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Bauen im Bestand: Die größte Baulandreserve liegt auf dem Dach

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Zum zehnjährigen Bestehen des Architekturmagazins MASSIV! INSIDE diskutierte am 29. Juni in Wien eine Runde aus ArchitektInnen und Baufachleuten unter dem Motto „Visionär bauen, Zukunft gestalten“, wie aus dem Bestand Zukunft wird. Einer von ihnen war Armin Mohsen Daneshgar (Daneshgar Architects), und seine Botschaft an BauunternehmerInnen ist unbequem klar: Die größte Flächenreserve der Stadt liegt nicht am grünen Rand, sondern über unseren Köpfen.

Die Reserve über unseren Köpfen

Daneshgars Thema heißt Aufstockung und Nachverdichtung – Bauen im Bestand statt auf der grünen Wiese. „Die Zukunft des Bauens liegt nicht im Gegensatz zwischen Bestand und Neubau, sondern in der intelligenten Weiterentwicklung dessen, was bereits vorhanden ist“, so der Architekt. „Unsere Städte besitzen große Potenziale in bestehenden Gebäuden, auf Dächern und in ungenutzten Ressourcen.“

Die Größenordnung, die er dafür aufruft, ist beachtlich: rund 200.000 Wohnungen ließen sich nach seiner Rechnung allein auf Wiens Dachflächen schaffen – ohne einen einzigen Quadratmeter Boden zu versiegeln. Während die Stadt Milliarden in neue Stadtteile am Rand investiere, blieben die Dächer in den gewachsenen Quartieren weitgehend ungenützt. Für die Baubranche ist das weniger eine Vision als eine Rechnung: Dachgeschossausbau und Aufstockung erschließen Kubatur dort, wo Infrastruktur, Anbindung und Nachfrage längst vorhanden sind.

Was 2002 weggeworfen wurde

Sein Antrieb stammt aus einem Schlüsselmoment Mitte der 2000er-Jahre. Auf einer Baustelle, erzählt er im Vortrag, habe er gesehen, wie intakte, hochwertige Materialien – Glas, Stahl – einfach entsorgt wurden. „Das kann nicht sein, dass man solche wertvollen Materialien einfach wegschmeißt.“ Seither setze er sich bei jedem Projekt intensiv mit dem auseinander, was bereits da ist.

Damit ist Daneshgar mitten in der Debatte um Kreislaufwirtschaft am Bau – jenem Feld, in dem mineralische Baustoffe mit ihrer Langlebigkeit und Rückbaubarkeit ihre Stärke ausspielen. Bauen im Bestand und Materialkreislauf sind für ihn zwei Seiten derselben Haltung: Ressourcen nicht verbrauchen, sondern weiterführen.

Sowohl als auch – auch beim Beton

Im Gespräch mit Bernd Affenzeller (Bau & Immobilien Report) kommt die Frage auf, ob Künstliche Intelligenz auch die Baustoffe selbst verändern werde. Daneshgar argumentiert über das Tempo: Was er einst in Monaten als HTML-Code geschrieben habe, erledige sein Kind heute mit Cloud-Werkzeugen in Minuten. Diese Beschleunigung treffe schrittweise auch den Bau. KI werde zunehmend modulare Systeme vorschlagen – das bedeute aber nicht das Ende von Beton oder Ziegel.

Sein Zugang ist betont undogmatisch: Es gehe nicht um traditionelle mineralische Baustoffe gegen neue, technologiegetriebene Lösungen, sondern um Zwischenlösungen. „Sowohl als auch“, fasst er es zusammen. Modulares Bauen und bewährte mineralische Konstruktion schließen einander nicht aus – sie ergänzen sich.

Wo der Safran fehlt

Den persönlichsten Teil liefert die vierte Frage des Interviews. Als Daneshgar 1992 als Student nach Wien kam, sei ihm vieles an der hiesigen Architektur vorgekommen wie das Essen: schwarz-weiß, höchstens Pfeffer – aber wo, fragte er sich, sei der Safran? Im Studentenheim habe er Safranreis gekocht, jeder habe kosten wollen; die warme Farbe des Gewürzes habe er später in sein erstes Projekt geholt. Der STANDARD, erinnert er sich, habe 2003 darüber geschrieben.

Was nach Anekdote klingt, ist sein Qualitätsmaßstab. Architektur soll Energie an die Menschen weitergeben, nicht nur Quadratmeter. Das zeigt sich auch im Sozialen: Bei einem seiner Aufstockungsprojekte – nach eigenen Angaben rund 1.100 zusätzliche Quadratmeter auf einem Bestandsgebäude, rund 65 Tonnen CO₂ eingespart – seien die Mieten leistbar geblieben. Und der Beweis für gelungenes Bauen sei für ihn nicht der Jurypreis, sondern die Bewohnerin, die ihm abends ein Foto schickt: So komme ich nach Hause, und so werde ich begrüßt.

Was bleibt

Daneshgars Plädoyer lässt sich auf einen Satz bringen: Wer künftig Wohnraum schaffen will, schaut nach oben und nach innen, nicht nach außen. Ob die Baubranche – und die Behörden – das vorhandene Potenzial an Dächern und Bestand tatsächlich heben, ist die offene Frage. Die Rechnung dafür liegt jedenfalls auf dem Tisch.

Weitere Artikel in der Serie rund um das 10 Jahres Jubiläum des MASSIV! INSIDE Magazins, des Fachverbands Steine Keramik der WKO:

Über das Jubiläum

Zusammenfassung der Podiumsdiskussion

Transkript

0:19 Wien, 29. Juni 2026. Im Radisson Blu Hotel, das Triest, lädt der Fachverband Steine Keramik zu einem besonderen Nachmittag. Das Architekturmagazin Massiv Inside feiert sein zehnjähriges Bestehen unter dem Motto „Visionär bauen, Zukunft gestalten“. Eine hochkarätige Runde aus Architektinnen, Architekten und Fachleuten diskutiert eine Frage, die drängender wird: Wie entsteht Neues aus dem, was schon da ist, ohne weiteren Boden zu verbrauchen? Einer von ihnen ist Armin Mosen Danesgar vom Büro Danesgar Architects. Sein Thema: Bauen ohne Boden. Seine Überzeugung: Die größten Reserven unserer Städte liegen längst vor uns,

1:01 auf den Dächern, in ungenutzten Ressourcen, im Bestand. Wie viel Wohnraum auf Wiens Dachflächen tatsächlich möglich wäre. Warum er Materialien für zu wertvoll hält, um sie wegzuwerfen und was für ihn gelungene Architektur ausmacht. Danesgar nimmt uns mit auf einen Weg, der vor mehr als 30 Jahren begann, als Student mit dem Blick von oben auf eine Stadt voller Möglichkeiten. Ich bin nach Wien gekommen als Student. Diese Bilder sind von 1992, 1993 entstanden. Ich habe die Stadt von oben gesehen. Ich flog einmal hinauf und dachte: „Wow.“ Als Kind habe ich gesagt: „Warum gibt es keine Stationen, dass die

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1:41 Leute, die es sich nicht leisten können, oben auf so einen tollen Platz kommen oder ein armer Student wie ich. Warum gibt es nicht solche Plätze, dass wir hineinschauen können?“ Das gibt es ja nicht. So wunderschönes Material, wunderschönes Glas, Stahl, alles wurde weggeschmissen. Es war Anfang des Jahres 2000, vor circa 25 Jahren. Und dieser Moment war für mich ein Wendepunkt, wo ich gesagt habe: „Das kann nicht sein.“ Solche wertvollen Materialien einfach weggeschmissen. Ich habe recherchiert. Wir haben circa zwischen eins bis drei Millionen Quadratmeter nur auf Dach geschossen, wo wir bauen können.

2:24 Und das heißt 400.000 Wohnungen oder mehr. Die Stadt Wien hat 2004 in Aspern eine neue Stadt gebaut. Die ganze Infrastruktur. Ich habe damals viel geschrieben im Falter, aber niemand hat das gelesen und niemand wollte das lesen und niemand wollte das glauben eigentlich. Über 10 Milliarden bis heute haben die Geld ausgegeben, obwohl man das ohne einen Zentimeter Verbraucht des Bodens, konnte man über 400.000. Was glauben Sie, wie viele Wohnungen jetzt in Aspern geschaffen wurden? Ich finde es super, wenn ein Bewohner oder eine andere Bewohnerin mir am Abend ein Bild schickt und sagt: „Armin, wenn ich nach Hause komme und so begrüßt werde beim Eingang,

3:05 das ist für mich eine grüne Architektur.“ Anfang der 90er Jahre hatten Sie den Blick von außen, wenn Sie durch Wien gegangen sind und die Architektur betrachtet haben. Mittlerweile sind Sie seit über 30 Jahren in Österreich und in Wien. Was hat sich denn in dieser Zeit aus Ihrer Sicht generell verändert? Ich finde, die Menschen oder die nächsten Generationen oder viele Generationen, die neuen Generationen haben eigentlich viel Offenes im Vergleich mit damals. Und darum genauso, das ist in die Architektur gekommen. Damals, wo ich meine Skizzen gemacht habe und meine ersten Projekte machen wollte,

3:44 die über Öffnungen reden wollten, über die Küche, dass es ein Zentrum ist. Ich habe es nie verstanden, dass jeder, der fast damalige Zeit, ich weiß es nicht, 100.000 Schilling, viel Geld war das damals und jetzige 10.000 Euro pro Quadratmeter Geld zahlen, aber die Küche ist das kleinste Element gewesen. Und für uns in unserer Kultur war das das Wichtigste. Der Wohnzimmer ist das Allerwichtigste. Jeder wollte das Schlafzimmer riesig haben, obwohl bei uns das Schlafzimmer ist gerade ein Bett und vielleicht irgendein kleines Kästchen drinnen, aber der Wohnzimmer ist riesig, weil dort Menschen stattfinden. Das wurde meines Erachtens auch geändert,

4:28 was Planungen betrifft, was Menschen auch betrifft. Die sind auch viel offener geworden im Vergleich mit damals. Sie haben in Ihrem Vortrag auch was sehr Interessantes Persönliches gesagt. Sie sind Anfang der 90er Jahre nach Wien gekommen und vieles an der Architektur, an der Bauweise erschien für Sie schwarz und weiß, wie Salz und Pfeffer. Was Ihnen gefehlt hat, waren die Gewürze, wie Safran zum Beispiel. Was ist denn Safran oder Ihr Safran? Genau, ich bin als Student hierhergekommen, 1992 und dann bin ich essen gegangen. Es hat mir gar nichts geschmeckt. Alles schwarz und weiß. Höchstens, wenn überhaupt Pfeffer gab.

5:01 Und darum habe ich gesagt: „Wo sind die Gewürze im Essen?“ Es schmeckte mir nicht. Darum musste ich immer meine Gewürze zu Hause oder im Studentenheim habe ich mit Safran Reis gekocht, wo die alle gesagt haben: „Wow, es riecht so gut.“ Jeder Student wollte das kosten. Genau das habe ich in der Architektur dann gemacht. Genau habe ich diese Farbe von Safran, es ist auch in RAL-Farbe, ich glaube 1017 oder 1037 heißt Safran, habe ich beim ersten Projekt verwendet. Der Standard hat damals im Jahr 2003, glaube ich, einen Artikel geschrieben: „Hat er recht, weil er diese Farbe, Safranfarbe, in seinem Projekt genutzt hat?“ Die Leute kommen am Abend nach Hause

5:36 und die sind glücklich irgendwie, weil diese Energie von Farbe eigentlich weitergeht an Menschen. Und die nicht nur schwarz und weiß sind wie Salz und Pfeffer, sondern seine Architektur ist auch mit Gewürz.

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