinator für den Wiederaufbau der Ukraine, stellte zunächst klar: Österreich starte nicht bei null. Rund 200 heimische Unternehmen haben in der Ukraine Tochtergesellschaften oder Niederlassungen mit fast 30.000 Beschäftigten, rund 1.000 Unternehmen unterhalten aktive Geschäftsbeziehungen. Der Außenhandel wuchs laut Anzengruber im Vorjahr um 17 Prozent, in den ersten fünf Monaten heuer um 28 Prozent, auf zuletzt rund 850 Millionen Euro.
Noch sei das vor allem Produktgeschäft. Was jetzt beginne, sei das Projektgeschäft – komplexer, großvolumiger und abhängig von der Finanzierung: Eigenkapital über europäische Instrumente, Fremdkapital über die internationalen Finanzinstitutionen, eine Absicherung des politischen Risikos über die Kontrollbank und eine Versicherung gegen Kriegsschäden. Bei den internationalen Finanzinstitutionen stünden für die Ukraine derzeit rund 180 Milliarden Euro bereit. Nur seien diese untereinander kaum koordiniert. Anzengrubers Wunsch an Brüssel: „Die einen konzentrieren sich mehr am Wohnbau, die anderen mehr auf Energie, die anderen mehr auf Landwirtschaft." Für die heimische Bau- und Immobilienwirtschaft ist das der vielleicht konkreteste Satz des Abends.
Und auf den Einwand, dort herrsche doch Krieg? „Wenn wir starten, wenn der Krieg vorbei ist, dann sind wir Letzter." Es seien alle schon dort, von den Chinesen bis zu den Amerikanern.
Speicher statt Großkraftwerk
Wie verletzlich zentrale Strukturen sind, zeigte Anzengruber am Energiesystem der Ukraine. Erneuerbare decken dort rund fünf Prozent des Energiebedarfs, in Österreich rund 40 Prozent. Ein einziges Kraftwerk versorge ein Drittel Kiews mit Strom und Wärme – effizient im Frieden, ein Ziel im Krieg.
Österreich sieht er besser aufgestellt: dezentral, mit sehr vielen Erzeugungseinheiten. „Es geht nicht nur darum, einen Anschlag zu verhindern, sondern es müsste auch darum gehen, wenn so etwas einmal passiert, wie schnell wir wieder hochkommen." Den nächsten großen Investitionsboom erwartet er bei Speichern, um die Volatilität der Erneuerbaren auszugleichen. Und zwar „die richtigen Speichersysteme an den richtigen Orten".
Brecherwellen
Ulrike Franke wählte ein literarisches Bild: Europa als Insel, die sich vom Kontinent löst und auf hoher See treibt. Laut Eurobarometer nennen 44 Prozent der EuropäerInnen und 43 Prozent der ÖsterreicherInnen Unsicherheit als ihr vorherrschendes Gefühl.
Die Gründe dafür lieferte Franke gleich mit. Die USA hätten im Mai angekündigt, der NATO deutlich weniger Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen, darunter alle acht bisher bereitgestellten Tankflugzeuge. „Wir sind bereits heute in einer neuen Ära." Dazu komme ein russischer Schattenkrieg aus Sabotage, Cyberangriffen und Drohnenflügen über kritischer Infrastruktur – auch in Österreich.
Bemerkenswert war ihr Befund zum Tempo. Ein ukrainischer Drohnenhersteller habe ihr erzählt, dass Systeme anfangs ein Jahr auf dem Schlachtfeld bestanden. Heute werde alle zwei Wochen geprüft, ob sie noch funktionieren. Beschaffungsprozesse über zehn Jahre könne sich Europa nicht mehr leisten.
Rosa Lyon fasste die Stimmung im Saal ehrlich zusammen: „Sie haben mir jedenfalls richtig Angst gemacht." Franke hielt dagegen. Ihr Idealszenario sei, Milliarden für Systeme auszugeben, die nach 20 Jahren ungenutzt verschrottet werden. Abschreckung sei dafür da, dass nichts passiert. Und Resilienz beginne nicht erst beim Militär: Wer bei einem Stromausfall nicht in Panik gerate und „vielleicht mal ein paar Liter Wasser im Keller" habe, helfe schon.
Was bleibt
Ein Abend, der die Weltlage nicht schönredete. Im Publikum kam er trotzdem nicht als Weltuntergang an. „Ich glaube, was ich mir selber mitnehme, auch wenn die Situation sehr negativ ist, ist einfach, dass wir selber die Möglichkeit haben, das zu verändern", sagt Denise Kovarik, Glacier. Eva Moosbrugger, Weingut Schloss Gobelsburg, die den Wein zum Abend lieferte und hinter ihrer Theke zugehört hatte, fand die Vorträge „teilweise positiv, teilweise sehr negativ, aber meiner Meinung nach sehr realistisch". Ihr Schluss: „Ich glaube, dass jeder von uns da auch viel dazu beitragen kann, dass wir es nicht so schlimm ausgehen lassen, wie es scheint."
Gerhard Popp, Redakteur · immobilien-redaktion.com (Herausgeber: Walter Senk)