Die Reserve über unseren Köpfen
Daneshgars Thema heißt Aufstockung und Nachverdichtung – Bauen im Bestand statt auf der grünen Wiese. „Die Zukunft des Bauens liegt nicht im Gegensatz zwischen Bestand und Neubau, sondern in der intelligenten Weiterentwicklung dessen, was bereits vorhanden ist“, so der Architekt. „Unsere Städte besitzen große Potenziale in bestehenden Gebäuden, auf Dächern und in ungenutzten Ressourcen.“
Die Größenordnung, die er dafür aufruft, ist beachtlich: rund 200.000 Wohnungen ließen sich nach seiner Rechnung allein auf Wiens Dachflächen schaffen – ohne einen einzigen Quadratmeter Boden zu versiegeln. Während die Stadt Milliarden in neue Stadtteile am Rand investiere, blieben die Dächer in den gewachsenen Quartieren weitgehend ungenützt. Für die Baubranche ist das weniger eine Vision als eine Rechnung: Dachgeschossausbau und Aufstockung erschließen Kubatur dort, wo Infrastruktur, Anbindung und Nachfrage längst vorhanden sind.
Was 2002 weggeworfen wurde
Sein Antrieb stammt aus einem Schlüsselmoment Mitte der 2000er-Jahre. Auf einer Baustelle, erzählt er im Vortrag, habe er gesehen, wie intakte, hochwertige Materialien – Glas, Stahl – einfach entsorgt wurden. „Das kann nicht sein, dass man solche wertvollen Materialien einfach wegschmeißt.“ Seither setze er sich bei jedem Projekt intensiv mit dem auseinander, was bereits da ist.
Damit ist Daneshgar mitten in der Debatte um Kreislaufwirtschaft am Bau – jenem Feld, in dem mineralische Baustoffe mit ihrer Langlebigkeit und Rückbaubarkeit ihre Stärke ausspielen. Bauen im Bestand und Materialkreislauf sind für ihn zwei Seiten derselben Haltung: Ressourcen nicht verbrauchen, sondern weiterführen.
Sowohl als auch – auch beim Beton
Im Gespräch mit Bernd Affenzeller (Bau & Immobilien Report) kommt die Frage auf, ob Künstliche Intelligenz auch die Baustoffe selbst verändern werde. Daneshgar argumentiert über das Tempo: Was er einst in Monaten als HTML-Code geschrieben habe, erledige sein Kind heute mit Cloud-Werkzeugen in Minuten. Diese Beschleunigung treffe schrittweise auch den Bau. KI werde zunehmend modulare Systeme vorschlagen – das bedeute aber nicht das Ende von Beton oder Ziegel.
Sein Zugang ist betont undogmatisch: Es gehe nicht um traditionelle mineralische Baustoffe gegen neue, technologiegetriebene Lösungen, sondern um Zwischenlösungen. „Sowohl als auch“, fasst er es zusammen. Modulares Bauen und bewährte mineralische Konstruktion schließen einander nicht aus – sie ergänzen sich.
Wo der Safran fehlt
Den persönlichsten Teil liefert die vierte Frage des Interviews. Als Daneshgar 1992 als Student nach Wien kam, sei ihm vieles an der hiesigen Architektur vorgekommen wie das Essen: schwarz-weiß, höchstens Pfeffer – aber wo, fragte er sich, sei der Safran? Im Studentenheim habe er Safranreis gekocht, jeder habe kosten wollen; die warme Farbe des Gewürzes habe er später in sein erstes Projekt geholt. Der STANDARD, erinnert er sich, habe 2003 darüber geschrieben.
Was nach Anekdote klingt, ist sein Qualitätsmaßstab. Architektur soll Energie an die Menschen weitergeben, nicht nur Quadratmeter. Das zeigt sich auch im Sozialen: Bei einem seiner Aufstockungsprojekte – nach eigenen Angaben rund 1.100 zusätzliche Quadratmeter auf einem Bestandsgebäude, rund 65 Tonnen CO₂ eingespart – seien die Mieten leistbar geblieben. Und der Beweis für gelungenes Bauen sei für ihn nicht der Jurypreis, sondern die Bewohnerin, die ihm abends ein Foto schickt: So komme ich nach Hause, und so werde ich begrüßt.
Was bleibt
Daneshgars Plädoyer lässt sich auf einen Satz bringen: Wer künftig Wohnraum schaffen will, schaut nach oben und nach innen, nicht nach außen. Ob die Baubranche – und die Behörden – das vorhandene Potenzial an Dächern und Bestand tatsächlich heben, ist die offene Frage. Die Rechnung dafür liegt jedenfalls auf dem Tisch.
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