Es gehört zu den freundlicheren Ironien dieses Berufs: ArchitektInnen denken in Jahrzehnten. Ein Gebäude, das heute in die Genehmigung geht, steht in fünf Jahren, wird vierzig Jahre genutzt und irgendwann hoffentlich sinnvoll umgebaut. Man plant also, wie kaum jemand sonst in der Wirtschaft, weit über den eigenen Horizont hinaus.
Und dann schaut man in die eigenen Bücher und sieht zehn Monate.
Anderthalb Monate weniger als im Vorjahr, um genau zu sein. Klingt nach einer Fußnote. Ist es nicht. Anderthalb Monate sind in einem Planungsbüro der Unterschied zwischen „wir schauen uns das im Herbst an" und „wir müssen jetzt etwas tun".
Was der Auftragsbestand überhaupt misst
Kurz für alle, die die Kennzahl im Alltag anders nennen: Der Auftragsbestand gibt an, wie viele Monate ein Büro mit den bereits beauftragten Leistungen ausgelastet wäre, wenn kein einziger neuer Auftrag mehr hereinkäme. Er ist damit kein Umsatzwert, sondern eine Reichweite — das Polster zwischen heute und dem Punkt, an dem die Kapazität leerläuft.
Zehn Monate klingen nach viel. Für eine Branche, in der zwischen erster Anfrage und Beauftragung locker ein halbes Jahr vergeht, sind sie es nicht.
Wer da eigentlich gefragt hat
Zur Einordnung, weil bei Konjunkturzahlen die Herkunft mindestens so wichtig ist wie das Ergebnis: Hinter der Erhebung stehen vier Institutionen gemeinsam — der AHO, also der Ausschuss der Verbände und Kammern der Ingenieure und Architekten für die Honorarordnung, die Bundesarchitektenkammer (BAK), der VBI und die Bundesingenieurkammer (BIngK). Durchgeführt wurde sie von IW Consult und Reiß & Hommerich, online, im Mai und Juni 2026.
Bemerkenswert ist schon die Beteiligung. 4.859 Büros haben mitgemacht, im Jahr davor waren es 2.452. Fast eine Verdoppelung. Wenn sich die Teilnahme an einer Konjunkturumfrage so entwickelt, sagt das erfahrungsgemäß weniger über die Umfrage aus als über die Stimmung derer, die sie ausfüllen. Wer zufrieden ist, hat für Fragebögen selten Zeit.
Die Schere geht auf
Über alle Büros hinweg liegt der Auftragsbestand bei 10,7 Monaten, nach 11,2 im Vorjahr. Ein halber Monat weniger — damit ließe sich leben, das wäre eine ruhige Meldung.
Nur: Dieser Durchschnitt beschreibt kein einziges reales Büro.
Zerlegt man ihn, zerfällt er in zwei Bewegungen, die in verschiedene Richtungen laufen. Die Ingenieurbüros liegen mit 11,3 Monaten praktisch stabil auf Vorjahresniveau (11,1). Die Architekturbüros verlieren 1,5 Monate. Der Durchschnitt ist also nicht die Mitte, sondern das rechnerische Ergebnis eines Auseinanderdriftens.
Auftragslage im Vergleich
Kennzahl | Architekturbüros | Ingenieurbüros |
Auftragsbestand in Monaten | 10,0 (Vorjahr 11,5) | 11,3 (Vorjahr 11,1) |
Auftragsbestand alle Büros | 10,7 Monate (Vorjahr 11,2) | |
Wirtschaftliche Lage „schlecht/eher schlecht" (Jahresbeginn 2026) | 22 % | 19 % |
Erwarten Auftragsrückgang 2026 | 35 % | 26 % |
Sehen Gefahr einer Betriebsschließung | 5 % (14 % Zukunft ungewiss) | |
Quelle: Gemeinsame Konjunkturbefragung von AHO, BAK, VBI und BIngK; Erhebung Mai/Juni 2026; n = 4.859 Büros; Durchführung IW Consult und Reiß & Hommerich.
Die Erklärung dafür ist unspektakulär, und genau deshalb hält sie: Architekturbüros hängen deutlich stärker an privaten AuftraggeberInnen. Private Bauherrschaften aber kündigen, verschieben oder kürzen Leistungen, sobald die Finanzierung nicht mehr aufgeht — und das tun sie schnell, weil sie es können. Öffentliche Infrastruktur- und Tiefbauprojekte, das Brot vieler Ingenieurbüros, laufen dagegen weiter. Langsamer vielleicht. Aber sie laufen.
Sieben Monate sind kein Polster
Richtig unangenehm wird es, wenn man nach Bürogröße sortiert. Bei den Ingenieurbüros reicht der Auftragsbestand von 7,7 Monaten bei Ein-Personen-Büros bis zu 13,8 Monaten bei Büros mit zehn bis 25 Beschäftigten.
Auftragsbestand nach Bürogröße (Ingenieurbüros)
Bürogröße | Auftragsbestand |
Ein-Personen-Büro | 7,7 Monate |
10 bis 25 Beschäftigte | 13,8 Monate |
Quelle: Konjunkturbefragung 2026, Erhebung Mai/Juni 2026.
Sechs Monate Unterschied. Dieselbe Branche, derselbe Markt, dasselbe Jahr.
Das ist keine statistische Kuriosität, das ist die eigentliche Nachricht. Denn die deutsche Planungslandschaft besteht in weiten Teilen aus genau jenen kleinen Einheiten, die hier am schlechtesten wegkommen. Fünf Prozent aller befragten Büros sehen laut Erhebung die Gefahr einer Betriebsschließung, 14 Prozent bezeichnen ihre Zukunft als ungewiss — ganz überwiegend Büros mit weniger als zehn Mitarbeitenden.
Man kann das mit dem üblichen Vokabular als Marktbereinigung abbuchen. Aber ganz ehrlich: Ein Ein-Personen-Büro mit 7,7 Monaten Auftragsbestand hat keinen Puffer, um eine zähe Ausschreibungsphase zu überstehen, keine Reserve für einen Rechtsstreit und keine freien Kapazitäten, um nebenbei drei Wettbewerbe zu bearbeiten. Wettbewerbe kosten Wochen und bringen in der Mehrzahl der Fälle nichts.
Die Größenschere ist damit auch eine Zugangsschere. Wer keinen Puffer hat, kann sich das Verfahren nicht leisten, über das die interessanten Aufträge vergeben werden. Und wer sich das Verfahren nicht leisten kann, bekommt auch keinen Puffer.
Die Auftragslage kippt nicht. Sie spreizt sich.
Für das zweite Halbjahr 2025 meldeten 37 Prozent der Ingenieurbüros eine rückläufige Auftragslage — 30 Prozent aber eine gestiegene. Im Jahr davor lagen die Werte bei 35 beziehungsweise 27 Prozent. Die Bundesingenieurkammer formuliert in ihrer Pressemitteilung, die Lage sei volatiler geworden, und das trifft es deutlich besser als jede Abschwungsrhetorik.
Denn was hier sichtbar wird, ist kein flächendeckender Absturz. Es ist eine Spreizung. Ein knappes Drittel wächst, gut ein Drittel schrumpft, der Rest hält die Stellung.
Für die einzelne Bürochefin heißt das: Der Branchendurchschnitt sagt über die eigene Lage praktisch nichts mehr. Man kann sich nicht mehr daran orientieren, wie es „der Branche" geht, weil es der Branche nicht einheitlich geht. Planungssicherheit wird — ausgerechnet in der Planungsbranche — zur knappen Ressource.
Der Ausblick bleibt entsprechend verhalten. 35 Prozent der Architektur- und 26 Prozent der Ingenieurbüros rechnen für 2026 mit einem weiteren Auftragsrückgang. Zum Jahresbeginn 2026 bewerteten 22 Prozent der Architektur- und 19 Prozent der Ingenieurbüros ihre wirtschaftliche Lage als schlecht oder eher schlecht.
Nicht die Zinsen. Die Formulare.
Und jetzt die Zahl, über die man am längsten nachdenken sollte.
Bei den Hemmnissen für 2025 steht ganz oben nicht das, was man erwarten würde. Nicht die Baukosten, nicht die Zinsen. Sondern die regulatorischen Anforderungen: 41 Prozent nennen sie als Bremse. Knapp dahinter der wirtschaftliche Abschwung mit 40 Prozent, dann gestörte Projektabläufe mit 36 Prozent. Bei den Architekturbüros kommen gestiegene Materialkosten dazu.
Regulatorik vor Konjunktur. Das verschiebt die ganze Debatte. Ein Zinsniveau kann man aussitzen — Zinsen ändern sich, das haben sie immer getan. Ein Genehmigungsverfahren sitzt man nicht aus, das sitzt einen aus.
Und wenn ausgerechnet in einer Branche, deren Kerngeschäft darin besteht, Regelwerke in gebaute Realität zu übersetzen, das Regelwerk selbst zum meistgenannten Hemmnis wird — dann ist das ein Befund über den Zustand des Systems. Nicht über den Zustand der Büros.
Vier Jahre schlechte Laune
Die Bundesarchitektenkammer erhebt gemeinsam mit dem ifo Institut zusätzlich monatlich Geschäftslage, Geschäftsklima und Erwartungen — bei einem Panel von knapp 300 Architekturbüros aus allen Bundesländern. Die Reihe reicht in ihrer heutigen Form bis ins vierte Quartal 2017 zurück, ihre Vorläuferin bis 2005. Sie kann damit, was die Jahresbefragung nicht kann: einordnen.
Das Ergebnis ist ernüchternd. Seit 2022 trübt sich das Geschäftsklima kontinuierlich ein. Im Juli 2026 lag der Lageindikator weit unter dem Langzeitdurchschnitt von 31,6 Punkten. Die Geschäftserwartungen pendeln seit vier Jahren um einen negativen Saldo von rund minus 20.
Vier Jahre. Das ist die Zahl, die man sich merken sollte. Was 2022 als Reaktion auf Zinswende und Materialpreise begann, ist längst kein Schock mehr. Es ist der Normalzustand geworden — und Normalzustände werden bekanntlich seltener repariert als Krisen.
Der Aufschwung kommt. Nur woanders zuerst.
Es gibt eine Gegenbewegung, und man soll sie nicht unterschlagen. Für 2026 erwarten die Wirtschaftsforschungsinstitute erstmals seit vier Jahren wieder wachsende Bauinvestitionen in Deutschland: Die Gemeinschaftsdiagnose vom Herbst 2025 nennt ein Plus von 1,7 Prozent, die ifo-Konjunkturprognose vom Winter 2025 sogar 2,3 Prozent.
Nur hilft das den Planungsbüros zunächst wenig. Bauinvestitionen sind für Planungsleistung ein nachlaufender Indikator, kein vorlaufender. Was in diesem Jahr gebaut wird, wurde vor zwei bis drei Jahren geplant — also mitten im Tief. Ein Anziehen der Bauinvestitionen wärmt zuerst die Bauwirtschaft und erst mit Verzögerung jene, die gezeichnet haben.
Umgekehrt gilt derselbe Satz, und der ist der wichtigere: Was heute geplant wird, entscheidet über die Baustellen von 2029. Zehn Monate Auftragsbestand sind deshalb nicht nur ein Problem der Büros. Sie sind ein Vorbote.
Zur Größenordnung: In den 16 Länderarchitektenkammern waren zum Stichtag 1. Januar 2026 rund 142.347 Personen eingetragen — ArchitektInnen, InnenarchitektInnen, LandschaftsarchitektInnen und StadtplanerInnen. Auf diese Grundgesamtheit verteilen sich die zehn Monate.
Was bleibt: die Verteilung
Die vollständige betriebswirtschaftliche Auswertung — Leistungs- und Kostenstruktur — will die Bundesarchitektenkammer im Herbst 2026 vorlegen. Erst dort wird man sehen, was der Auftragsrückgang mit den Margen macht, und das ist am Ende die härtere Frage. Der Ergebnisbericht zu den Konjunkturfragen datiert vom 28. Juli 2026.
Bis dahin bleibt eine Momentaufnahme, die sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Der Markt ist nicht weg. Er ist ungleich verteilt.
Große Büros haben Reserven, kleine haben sieben Monate. Ingenieurbüros haben Infrastruktur, Architekturbüros haben private AuftraggeberInnen. Und alle haben mehr Regulatorik als im Vorjahr.
Ob 2027 anders aussieht, hängt weniger an den Zinsen als an einer schlichteren Frage — ob die angekündigten Investitionen tatsächlich in Planungsaufträge übersetzt werden. Und ob sie bei jenen ankommen, die keine 13,8 Monate Puffer haben.
Wir wissen es nicht. Fragen wir im Herbst noch einmal nach.