Wienerberger: Buy-and-Build-Strategie eines stillen Serientäters

vor 8 Stunden

4 Minuten

Heimo Scheuch kauft seit sechzehn Jahren zu. 2025 war keine Ausnahme — und 2026 wird, wenn alles hält, noch dichter. Der Wienerberger-Chef hat aus dem weltgrößten Ziegelproduzenten eine Buy-and-Build-Maschine gemacht, die mit Tondachziegeln längst nicht mehr das große Geld verdient: über zwanzig Übernahmen seit 2021, das Gros davon weit weg von der DACH-Heimat. Wer die Konzentration in der Bauwirtschaft verstehen will, fängt am besten beim unauffälligsten der drei großen heimischen Player an.

Vom Ziegel zum System: die Diversifikation eines Ziegelherstellers

Man stellt sich Wienerberger als Ziegelkonzern vor. Das stimmt heuer nur noch zur Hälfte. Der größte Geschäftsbereich heißt Pipelife und macht mit Rohrsystemen mehr als 30 Prozent des Umsatzes. Der Renovierungsanteil am Geschäft kletterte 2025 auf 38 Prozent, der Neubauanteil sank auf 43 — eine Verschiebung, die kein Zufall ist, sondern das Ergebnis einer langen Serie gezielter Zukäufe weg vom konjunkturanfälligen Neubau. Die Buy-and-Build-Strategie ist in der Baustoffindustrie kein Schlagwort, sondern hier in Reinform zu besichtigen.

Die Zahlen für 2025 geben Scheuch recht: 4,6 Milliarden Euro Umsatz, ein operatives EBITDA von 754 Millionen bei einer Marge von 16,5 Prozent, ein Nettogewinn von 168 Millionen Euro — gegenüber 84 Millionen im Jahr davor also verdoppelt. Der Free Cashflow von 474 Millionen war der zweithöchste der Firmengeschichte. „Unsere starken Ergebnisse für 2025 zeigen die Widerstandsfähigkeit unseres Geschäftsmodells", lässt sich Vorstandsvorsitzender Heimo Scheuch dazu zitieren. Widerstandsfähig heißt in diesem Fall: breit aufgestellt genug, dass die Schwäche eines Marktes von der Stärke eines anderen aufgefangen wird.

Die Liste wird länger

Der Rhythmus ist bemerkenswert. Die mit Abstand größte Übernahme der Firmengeschichte war Terreal samt Creaton, abgeschlossen im Februar 2024 — ein Dachsystem-Anbieter mit rund 3.000 Beschäftigten, einem Unternehmenswert von 600 Millionen Euro und Werken in Frankreich, Italien, Spanien, den USA und Deutschland. Davor schon hatte Meridian Brick (2021, 250 Millionen US-Dollar) das Nordamerika-Geschäft verdoppelt.

Und dann ging es Schlag auf Schlag: Maincor in Großbritannien, GrainPlastics in den Niederlanden, das finnische Slatek und das norwegische Tekken, der tschechische Betonpflaster-Produzent Lesonice, die irische MFP, die französische Photovoltaik-Tochter GSEi von 51 auf 100 Prozent aufgestockt. 2026 legt Wienerberger nach: Mit der schwedischen NEWS Group (Closing Ende April) baut der Konzern sein Wassermanagement im Norden aus, mit der serbischen Univerzum-Gruppe (Signing im Mai) die Marktführerschaft bei Hintermauerziegeln am Balkan.

Der dickste Brocken steht noch aus. Im Februar kündigte Wienerberger an, 50 Prozent plus eine Aktie an der italienischen Italcer-Gruppe zu übernehmen — Premium-Keramik, rund 350 Millionen Euro Umsatz, etwa 1.200 Beschäftigte, mit Kaufoption auf den Rest 2027. Das Closing wird, vorbehaltlich der kartellrechtlichen Freigabe, für das zweite Quartal 2026 erwartet; der EBITDA-Beitrag von mittelfristig über 100 Millionen Euro ist bis dahin eine Prognose des Unternehmens, keine Ist-Zahl.

Konzentration beim Bauzulieferer

Hier liegt der entscheidende Unterschied zu den beiden anderen Giganten: Wienerberger baut nicht. Der Konzern führt kein einziges Bauvorhaben aus, er beliefert es. Die Einkaufstour zielt deshalb nicht auf Marktanteile im Wettbewerb um Aufträge, sondern auf Produkte, Regionen und Technologien — Drainage, Sensorik, Dachsysteme, Wassermanagement. Genau dieses Wassermanagement macht den Bauzulieferer zunehmend zum Infrastrukturlieferanten und bringt ihn thematisch in die Nähe dessen, was Strabag mit der Übernahme der WTE Wassertechnik vorhat. Das ist Konzentration auf der Zulieferseite, und sie fällt politisch weniger auf als ein Baukonzern, der den Mitbewerber schluckt.

Bleibt die Frage, wie lange das Tempo hält. Die Nettoverschuldung sank 2025 zwar auf 1,64 Milliarden Euro — doch Italcer, NEWS und Univerzum kosten Geld, und der europäische Neubau erholt sich nur zögerlich. Scheuchs Mandat wurde bis 2029 verlängert. Die Einkaufsliste dürfte bis dahin nicht kürzer werden.

Die Übernahmen im Überblick (2021–2026)

Datum

Ziel

Land

Anteil

Kaufpreis/Wert

Segment

Juli 2021

FloPlast & Cork Plastics (via Pipelife)

UK / IE

100 %

n.v. (~100 Mio. € Umsatz)

Rohrsysteme

Okt. 2021

Meridian Brick

USA / CA

100 %

250 Mio. USD

Ziegel Nordamerika

2022

Mayr Dachkeramik

DE

100 %

n.v.

Keramik-Dachzubehör

2022

QPS

NO

n.v.

n.v.

Wassermanagement

2022

Vargon

HR

n.v.

n.v.

Rohrsysteme (in-house)

Jän. 2023

Otto Bergmann, Werk Steinheim

DE

100 %

n.v.

Poroton-Hintermauerziegel

Feb. 2023

Komproment ApS

DK

100 %

n.v.

Hinterlüftete Fassaden

April 2023

Strøjer Tegl

DK

100 %

n.v.

Vormauerziegel

April 2023

Wideco Sweden

SE

85 %

n.v.

IoT-Sensorik Energie/Wasser

Jän. 2024

Maincor Ltd.

UK

100 %

n.v.

Fußbodenheizung/Verbundrohre

Feb. 2024

Terreal + Creaton

FR/IT/ES/USA/DE/BE

100 %

EV 600 Mio. €

Dachsysteme (~3.000 MA)

Feb. 2024

Summitville Tiles (via General Shale)

USA

100 %

n.v.

Thin Brick / Keramik

Mai 2024

GrainPlastics (via Pipelife)

NL

100 %

n.v. (~30 Mio. € Umsatz)

Drainage/Kabelschutz

Okt. 2024

Slatek OY

FI

Mehrheit

n.v.

Wasser-Automatisierung

Okt. 2024

Tekken AS

NO

100 %

n.v.

Pumpstationen/Wasserinfrastruktur

Okt. 2024

Betonarna Lesonice

CZ

n.v.

n.v.

Betonpflaster/Schallschutz

2024

ULMO (Plattformgründung)

NO

Wassermanagement (Buy-and-Build)

Juni 2025

MFP Sales Ltd (via Pipelife)

IE / UK

100 %

n.v. (~25 Mio. € Umsatz)

Rohrsysteme

Juli 2025

GSEi (GSE Intégration)

FR

51 % → 100 %

n.v. (82 Mio. € Umsatz)

In-Roof-Photovoltaik

Feb. 2026*

Italcer Group

IT / ES

50 % + 1 Aktie

n.v. (~350 Mio. € Umsatz)

Premium-Keramik (~1.200 MA)

April 2026

NEWS Group

SE / Nordics

100 %

n.v. (>20 Mio. € Umsatz)

Wassermanagement

Mai 2026*

Univerzum Group

RS

stufenw. 100 %

n.v. (~20 Mio. € Umsatz, 2026e)

Hintermauerziegel

*Italcer (Closing Q2 2026 erwartet, Kaufoption auf den Rest 2027) und Univerzum (Signing Mai 2026, Vollzug vorbehaltlich Freigaben) waren zum Redaktionsstand noch nicht final vollzogen. „n.v." = Kaufpreis nicht veröffentlicht. Auswahl der wesentlichen Transaktionen; Wienerberger meldet seit 2021 über zwanzig Zukäufe.

Häufige Fragen

Was ist eine Buy-and-Build-Strategie in der Baustoffindustrie?

Ein Konzern kauft eine Reihe kleinerer Unternehmen zu und baut sie zu einer größeren Plattform aus — statt allein organisch zu wachsen. Wienerberger nutzt das, um neue Produktfelder und Regionen zu erschließen.

Warum diversifiziert Wienerberger weg vom Ziegel?

Der Neubau ist konjunktur- und zinsabhängig. Mit Rohrsystemen, Wassermanagement, Dachsystemen und dem Renovierungsgeschäft (2025 bereits 38 Prozent des Umsatzes) macht sich der Konzern unabhängiger von der Neubaukurve.

Welche Unternehmen hat Wienerberger zuletzt übernommen?

Zu den jüngsten Zukäufen zählen die schwedische NEWS Group (Wassermanagement), die serbische Univerzum-Gruppe (Hintermauerziegel) und die geplante Mehrheit an der italienischen Italcer-Gruppe (Keramik). Die größte Übernahme der Firmengeschichte war Terreal/Creaton (2024, Unternehmenswert 600 Millionen Euro).

Was bedeutet Wassermanagement für einen Bauzulieferer?

Es verschiebt das Geschäft vom klassischen Baustoff hin zur Infrastruktur — Drainage, Pumpstationen, Abwasserlösungen, Sensorik. Für Wienerberger ist es eines der margenstärksten Wachstumsfelder.

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