Nach der Premiere 2024 in der Wiener Hofburg lud die Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft (ÖGNI) heuer zum zweiten Mal zu ihrem Symposium, diesmal ins Ronacher. Das Motto „Sustainability: Turning Intentions into Impact!“ ließ wenig Spielraum. Die Branche weiß, was zu tun ist. Sie muss es nur tun.
Messbar statt beschworen
Eröffnet wurde der Abend von ÖGNI-Geschäftsführer Peter Engert und ÖGNI-Präsident Andreas Köttl, durch das Programm führte Moderatorin Manuela Raidl. Für Engert entscheidet sich Nachhaltigkeit nicht an einem einzelnen Thema: „Sie zeigt sich dann, wenn Gebäude langfristig funktionieren: ökologisch, wirtschaftlich und sozial.“ Klimaschutz, Resilienz, Sanierung, Digitalisierung, Finanzierung und Betrieb müsse man gemeinsam denken. „Die Zeit der isolierten Einzeldebatten ist vorbei“, so Engert, und weiter: „Die Branche weiß sehr viel. Jetzt geht es darum, dieses Wissen schneller in Entscheidungen, Projekte und Qualität umzusetzen.“ Schneller – das ist das entscheidende Wort.
Uns fehlen die Utopien
Eine persönliche Perspektive brachte Klimajournalistin Louisa Schneider auf die Bühne. Für ein Projekt mit Greenpeace hat sie fünf Klimakipppunkte der Erde bereist, ihre Erfahrungen stecken im Buch „Grad°Jetzt“. Am Beispiel indigener Gemeinschaften im Amazonasgebiet zeigte sie, wie der Schutz natürlicher Lebensgrundlagen und gemeinschaftliches Handeln zusammenhängen.
„Uns fehlen die Utopien“, sagt Schneider. Es brauche positive Bilder einer lebenswerten Zukunft, die Mut machen. Und klare Strukturen: „Klimaschutz ist eine klare Systemfrage – wir dürfen die Verantwortung nicht länger an das Individuum und die Selbstverantwortung der Bürgerinnen und Bürger abwälzen.“ Ein Satz, den man durchaus als Auftrag an die Politik lesen darf.
Drei Arbeitsgruppen
Im Vorfeld hatten ExpertInnen aus der gesamten DACH-Region in drei Arbeitsgruppen praxistaugliche Lösungsansätze erarbeitet, die im Ronacher präsentiert wurden.
Die erste Gruppe beschäftigte sich mit KI und Robotik aus gesellschaftspolitischer Sicht. Angesichts fehlender Arbeitskräfte greife die verbreitete Angst, KI vernichte vor allem Jobs, zu kurz. Entscheidend sei, wie die Technologien eingesetzt werden und wem die Wertschöpfung zugutekommt – sie dürfe nicht allein bei wenigen globalen Konzernen landen. Die Gruppe formuliert drei Forderungen: Menschliche Arbeit soll von Lohnabgaben befreit werden, staatliche Förderung soll dort ansetzen, wo Menschen mit KI und Robotik zusammenarbeiten, und es braucht klare Regeln für die Aufgabenteilung zwischen Mensch und Technik sowie verbindliche Lernmöglichkeiten für BerufseinsteigerInnen. Vor allem die erste Forderung dürfte im Finanzministerium wenig Begeisterung auslösen.
Die zweite Gruppe widmete sich der zielgerichteten Digitalisierung durch transparente Datenflüsse. Schon die zu Projektbeginn definierten Leistungsbilder schaffen oft Silos und Schnittstellen, wo verbindende Nahtstellen und durchgängige Datenflüsse nötig wären. Gefordert wird mehr Mut zur Partnerschaft zwischen den Disziplinen. Zentrales Hindernis ist das „Mehrwertdilemma“: Die Kosten der Digitalisierung fallen heute an, der Nutzen wird oft erst später sichtbar. Sprich: Wer zahlt, profitiert nicht unbedingt selbst.
Die dritte Gruppe sieht lebenslanges Lernen als Schlüssel für die Transformation. Es brauche eine echte Lernkultur in den Unternehmen und Formate, in denen Gelerntes in der Praxis erprobt, gelebt und verinnerlicht wird. Die vollständigen Ergebnisse aller drei Gruppen sollen zeitnah auf der Website der ÖGNI veröffentlicht werden.
Vom Pariser Abkommen zur gebauten Realität
Höhepunkt des Abends war das Kamingespräch mit Ban Ki-moon. Der UN-Generalsekretär der Jahre 2007 bis 2016 hat das Pariser Klimaabkommen und die Agenda 2030 mit ihren 17 Nachhaltigkeitszielen maßgeblich mitgeprägt. „Dass Sie mich heute eingeladen haben, zeigt mir, dass Sie diese Anliegen teilen. Ich hoffe, dass dieser Abend eine Gelegenheit bietet, ernsthaft darüber nachzudenken, wie wir alle zu Frieden, Sicherheit und nachhaltiger Entwicklung beitragen können“, sagte Ban Ki-moon.
Die Gestaltung einer friedlichen und nachhaltigen Zukunft dürfe man nicht allein Politik und Wirtschaft überlassen, auch jede und jeder Einzelne könne etwas beitragen. Mit Blick auf Paris erinnerte er an die Kraft internationalen Zusammenhalts. Wie konkret die Nachhaltigkeitsziele sind, machte er ebenfalls deutlich: Niemand sollte an vermeidbaren Krankheiten sterben oder durch Hunger und Armut sein Leben verlieren, Kinder müssen Zugang zu Bildung erhalten.
Start-ups und Maria Theresia
Im Start-up Corner präsentierten zwölf Jungunternehmen aus den Bereichen Gebäude und Industrie ihre Lösungen, ausgewählt über die ÖGNI Start-up Challenge powered by Orbyz. Das Spektrum reichte von Drohnen-Gebäudeerfassung über CO₂-speichernde Baustoffe bis zur Entsiegelung von Parkflächen durch Baumpflanzungen. Für Abwechslung sorgten zwei Showeinlagen aus „Maria Theresia – Das Musical“ der Vereinigten Bühnen Wien.
Ob aus dem Abend tatsächlich Wirkung wird, entscheidet sich – wie es die Arbeitsgruppe Lernen formuliert – nicht an einem Abend, sondern am nächsten Tag in den Unternehmen, Teams und Projekten.