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Klinikum Memmingen: Wer baut die Klinik mit Abwasserwärme?

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Ein Krankenhaus, das einen Teil seiner Wärme aus dem Abwasser der eigenen Stadt zieht: Am Autobahnkreuz A7/A96 errichtet die Klinikum Memmingen AöR einen Gesundheitscampus für rund eine halbe Milliarde Euro. Geplant hat ihn eine Generalplaner-Arbeitsgemeinschaft um Nickl & Partner aus München, den Rohbau führt eine ARGE aus Kreuzer und Glass aus. Ende September 2026 soll Richtfest sein.

Auf 7,7 Hektar im Memminger Norden, wo bis Anfang 2023 eine Rinderbesamungsgenossenschaft stand, entstehen seit Februar 2025 zwei Häuser gleichzeitig: der Neubau des Klinikums Memmingen mit 489 Planbetten und daneben das Bezirkskrankenhaus der Bezirkskliniken Schwaben, das von 44 auf 66 Betten wächst. 75.231 Quadratmeter Bruttogeschoßfläche, sechs Vollgeschoße, Hubschrauberlandeplatz am Dach – versorgt werden soll ein Einzugsgebiet von rund 250.000 Menschen.

Bautechnisch ist der Neubau bewusst unspektakulär: konventionelle Ortbetonkonstruktion mit Rahmen- und Systemschalung, kein Modulbau. Den Unterschied macht die Dimension. Rund 60.000 Kubikmeter Beton und etwa 10.000 Tonnen Bewehrungsstahl gehen in den Rohbau. Umgeschlagen wird das Material von sechs WOLFF-Kranen, von denen seit Herbst 2025 noch fünf stehen – täglich zwölf Stunden ohne Unterbrechung, voraussichtlich bis Ende 2026. Ihre Standorte mussten schon in der Planung statisch nachgewiesen werden, weil unter Teilen des Geländes Rigolen zur Regenwasserversickerung liegen.

Vergeben wurde nicht an einen Generalunternehmer, sondern in Einzelgewerken über EU-weite Ausschreibungen. Vorstand Maximilian Mai bezifferte den Stand im März 2026 auf rund zwei Drittel vergebener Gewerke bei täglich etwa 140 Beschäftigten; das Projekt bewege sich weiterhin unter der Kostenberechnung von 468 Millionen Euro (Kostenindex I 2023) und liege im Zeitplan. Die Stadt Memmingen beziffert die Baukosten des Klinikums inzwischen auf rund 441,2 Millionen Euro, jene des Bezirkskrankenhauses auf rund 50 Millionen.

Eckdaten im Überblick:

•             Standort: Gesundheitscampus Memminger Norden, Autobahnkreuz A7/A96 (D), rund 7,7 ha

•             Typ: Klinikneubau mit angebundenem Bezirkskrankenhaus

•             Kapazität: 489 Planbetten (480 stationär, 9 teilstationär), BKH 66 Betten

•             Umfang: 75.231 m² Bruttogeschoßfläche, 34.908 m² Nutzfläche, sechs Geschoße

•             Material: rund 60.000 m³ Beton, ca. 10.000 t Bewehrungsstahl

•             Energie: 4.400 kW Wärmeleistung, davon 500 kW aus dem Mischwassersammler (Angabe des Bauherrn); PV rund 480.000 kWh/a

•             Fertigstellung: Rohbau Herbst 2026, Bau bis November 2028, Inbetriebnahme 2029

•             Planung: ARGE Generalplanung Nickl & Partner, SÜSS und Horn + Horn, München

Bauherr: Klinikum Memmingen AöR

Bauherr ist die Klinikum Memmingen AöR unter Vorstand Maximilian Mai, Partner die Bezirkskliniken Schwaben unter Stefan Brunhuber; die Kosten teilen sich rund 90 zu 10. Die Entscheidung fiel früh gegen eine Generalsanierung des Bestandshauses und für den Neubau auf dem ehemaligen IKEA-Areal. Das Förderangebot der Regierung von Schwaben vom Mai 2025 umfasst 352,4 Millionen Euro, davon 313,2 Millionen für das Klinikum und 39,2 Millionen für das Bezirkskrankenhaus; aus dem bayerischen Jahreskrankenhausbauprogramm 2026 kommen heuer weitere 35,26 Millionen dazu. Die Bruttoförderquote liegt laut Bauherr über 70 Prozent. Memmingen steuert damit ein Klinikbauvorhaben dieser Größenordnung als kommunale Anstalt öffentlichen Rechts selbst – unterstützt von der Projektsteuerung PSB Wasner.

Wer hat das Klinikum Memmingen geplant? Nickl & Partner

Die Generalplanung liegt bei einer Arbeitsgemeinschaft aus Nickl & Partner Architekten aus München (Entwurf), SÜSS Beratende Ingenieure (technische Gesamtplanung) und Horn + Horn (Tragwerk), dazu LATZ+PARTNER für die Landschaftsarchitektur; ermittelt wurde das Team 2021 in einem VgV-Verhandlungsverfahren, in dem es sich nach Angaben des Bauherrn gegen vier weitere Bewerberteams durchsetzte. Die entwurfliche Aufgabe war weniger Form- als Organisationsfrage: Zwei Träger mit unterschiedlichen Betriebslogiken, Somatik und Psychiatrie, sollen auf einem Campus funktionieren, ohne einander zu blockieren. Geplant und gebaut wird durchgängig mit Building Information Modeling – ausgezeichnet mit dem BIM-Preis Bayern 2024.

Wer baut das Klinikum Memmingen? ARGE Kreuzer und Glass

Den Rohbau errichtet eine Arbeitsgemeinschaft aus der Kreuzer GmbH & Co. KG aus Bad Wörishofen und der Glass GmbH Bauunternehmung aus Mindelheim, zwei Schwesterfirmen derselben Gruppe. Erdbau, Verbau und die Umverlegung des Mischwassersammlers übernahm die Josef Hebel GmbH & Co. KG aus Memmingen, den Rückbau die Max Wild GmbH, die äußere Erschließung die Kutter GmbH & Co. KG. Die Gewerkeliste des Bauherrn nennt weiters die Alois Müller GmbH für die Haustechnik, Neumayr für die Fassaden der Patientenzimmer und die Uhrig GmbH für die Wärmenutzung aus dem Mischwassersammler.

Die heikelste Randbedingung steckte in der Baugrube: Sie wurde mit Spundwandverbau gesichert, wobei zwischen Spundwand und Bauteil nur rund 70 Zentimeter Arbeitsraum blieben, hinterfüllt mit Rollkies. Die eigentliche Managementaufgabe liegt aber in der Vergabestruktur: Wer in Einzellosen ausschreibt, spart die GU-Marge und behält die Preishoheit, trägt aber Schnittstellen- und Terminrisiko selbst – in Memmingen die Anstalt öffentlichen Rechts.

Umwelt und Energie: Wärme, Kälte und CO₂-Bilanz

Die Wärmeversorgung verteilt sich auf vier Quellen mit zusammen 4.400 Kilowatt: Grundwasser-Wärmepumpe und Fernwärme mit je 1.550 kW, Wärmerückgewinnung mit 800 kW und eine Wärmepumpe am Mischwassersammler, die der Bauherr mit 500 kW angibt, der Hersteller Uhrig dagegen mit 450 kW. Dafür wurde der städtische Mischwassersammler 2024 auf 360 Metern umverlegt; auf 260 Metern davon liegen nun Edelstahl-Wärmetauscher, die dem Abwasserstrom Wärme entziehen. Gefördert wird die Anlage aus dem Klima- und Transformationsfonds des Bundes. Dazu kommen rund 2.300 Quadratmeter Photovoltaik mit etwa 480.000 Kilowattstunden Jahresertrag.

Bei der Bilanzierung endet die Datenlage. Der Bauherr nennt die Möglichkeit, die Energie des Mischwassersammlers zu nutzen, in dieser Konstellation deutschlandweit einmalig, beziffert aber weder die jährlich gewonnene Wärmemenge noch die CO₂-Einsparung oder die Förderhöhe. Angestrebt wird das bayerische Prädikat „Green Hospital”; eine Zertifizierung nach DGNB, BNB oder QNG ist ebenso wenig dokumentiert wie eine Ökobilanz. Für ein Projekt dieser Größenordnung ist das eine bemerkenswerte Leerstelle.

Was war schwierig?

Das eigentliche Problem liegt nicht auf der Baustelle, sondern in der Bilanz des Betreibers. Weder Insolvenzen beteiligter Firmen noch Bauverzögerungen sind öffentlich bekannt – das Klinikum schreibt aber operativ tiefrote Zahlen: Das Satzungs- und Verordnungsblatt der Stadt weist für 2024 einen Jahresfehlbetrag von 9,30 Millionen Euro aus, für 2025 einen von 6,02 Millionen. Von 27,13 Millionen Euro städtischer Zuweisungen für Verlustausgleiche 2020 bis 2025 waren Ende 2025 rund 25,49 Millionen verbraucht. Gleichzeitig soll dieselbe Anstalt 131,9 Millionen Euro Eigenmittel beisteuern (Schätzung, Stand 31. März 2025). Vorstand Mai bewertet die Bundes-Krankenhausreform für sein Haus als „relativ positiv” und sieht die „Bedarfsnotwendigkeit unseres Krankenhauses durch den bereits genehmigten Neubau mehr als bestätigt”. Ob die 489 Betten unter Leistungsgruppen und Vorhaltevergütung dauerhaft ausgelastet sind, entscheidet sich erst nach 2029 – und die Aussagen zu Kosten- und Terminstand stammen bislang ausschließlich vom Bauherrn.

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