Verzweifelte Anrainerinnen und Anrainer, lautstarker Protest und überschießende Emotion. Auf den Straßen der 3.500-Seelen-Gemeinde Kronstorf im Bezirk Linz-Land ist so viel los wie nie. Grund der öffentlichen Erregung ist das neue Google-Rechenzentrum. Und die Politik, die die Standort-entscheidung getroffen hat und sich nun hinter einer Mauer des Schweigens verschanzt.
Auf rund 50 Hektar entsteht hier das erste Google-Rechenzentrum Österreichs. Spatenstich war im April 2026. Die Projektgegner kritisieren die fehlende Umweltverträglichkeits-Prüfung und den Boden- wie Ressourcenverbrauch. In der ersten Ausbaustufe soll es bis zu 150 Megawatt verschlingen, in Vollausbau bis zu 500. Das entspricht einem Verbrauch von rund 4,4 Terrawatt (TWh) pro Jahr und damit dem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 1,25 Millionen heimischen Haushalten. Auch der enorme Wasserbedarf steht in der Kritik. Im Vollausbau darf Google täglich bis zu 15,2 Millionen Liter Wasser aus dem unterirdischen Grundwasserstrom für die Kühlung entnehmen. Ein Teil davon verdunstet, der Rest wird erwärmt in die Enns zurückgeleitet.
48 % lehnen Rechenzentrum ab. 38 % sagen ja, aber nicht bei mir
Auf der Plus-Liste des Projekts stehen rund 100 Jobs, durch Bau und Zulieferung indirekt sogar noch mehr. Doch der Konflikt in punkto Ressourcen versus strategische Infrastruktur spaltet inzwischen schon das ganze Land. Laut einer aktuellen Market-Umfrage befürworten 38 % der Menschen in Österreich eine aktive Ansiedlung von Rechenzentren. In der eigenen Nachbarschaft sinkt die Zustimmung jedoch auf 16 %. 48 % lehnen Rechenzentren grundsätzlich ab oder befürworten sie nur, wenn es sich um europäische Technologiekonzerne handelt. Was hier nicht der Fall ist.
Mathias Mühlhofer kann als Jurist und Vorstand der IMMOBILIENRENDE AG die Diskussion nachvollziehen. „Österreich ist besonders Technologie-feindlich. Ob es das Privatfernsehen ist, das wir 20 Jahre später erlaubt haben als der Rest Europas, oder selbstfahrende Autos, die bei uns immer noch nicht fahren dürfen.“ Die Lösung liege, wie so oft, in der goldenen Mitte. „Natürlich können wir auch diesen Trend erstmal verbieten, aber Datacenter halten wir nicht auf.“ Den Strom und das Wasser brauchen Datenzentren außerhalb Österreichs genauso. „Dann würden die Hallen anderswo stehen und Österreich muss als Nutzer dafür zahlen, ohne die Vorteile des Projekts zu genießen.“
Import-Intelligenz & Wertschöpfungs-Export
Die Alpenrepublik im Herzen Europas verfügt über etwas, das im KI-Zeitalter knapper ist als Büroflächen: Massenhaft erneuerbaren Strom, an sonnigen und windigen Tagen sogar zu viel davon, weil er das Netz überlastet. Anstatt Photovoltaikanlagen fernabzuschalten, sollten der Strom genutzt werden. „Österreich hat eine Gelegenheit vor der Nase, die sich nicht so schnell wiederholen wird“, mahnt Mühlhofer einen nüchternen Blick ein. „Wer sie ergreift, bleibt Teil der Wohlstands-gesellschaft. Wer sie aus Angst vor Hallen, Stromleitungen und Kühlwasser ausschlägt, riskiert, bald auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen.“
Schließlich zeichnet sich ab, dass Wertschöpfung den neuen Technologien folgt. „Wer nur den versiegelten Acker sieht, hat nur die halbe Rechnung im Blick“, so Mühlhofer. „Die andere Hälfte lautet: Ohne Rechenzentren gibt es keine KI-Wirtschaft in Österreich. Dann importieren wir Intelligenz und exportieren Wertschöpfung.“
Serverhallen statt Büros
In vielen Unternehmen übernehmen KI-Systeme bereits Aufgaben, die bisher Berufseinsteigerinnen und -einsteiger erledigt haben: Vermittlung, Recherche, Lektorat, Grafik und Terminplanung. Auch Reinigung und Sicherheit beherrscht die Technik, der Bau dürfte folgen. Übernahmen in der industriellen Revolution einst Maschinen die Handarbeit, weil Letztere sie besser konnten, erledigt nun KI die Routinetätigkeit. Der Unterschied: Menschen müssen immer wieder neu eingeschult werden, KI nur einmal. Markus Augenhammer ist Profi-Makler und Vorstand der IMMOBILIEN-RENDITE AG. Sein Unternehmen setzt auf 30 Mitarbeitende, die mit KI arbeiten. „Fehler machen anfangs beide. Aber die Maschine lernt schneller dazu. Wer sie nicht einsetzt, fliegt wegen zu hoher Preise aus dem Markt.“
Zugleich wird die Bestandsimmobilie selbst digital. KI berechnet und steuert Leerstand, Umnutzung, Sanierung und Wartung. Wozu braucht es noch so viele technische Zeichner? Wozu Haus-verwaltungen für Routinearbeit? „Nicht, weil der Mensch überflüssig wird, sondern weil das Gebäude beginnt, sich selbst zu verwalten“, betont Augenhammer.
Neue Flächen, neue Konflikte
Der Wandel der Arbeitswelt verändert auch den Immobilienmarkt. Je mehr Denkarbeit die KI übernimmt, desto weniger Büros braucht es als Ort, an dem Informationen ausgetauscht und aufbewahrt werden. Stattdessen werden Hallen für Server benötigt. „Ein unterschätzter Immobilienkonflikt“, erklärt Augenhammer, der sein Unternehmen darauf vorbereitet. „KI braucht Fläche, Strom und Kühlung und zieht obendrein Fachkräfte vom Wohnbau ab.“
Eine Zukunft mit Robotern verlangt zudem Gebäude mit breiten Gängen, Türen und Aufzügen, also maschinenlesbaren Raum. Mit Robot-Hotels und kleinen, dezentralen Rechenzentren in Parkhäusern entstehen neue Anlageklassen. „Lage, Lage, Lage heißt künftig auch: nahe an Strom, Netz, Genehmigung und Abwärme“, weiß Augenhammer. „Doch die Zukunft beginnt nicht mit dem Roboter an der Haustür, sondern in Kronstorf.“ Mühlhofer stimmt zu: „Wir müssen entscheiden, ob Maschinen bei uns wohnen – nach unseren Spielregeln, zu unserem Nutzen – oder ob wir nur bei ihnen zu Gast sind.“