Im Nachhinein noch einmal herzliche Gratulation zum Cäsar für Ihr Lebenswerk!
Michael Pech: Vielen Dank! Die Überraschung und die Freude waren entsprechend groß. Ich hatte keine Ahnung davon und nahm - ohne zu wissen was mich erwartet - als Vertreter der VÖPE an der Veranstaltung teil!
Wie wir in der Laudatio von Isabella Stickler gehört haben, haben Sie als Vorstandsvorsitzender des ÖSW ein beeindruckendes Lebenswerk geschaffen. Unter Ihrer Führung ist der ÖSW zum größten gemeinnützigen Immobilienkonzern Österreichs geworden.
MP: Das war nicht nur mein Verdienst. Ich hatte das Glück viele motivierte und bestens ausgebildete Führungskräfte und MitarbeiterInnen im Team zu haben. Anfang der 2000er-Jahre haben wir die neu geschaffenen rechtlichen Möglichkeiten zur Gründung von gewerblichen Tochtergesellschaften genützt und so unser Dienstleistungsspektrum rund um die Immobilie – von der Projektentwicklung bis zur Servicierung der Gebäude - stark ausgebaut. In den letzten Jahren sind wir einen optimalen Kurs zwischen eigenem Wachstum und strategischen Akquisitionen gefahren, der dazu geführt hat, dass wir mit rund 30 Gesellschaften Ende 2023 eine konsolidierte Konzernbilanz von rund 3,2 Milliarden Euro erreicht haben und somit größter gemeinnütziger Wohnbaukonzern in Österreich wurden.
Neben Ihrer Tätigkeit im ÖSW-Vorstand waren Sie ja auch als Funktionär in der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft bis Ende 2023 aktiv.
MP: Ich war in unterschiedlichen Funktionen im Verband der gemeinnützigen Bauvereinigungen (GBV) tätig, zuletzt sechs Jahre als Aufsichtsratsvorsitzender und konnte dadurch die Entwicklung dieses für den sozialen Wohnbau so wichtigen Sektors mitgestalten. Besonders stolz bin ich, dass ich als erster Vertreter der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft diese Auszeichnung für mein Lebenswerk erhalten habe.
Heute sind Sie mit „MP Consult“ selbstständiger Berater. Was hat Sie dazu bewogen, Ihre Erfahrung nun in dieser Form einzubringen?
MP: Nach meiner Vorstandstätigkeit war für mich klar, dass ich mich zwar aus der operativen Unternehmensführung zurückziehen, meine Erfahrung und meine Expertise aber weiterhin einbringen möchte. Die selbstständige Beratung bietet dafür eine sehr gute Möglichkeit. Ich kann Unternehmen und Institutionen aus einer anderen Perspektive begleiten und dabei auf meine langjährige Erfahrung in der Immobilien- und Wohnungswirtschaft zurückgreifen. Ich verstehe meine heutige Tätigkeit durchaus als Fortsetzung meiner bisherigen Arbeit – nur mit Abstand zum operativen Tagesgeschäft.
Was genau umfasst Ihre Beratungstätigkeit heute – und mit welchen Fragestellungen kommen Unternehmen und Institutionen zu Ihnen?
MP: Das Themenspektrum ist sehr breit. Es umfasst die bautechnische Weiterentwicklung des Bauens im Sinne des seriellen modularen Wohnbaus und der Verwendung nachhaltiger Baustoffe, ebenso wie Fragen der Immobilienwirtschaft. Darüber hinaus spielen Architektur und Projektentwicklung eine wichtige Rolle. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Schnittstelle zwischen gewerblichem und gemeinnützigem Wohnbau. Gerade die Kombination dieser Bereiche ist aus meiner Sicht meine Stärke. Durch die langjährige Tätigkeit in unterschiedlichen Funktionen kenne ich die Immobilienwirtschaft aus verschiedenen Blickwinkeln und kann diese Erfahrungen heute in Beratungsprozesse einbringen.
Die Immobilienwirtschaft steht derzeit vor großen Veränderungen. Welche Themen beschäftigen Ihre Beratungskunden aktuell besonders?
MP: Die Immobilienwirtschaft befindet sich in einer schwierigen Phase, in der viele Themen gleichzeitig zusammenkommen. Aufgrund der anhaltenden Kriege in der Ukraine und im Iran sowie der damit verbundenen gestiegenen Energiekosten, der hohen Inflation und des erhöhten Zinsniveaus sind wir nach wie vor nicht in der erhofften Erholungsphase angekommen. Insbesondere die Wohnungsneubauproduktion befindet sich derzeit auf einem historischen Tiefstand. Trotz dieser herausfordernden Rahmenbedingungen bin ich optimistisch, dass sich der Markt im kommenden Jahr 2027 wieder positiv entwickeln wird. Gerade im Wohnungssektor besteht weiterhin eine große Nachfrage, insbesondere im Mietwohnungsbereich. Diese Nachfrage ist vor allem in den Ballungszentren deutlich spürbar.
Ein Teil meiner derzeitigen Beratungstätigkeit besteht daher darin, Projektentwicklungen strategisch neu auszurichten. Dabei geht es insbesondere um die Umwandlung von derzeit wirtschaftlich oder marktbedingt schwer umsetzbaren Eigentumswohnungsprojekten in Mietwohnungen. Auf diese Weise können Projekte an die aktuelle Marktsituation angepasst und gleichzeitig Wohnangebote geschaffen werden, für die insbesondere in den Ballungsräumen eine hohe Nachfrage besteht.
Mein Anspruch ist es, Unternehmen und Institutionen dabei zu unterstützen, unterschiedliche Anforderungen zusammenzuführen und tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Sie sind weiterhin in Fachgremien, Beiräten und Wettbewerbsjurien tätig und lehren an der TU Wien und der Universität Wien. Wie beeinflussen diese unterschiedlichen Perspektiven Ihre heutige Beratungstätigkeit?
MP: Diese Tätigkeiten ermöglichen mir, weiterhin sehr nah an den aktuellen Entwicklungen der Branche zu bleiben. In Fachgremien und Beiräten erlebt man andere Perspektiven als in der unmittelbaren Unternehmensführung, wie z.B. im Grundstücksbeirat in Wien, bei dem ich meine langjährigen Erfahrungen aus dem geförderten Wohnbau einbringen kann. Durch meine Lehrtätigkeit kommt noch die wissenschaftliche und akademische Perspektive hinzu. Diese unterschiedlichen Zugänge ergänzen sich und fließen natürlich auch in meine Beratung ein. In den letzten 30 Jahren meiner Lehrtätigkeit habe ich mehr als tausend Studierende mitausgebildet. Viele von Ihnen sind heute in leitenden Positionen in der Immobilienwirtschaft tätig und bilden einen wichtigen Teil meines beruflichen Netzwerks - und ich freue mich jedes Mal, wenn ich mein Wissen und meine Erfahrungen weitergeben kann!