378

 Artikel

5

 Erwähnungen

5 Follower folgen

Gleisgarten-Insolvenz: Dem neuen Meidlinger Quartier fehlt die Mitte

6 Minuten Lesezeit

Wien's erster Foodmarket, die beste Bier Bar Wiens 2024 mit hauseigener Brauerei Vienna Kraft
© Indira Bott

Über die Betreiberin der Wiener Foodhall Gleis//Garten hat das Handelsgericht Wien am 7. September 2026 den Konkurs eröffnet: rund 4,5 Millionen Euro Passiva, 30 Dienstnehmer, kein Fortbetrieb. Damit fällt nicht bloß ein Gastronomiebetrieb aus. Die Halle war im Konzept des Stadtentwicklungsgebiets Wolfganggasse als Grätzlzentrum vorgesehen – für ein Quartier mit rund 850 geförderten Wohnungen, das die Stadt Wien mit 53 Millionen Euro gefördert hat.

Ich habe SORAVIA um ein Gespräch gebeten.

Und folgende schriftliche Stellungnahme erhalten:

Auch wir wurden von der Insolvenz des bisherigen Betreibers überrascht. Gemeinsam mit dem Masseverwalter verschaffen wir uns derzeit ein umfassendes Bild der Situation und prüfen die erforderlichen nächsten Schritte. Unser Ziel ist keine kurzfristige Zwischenlösung, sondern eine verlässliche Grundlage für die weitere Entwicklung der Remise. Dabei setzen wir alles daran, sämtliche getroffenen Vereinbarungen einzuhalten.

Zwei Konkurse an einem Tag

Am 7. September eröffnete das Handelsgericht Wien auf Eigenantrag das Konkursverfahren über die KRAFTMoments Development GmbH (FN 567533 h, Eichenstraße 2, 1120 Wien), Aktenzeichen 4 S 109/26w, Insolvenzverwalter Dr. Erwin Senoner. Passiva laut Schuldnerangaben rund 4,5 Millionen Euro, betroffen sind 30 Dienstnehmer und rund 80 Gläubiger. Forderungen können bis 9. November angemeldet werden, die Prüfungs- und Berichtstagsatzung ist für den 23. November 2026 angesetzt.

Zeitgleich traf es die hauseigene ViennaKRAFT Brauerei GmbH (FN 588329 s), Aktenzeichen 9 S 108/26k. Laut Creditreform rund 1,5 Millionen Euro Verbindlichkeiten, mehr als 30 Gläubiger, ein Dienstnehmer.

Entscheidend für den Standort ist nicht die Höhe der Passiva, sondern ein Satz des Gläubigerschutzverbands: „Laut eigenen Angaben strebt die Schuldnerin aufgrund der hohen Kosten keinen Fortbetrieb und keine Sanierung ihres Unternehmens an", erklärt Alexander Greifeneder vom KSV1870. Es gibt also kein Weiter. Es gibt eine leere Halle.

Die Halle war nie bloß Gastronomie

Und das ist der Punkt, der in der Tagesberichterstattung untergegangen ist. Die Remise war kein Mietobjekt, das zufällig an einen Gastronomen ging. Sie war ein Bestandteil der Quartiersplanung – von Anfang an.

Im Frühjahr 2018 wurde der Betriebsbahnhof Wolfganggasse der Wiener Lokalbahnen aufgelassen, am 1. April verließ der letzte Waggon die 1907 errichtete Remise. Vorausgegangen war ein kooperatives Planungsverfahren im Jahr 2016 und ein neuer Flächenwidmungs- und Bebauungsplan; 2018 folgte der Bauträgerwettbewerb Wolfganggasse als Teil der Wiener Wohnbau-Offensive 2018–2020. Für die Remise selbst schrieb der wohnfonds_wien im Vorfeld ein gesondertes Auswahlverfahren aus – mit Kunst, Kultur und Gastronomie als angestrebten langfristigen Nutzungen. Den Zuschlag erhielt die SORAVIA.

Wie zentral die Halle im Gesamtkonzept war, formulierten die Verantwortlichen selbst. Bei der Präsentation des Quartiers 2021 zählten wohnfonds_wien-Geschäftsführer Gregor Puscher und sein Stellvertreter Dieter Groschopf zur Infrastruktur des Areals ausdrücklich „einer lebendigen Erdgeschoßzone … sowie einem Grätzlzentrum in der alten Remise". Auch SORAVIA selbst spricht auf der Projektseite von der Vision eines integrierten Grätzelzentrums.

Das Grätzlzentrum ist seit 7. September ein Insolvenzfall.

Wer hier wohnt

Das Areal umfasst rund 31.000 Quadratmeter – etwa viereinhalb Fußballfelder. Entstanden sind darauf rund 850 geförderte Wohnungen der Bauträger GESIBA, Heimbau, Neues Leben, WBV-GPA und WIGEBA sowie 181 Wohneinheiten mit 214 Pflegeplätzen der Österreichischen Jungarbeiterbewegung (ÖJAB). Die förderbaren Gesamtbaukosten bezifferte die Stadt Wien 2021 mit rund 179 Millionen Euro, davon rund 53 Millionen Euro Fördermittel.

Es ist kein durchschnittliches Wohnquartier. Der Lebenscampus Wolfganggasse von Neues Leben und WBV-GPA – Siegerprojekt des Bauträgerwettbewerbs zum Schwerpunkt „Wohnformen für allein- und getrennt Erziehende", geplant von GERNER GERNER PLUS und M&S Architekten – umfasst nach Angaben der WBV-GPA 323 geförderte Mietwohnungen, davon 108 SMART-Wohnungen, dazu ein Seniorinnen- und Seniorenwohnheim, Wohngruppen für teilbetreutes Wohnen und das Berufspädagogische Institut der ÖJAB. Im Projekt der Heimbau stehen 60 der 247 geförderten Wohnungen vorrangig Alleinerziehenden zur Verfügung; die dortigen SMART-Offices können auch von AnrainerInnen gemietet werden. Lebenscampus und ÖJAB-Pflegewohnhaus Neumargareten wurden als Projekte der IBA Wien ausgezeichnet.

Hier leben also überdurchschnittlich viele Alleinerziehende, Pflegebedürftige, Auszubildende, Menschen mit Behinderung und Haushalte mit knappem Budget. Für diese Gruppen ist ein Treffpunkt im Erdgeschoß keine Annehmlichkeit. Er ist Infrastruktur.

Was jetzt ausfällt

Der Ausfall trifft mehrere Ebenen gleichzeitig – und das macht ihn für die Immobilienbranche interessanter als die reine Insolvenzmeldung.

Erstens die Frequenz. Neun Gastrostände, zwei Bars, drei Bühnen, eine Brauerei und ein Gastgarten mit geplanten 350 Plätzen haben Menschen in ein Gebiet gezogen, das für den Rest Wiens keinen Anlass hat. Fällt das weg, fällt die Laufkundschaft weg, von der die übrigen Erdgeschoßnutzungen mitleben.

Zweitens die Untermieter. Die einzelnen Standbetreiber hingen an einem Hauptmietvertrag, den sie nicht kontrollierten. Ihre wirtschaftliche Existenz ist an ein Verfahren gekoppelt, an dem sie nicht beteiligt sind.

Drittens das öffentliche Versprechen. Wenn die Erdgeschoßzone samt Grätzlzentrum Teil jener Qualitäten war, mit denen ein gefördertes Quartier beworben und bewertet wurde, dann ist ihr Ausfall auch ein Thema für den wohnfonds_wien und die Stadt – nicht nur für die Eigentümerin.

Und viertens die Zeit. Eine Nachnutzung für 1.300 bis 1.500 Quadratmeter Sonderfläche in einer denkmalwerten Halle findet man nicht in einem Quartal. Bis dahin steht im Zentrum des Viertels ein geschlossenes Gebäude. Das ist stadträumlich das Gegenteil dessen, wofür das Areal geplant wurde.

Ankermieter oder Klumpenrisiko?

Womit die Frage im Raum steht, ob das Modell selbst der Fehler war. Eine Sonderfläche dieser Größe an einen einzigen Betreiber zu vergeben, ist bequem: ein Vertrag, ein Ansprechpartner, ein Konzept aus einer Hand. Es heißt aber auch, dass die Belebung eines ganzen Quartiers an einer einzigen Bilanz hängt.

Diese Bilanz war früh dünn. Der beim Firmenbuch hinterlegte Jahresabschluss zum 31. Dezember 2024 weist ein negatives Eigenkapital von 1.876.356 Euro aus, einen Bilanzverlust von 1.911.356 Euro und eine Eigenkapitalquote von minus 85,4 Prozent. Die Verbindlichkeiten lagen schon zum Bilanzstichtag bei 4.058.079 Euro – die im Insolvenzantrag genannten 4,5 Millionen waren also weitgehend erreicht, bevor der als Ursache genannte heiße Sommer überhaupt stattfand. Als Gründe nennt die Schuldnerin laut KSV1870 gesunkene Kaufkraft sowie steigende Mieten und Kosten; AKV EUROPA und Creditreform führen zusätzlich den Sommer an.

Aus dem Umfeld gab es zudem ein Vorzeichen: Bereits am 12. Jänner 2026 wurde über die gleichnamige KRAFTMoments KMG GmbH, Betreiberin des Thaler See Gartens bei Graz, am Landesgericht für ZRS Graz ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung eröffnet – rund 883.000 Euro Passiva, elf Dienstnehmer, angebotene Quote 20 Prozent.

Rechtlich ist die Position der Eigentümerin nun die schwächere. Nach der österreichischen Insolvenzordnung kann der Insolvenzverwalter ein Bestandverhältnis, in dem der Schuldner Mieter ist, unter Einhaltung der gesetzlichen oder einer vereinbarten kürzeren Frist auflösen (§ 23 IO); wegen Zahlungsrückständen aus der Zeit vor Verfahrenseröffnung kann der Vermieter nicht kündigen (§ 24 IO). Mietzins ab Eröffnung ist Masseforderung – in einem Verfahren ohne Fortführung ein schwacher Trost.

Die Branche gegen den Trend

Der Fall steht nicht allein. Nach der KSV1870-Auswertung vom 16. Juli 2026 meldeten im ersten Halbjahr österreichweit 3.449 Unternehmen Insolvenz an, ein Minus von einem Prozent. Gastronomie und Beherbergung verzeichnen 451 Fälle und ein Plus von 10,8 Prozent – die drittmeisten Fälle aller Branchen, und die einzige der großen Branchen mit steigender Tendenz. In Wien lag die Gastronomie im ersten Halbjahr laut KSV1870-Hochrechnung vom 17. Juni mit 162 Verfahren auf Platz drei hinter Handel (211) und Bau (186).

Ausgerechnet jene Nutzung also, die in den letzten Jahren als Rettung für schwer verwertbare Erdgeschoß- und Sonderflächen galt, trägt derzeit das steigende Ausfallsrisiko. Wer sie als Frequenzbringer in ein Quartierskonzept schreibt, schreibt dieses Risiko mit hinein.

Was bleibt: eine Halle und offene Fragen

Dass Foodhall-Konzepte fragil sind, ist keine österreichische Besonderheit. Die Markthalle Neun in Berlin funktioniert seit Jahren, weil sie Nahversorgung, Kultur und Nachbarschaft verbindet. An den Potsdamer Platz Arkaden wechselte der Betreiber der geplanten Food Hall schon vor der Eröffnung – aus Mercato Metropolitano wurde Manifesto Market. Ein Detail am Rande: Felix Bollen und Anton Borkmann, die den Gleis//Garten mitaufgebaut haben, betrieben zuvor jahrelang eine Brauerei in genau jener Londoner Mercato-Metropolitano-Halle, die als Vorbild diente.

Öffentlich geäußert hat sich SORAVIA zur Zukunft des Standorts bislang nicht. Offen ist damit alles, was für das Quartier zählt: Sucht man einen neuen Gesamtbetreiber oder teilt man die Halle in kleinere Einheiten mit mehreren Verträgen? Bleibt die Nutzungswidmung Kunst, Kultur und Gastronomie, die aus dem Auswahlverfahren stammt? Gibt es eine Zwischennutzung, damit im Zentrum des Viertels nicht monatelang ein verschlossenes Tor steht? Und wer redet mit – nur die Eigentümerin, oder auch wohnfonds_wien, Bezirk und die Bauträger, deren Projekte mit dem Grätzlzentrum beworben wurden?

Die Halle bleibt. Sie ist 119 Jahre alt und hat schon einmal überlebt, dass ihre Nutzung wegfiel. Die Frage ist, wie lange das Quartier auf seine Mitte wartet.

Hat ihnen dieser Artikel gefallen?

Diskussion zum Artikel

Sei der/die Erste, der/die diesen Artikel diskutiert.

Logo

In einem sich stetig wandelnden Immobilienmarkt ist zeitnahe und präzise Information von unschätzbarem Wert für strategische Entscheidungen und nachhaltige Investitionen.

Kategorien

Quicklinks

Rechtliches

© 2026 Die unabhängige Immobilien Redaktion. Made with ♥️ by  Gerhard Popp