„Das Modul wird jetzt erwachsen: Aus der Schule wird Uni“, so Christine Dornaus, Geschäftsführerin der Bundesimmobiliengesellschaft. Gemeint ist der Stahlbetonbau mit der markanten Aluminiumfassade an der Peter-Jordan-Straße 78–80, in dem bis Herbst 2023 die Tourismusschule Modul der Wirtschaftskammer Wien untergebracht war – samt Hotel und Restaurant. In Döbling kennt ihn jeder.
Die Zahlen zuerst
Insgesamt geht es um rund 21.000 Quadratmeter Nettoraumfläche, rechnet Rektorin Eva Schulev-Steindl vor: rund 1.000 Sitzplätze in Seminar-, Hörsaal- und Veranstaltungsräumen, 152 Lernplätze, 150 Werkstatt- und Lagerplätze, 357 Arbeitsplätze. Von den 166 Millionen Euro investiert die BIG 143 Millionen in die beiden Gebäude, das Wissenschaftsministerium refinanziert sie über die Miete. Die restlichen 23 Millionen für Einrichtung und sonstige Einmalkosten zahlt das Ministerium direkt.
Rechnerisch ergibt das knapp 6.800 Euro BIG-Investition je Quadratmeter Nettoraumfläche – ein Wert, der wenig aussagt, weil darin ein Bestandsumbau und ein hoch belastbares Laborgebäude stecken. Wie sich das Geld auf die beiden Projekte verteilt, blieb bei der Präsentation offen. 2024 rechnete die BIG allein für das MODUL noch mit mehr als 100 Millionen Euro.
Baurecht statt Kauf
Eigentümerin der Liegenschaft bleibt die Wirtschaftskammer Wien. Die BIG hat ein Baurecht über 80 Jahre erhalten, mit Option auf Verlängerung. Für einen Bestand, den man nicht besitzt, eine lange Bindung. Für einen Campus, der seit 150 Jahren an der Türkenschanze wächst, eher Routine.
Die Oktogone bleiben
„Von außen wird man, wenn wir fertig sind, architektonisch keinen großen Unterschied bemerken“, sagt Dornaus. „Die Oktogone bleiben.“ Für den 1973 bis 1975 nach Plänen von Josef Fleischer errichteten Bau läuft derzeit ein Unterschutzstellungsverfahren des Bundesdenkmalamts – was manche wundern dürfte. Dornaus sieht darin einen Zeitgeist: „Wir sind jetzt auch in einer Phase, wo die Gebäude aus den 1970er-Jahren zunehmend geschätzt werden.“ Man könnte auch sagen: Die Siebziger haben ihre Schamfrist hinter sich.
Die Aluminiumfassade wird abgenommen, gereinigt und wieder montiert, dazwischen wird die Hülle energetisch ertüchtigt – zu einem wesentlichen Teil in vorgefertigter Holzbauweise. Die Verglasungen werden erneuert, an ausgewählten Stellen kommen zusätzliche Fenster für mehr Tageslicht dazu, laut Dornaus mit dem Denkmalschutz abgestimmt. Auf das Dach kommt ein Garten mit einer Pergola samt Photovoltaik, die klimaresiliente Bepflanzung wird gemeinsam mit der BOKU entwickelt.
Das Haus bietet rund 19.000 Quadratmeter Nettoraumfläche – „ein bisschen mehr als sechs Zinshäuser in Wien“, übersetzt Dornaus. Die Nachnutzung folgt dem Bestand: Aus den Unterrichtsküchen werden Labore, aus den Hotelzimmern Büros, aus dem Ballsaal ein Veranstaltungsraum. Dazu kommen ein Welcome Center für Studierende, zentrale Serviceeinrichtungen und Sport in der bestehenden Turnhalle. Ein Café und ein Nahversorger sollen auch der Nachbarschaft dienen. Oben auf der Türkenschanze kein Detail.
Die Generalplanung hat Riepl Kaufmann Bammer Architektur übernommen, das Büro hat das Verhandlungsverfahren gewonnen. Erfahrung im Hochschulbau bringt es unter anderem vom Umbau der Universität für angewandte Kunst mit, ebenfalls für die BIG. Baubeginn ist für März 2029 vorgesehen, der Unibetrieb soll 2031 starten. Im Februar war die Inbetriebnahme noch für Ende 2030 angekündigt.
35.000 Tonnen Beton bleiben stehen
„Es ist wirklich das Musterbeispiel für Re-Use und kreislauforientiertes Planen“, ist Dornaus überzeugt. Was im Bestand vorhanden ist, werde so weit wie möglich weiterverwendet, auch Re-Use-Bauteile aus anderen Rückbauprojekten seien möglich. Neue Elemente würden so geplant, dass sie sich später wieder demontieren lassen. Im Gespräch nach der Präsentation wird sie grundsätzlicher: „Ich glaube, das ist ein Prototyp, wo wir in Richtung Kreislaufwirtschaft wirklich alles bespielen können.“
Die Zahlen dazu lieferte das Ministerium schon im Februar: Rund 35.000 Tonnen Beton und 2.000 Tonnen Stahl können weitergenutzt werden, was einem Einsparpotenzial von etwa 5.400 Tonnen CO₂ entspreche. Der Rückbau soll selektiv erfolgen und nach ÖGNI/DGNB-Standards zertifiziert werden. Für die gesamte Campuserweiterung kommen eine Low-Tech-Haustechnik mit Flächenheizung und -kühlung, Geothermie, Photovoltaik und die Entsiegelung der Borkowskigasse dazu.
Ob es tatsächlich das „größte Re-Use-Projekt im österreichischen Hochschulbau“ ist, wie Ministerium und BIG es nennen, lässt sich mangels Vergleichsbasis nicht prüfen. Wer Kreislaufwirtschaft lehrt, muss sie am eigenen Campus vorführen. Die BOKU tut es nun.
Das Tragwerk ist für den Rückbau entworfen
Ein paar Meter weiter oben, an der Borkowskigasse, bildet das CILA künftig den oberen Abschluss des Campus. Einziehen sollen laut Rektorin das Institut für Geotechnik, das Institut für Konstruktiven Ingenieurbau mit seinem akkreditierten Prüfzentrum und das Institut für Hochbau, Holzbau und kreislaufgerechtes Bauen.
Rund 2.000 Quadratmeter Nettoraumfläche umfasst der Neubau, Herzstück ist eine Werkhalle mit dem größten Aufspannfeld Wiens, in der Träger von bis zu 20 Metern Länge geprüft werden können. Dazu kommen geotechnische Prüfungen und robotergestützte Herstellungsversuche. Das Tragwerk ist vorgefertigt, mit lösbaren Verbindungen gefügt und auf Demontage ausgelegt. Das Haus zeigt also nicht nur, woran geforscht wird – es ist selbst Teil der Versuchsanordnung.
Durch die transparente Hülle sieht man von außen ins Roboterlabor. „Das ist nämlich so konstruiert, dass man von außen einen Roboterarm bei der Arbeit beobachten kann, der hier etwa neue Materialien im Holzbereich erforscht“, so Schulev-Steindl. Sie spricht von einem „Signature-Gebäude“ der BOKU.
Den EU-weiten, offenen Realisierungswettbewerb hat das Wiener Büro GC Architektur gewonnen, die Freiräume plant outside landschaftsarchitektur. Baubeginn ist für August 2028 vorgesehen, Übergabe und Inbetriebnahme für 2030. Im Februar war noch von rund 1.600 Quadratmetern die Rede – damals allerdings Nutzfläche. Die neue Zahl bezieht sich auf die Nettoraumfläche, die Technik- und Verkehrsflächen einschließt. Beim MODUL übrigens dasselbe: Aus 10.500 Quadratmetern Nutzfläche wurden 19.000 Quadratmeter Nettoraumfläche.
Viel Spielraum lässt das Grundstück nicht. Platanen und Föhren sollen weitgehend erhalten bleiben, zum angrenzenden Friedhof bleibt ein Grünstreifen als Puffer. „Wir haben vorhin auch über die Bäume gesprochen und über den Friedhof, wie man sich in trotzdem limitierten Bereichen so entwickeln kann, dass eben die größte Prüfhalle Wiens entsteht“, so Holzleitner. „Und all das fordert extreme Kreativität, Mut zu Neuem, Innovationskraft.“
Gesichert, sagt die Ministerin
Selbstverständlich sei die Umsetzung nicht, räumt Schulev-Steindl ein, „gerade in Zeiten angespannter öffentlicher Budgets“. Die Ministerin nimmt der Frage nach dem Rotstift die Luft: „Diese Projekte sind gesichert. Es hat ja eben schon Ausschreibungsprozesse gegeben. Es hat den Zuschlag gegeben.“ Vergeben sind bisher die Planungsleistungen, die Bauaufträge folgen. Ein Satz wie dieser ist im öffentlichen Hochschulbau heuer trotzdem selten.
Ein Name wird gesucht
Bleibt der Name. „Modul“ sei zwar eingängig, heißt es seitens der BOKU, aber zu sehr mit der Tourismusschule und der Modul University verbunden. Intern sollen nun Ideen gesammelt werden, bis dahin läuft das Projekt unter dem Kürzel PJ78. Dabei werde es nicht bleiben. Dornaus hat in der Präsentation schon eine Spur gelegt: Das Achteck stehe seit der Antike für Vollkommenheit. „Bisschen kitschig“, räumt sie selbst ein. Für einen Neubeginn reicht es.
Gerhard Popp, Redakteur · immobilien-redaktion.com (Herausgeber: Walter Senk)