„Die Stimmung auf der Messe entspricht unseren Erwartungen“, so Michael Ehlmaier, EHL Immobilien: „Wir sind von Euphorie weit entfernt, allerdings ist die Totengräberstimmung der vergangenen Jahre einem gesunden Realismus gewichen. Viele Marktteilnehmer sind gerade dabei, ihr Geschäftsmodell den neuen Gegebenheiten am Immobilienmarkt anzupassen.“ Es gebe eine Krisensituation, die man nicht wegreden könne. „Das ist die neue Normalität, in der wir uns bewegen müssen“, fasst Christoph Stadlhuber zusammen: „Wir haben eine globale Wirtschaftskrise, einen Krieg in Europa, steigende Energiepreise und eine dadurch angetriebene Inflation, und die soll durch Zinsen gedrückt werden. Das ist ein Giftcocktail.“ Vor allem für das Development. „Eine multiple Krisensituation dieser Art hatten wir seit der ersten EXPO REAL noch nie. Außerdem war 2008/2009 ein Ende absehbar“, sagt Stadlhuber. „Es haben alle realisiert, dass es nicht besser wird“, sieht Michael Mitterdorfer, ZÖCHLING RE, die aktuelle Lage auf dem Immobilienmarkt: „Die Stimmung ist ernüchternd.“
Besser kalkuliert hat überlebt
„Die Teilnehmer auf der Messe sind diejenigen, die die Krise überlebt haben“, konstatiert Peter Wendlinger, HYPO NOE, und ergänzt: „Wobei die Krise in dieser ausgeprägten Form allerdings nur in Deutschland und Österreich besteht.“ Man sehe die Zukunft mittlerweile zwar positiver, aber man gehe die Dinge vorsichtiger an. Knackpunkt ist weiterhin die Liquidität. Peter Wendlinger rechnet vor: „Wenn ein Projektentwickler 20 Projekte mit einem Fremdkapital von rund 400 Millionen hat, und die Zinsen steigen um lediglich 0,5 Prozent, dann hat er einen höheren Zinsaufwand von zwei Millionen.“ Auf die Durchlaufzeit der Projekte gerechnet – also rund fünf Jahre – sind das letztendlich zehn Millionen Euro: „Und das bei nur 0,5 Prozent!“ In einer Planungsrechnung muss man daher das steigende Zinsniveau entsprechend abbilden können. „Die besser kalkulierten Projekte gibt es heute noch, und die anderen sind insolvent geworden.“ Oder werden es noch. Da noch nicht ganz klar ist, wann preislich das Ende der Fahnenstange erreicht ist, erwarten einige Investoren, dass sie zukünftig noch billiger kaufen können. Die alternativen Investitionsmöglichkeiten zum Beispiel in Staatsanleihen, die aktuell eine bessere Rendite versprechen, tragen ihr Übriges zu der Zurückhaltung bei Immobilieninvestments bei.
Eine interessante Kombination
Die Nachfrage nach qualitativen Lagen und Büroflächen ist für Stefan Wernhart, EHL Gewerbeimmobilien, ein eindeutiges Zeichen, dass man sich in den Unternehmen sehr bewusst mit der Zukunft auseinandersetzt: „Wir sehen am Büromarkt eine Kombination aus Realismus und schwierigen Zeiten und trotzdem eine nachhaltige Nachfrage nach hochwertigen Flächen. Man muss in anderen Dimensionen denken.“ Wegen der mangelnden wirtschaftlichen Planbarkeit gehen daher viele Unternehmen „realistischer an den Markt heran“.
Wir stehen vor einer neuen Zeit
Noch einmal zurück zur Stimmung. Spricht man mit zahlreichen Akteurinnen und Akteuren der Branche, so zeigt sich immer deutlicher, dass wir vor einer neuen Zeit stehen. Man weiß noch nicht genau, wohin es geht, aber man will auch nicht länger die Kämpfe der Vergangenheit führen. Das ist es vermutlich auch, was die Stimmung so eigen macht. „Wir werden wohl das Alte loslassen müssen“, meint Thomas Glanzer, AluKönigStahl: „Man kann sich freundschaftlich oder kritisch von der alten Zeit trennen. Man lässt es jetzt gut sein und sollte sich auf die Zeit danach konzentrieren.“ Glanzer ist überzeugt, dass es „dann wieder steil nach oben gehen wird, aber es muss auch eine andere Denkweise beinhalten“. Wie sich diese darstellt, werden wir in den nächsten Jahren sehen, aber klar ist, dass Immobilien wieder „sach- und fachgetrieben sein werden und nicht mehr dem Glücksrittertum unterworfen sein werden sowie dem schnellen Drehen von Immobilien und dem Zugang zu billigem Geld“.
Österreich und seine Politiker
Die heimischen Politiker haben es wieder verabsäumt, auch nur irgendwie in einem internationalen Umfeld präsent zu sein. Mit einer Ausnahme – wie immer. Die niederösterreichische Landeshauptstadt St. Pölten ist mit einem Stand auf der Messe vertreten. „Für uns hat die Messe immer etwas gebracht“, sagt Bürgermeister Matthias Stadler: „Wir konnten immer interessante Investments und Unternehmen an Land ziehen.“ Kontakte zu zahlreichen Firmen, die auf der EXPO REAL geknüpft wurden, haben in St. Pölten letztendlich auch zu Ansiedlungen geführt. Ein weiterer Pluspunkt ist für ihn der Austausch mit anderen Bürgermeistern aus ganz Europa. Viele davon waren auf der Messe anwesend, um Werbung für ihre Städte zu machen. Matthias Stadlers Resümee: „Wir werden auch in Zukunft kommen, weil es sich auszahlt.“