Wenn Wachstum schneller war als Führung
In den vergangenen Jahren sind viele Immobilienunternehmen stark gewachsen. Neue Projekte, neue Standorte, neue Geschäftsfelder. Was dabei oft nicht im gleichen Tempo mitgewachsen ist, sind die Strukturen. Rollen wurden erweitert, ohne klar definiert zu werden. Verantwortung wurde verteilt, ohne eindeutig übernommen zu werden.
Solange der Markt lief, fiel das kaum auf. Doch sobald Personal fehlt, werden diese Versäumnisse sichtbar. Stellen bleiben unbesetzt. Teams geraten unter Druck. Projekte verzögern sich. Und plötzlich entsteht das Gefühl, man müsse dringend handeln.
Recruiting wird zur Notmaßnahme.
Angst ersetzt Strategie
In genau diesem Moment übernimmt ein Faktor die Führung, über den kaum jemand offen spricht. Angst. Angst vor Projektverzögerungen. Angst vor Umsatzverlusten. Angst vor Wettbewerbsnachteilen. Diese Angst wirkt still und führt zu einer Beschleunigung.
Sie verkürzt Entscheidungswege. Sie reduziert kritische Nachfragen. Sie macht Angebote attraktiv, die man in ruhigen Zeiten hinterfragen würde. Verträge werden unterschrieben, deren Logik kaum verstanden wird. Modelle werden beauftragt, deren Wirkung nicht klar messbar ist.
Nicht aus Dummheit. Sondern aus Überforderung.
In dieser Phase maximaler Belastung arbeiten viele Geschäftsführungen am Limit. Sieben Tage die Woche, operative Verantwortung, kippende Stimmung im Team, wachsende Anforderungen von Kundinnen und Kunden und der ständige Druck, Projekte am Laufen zu halten. Recruiting wird zur letzten Hoffnung, um überhaupt wieder Luft zu bekommen.
Aus dieser Not heraus verschiebt sich die Entscheidungslogik. Dienstleister werden gewählt, weil sie günstig erscheinen oder schnelle Ergebnisse versprechen. Die Erwartung ist Entlastung. Bleibt diese aus, entsteht Frustration. Der Eindruck verfestigt sich, dass der Markt nichts mehr hergibt. In Wahrheit wurde nicht der Markt geprüft, sondern aus Angst entschieden. Das Scheitern dieser Maßnahmen bestätigt genau die Annahme, die ihnen zugrunde lag. Eine klassische selbsterfüllende Prophezeiung.
Der Mythos vom leeren Markt
Die Vorstellung, es gäbe keine geeigneten Fachkräfte mehr, hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Der Markt ist nicht leer. Es wird dort nur vorsichtig agiert.
Gute Fachkräfte in der Immobilienwirtschaft prüfen heute genauer. Sie achten auf Verlässlichkeit, Entscheidungsstrukturen und Führung. Sie beobachten, wie mit Druck umgegangen wird. Unternehmen, die selbst unruhig agieren, senden diese Unruhe nach außen.
Recruiting ist ein Verstärker. Es macht sichtbar, was ohnehin vorhanden ist.
Warum viele Einstellungen scheitern
Immer häufiger zeigt sich ein paradoxes Bild. Einstellungen gelingen. Aber sie halten nicht. Neue Mitarbeitende verlassen das Unternehmen nach kurzer Zeit. Die Gründe liegen selten im Fachlichen.
Was fehlt, ist Orientierung. Unklare Zuständigkeiten. Widersprüchliche Erwartungen. Entscheidungswege, die sich ständig verschieben. Für Menschen, die Verantwortung übernehmen sollen, ist das ein Warnsignal.
Die Branche wundert sich über Fluktuation. Dabei ist sie oft die logische Konsequenz.
Recruiting ist kein Reparaturbetrieb
Ein grundlegender Denkfehler zieht sich durch viele Prozesse. Recruiting wird als Reaktion verstanden. Eine Stelle ist offen, also muss sie besetzt werden. Doch Recruiting ist kein Handwerk, das man bei Bedarf beauftragt.
Es ist Ausdruck unternehmerischer Haltung.
Wer nicht klar benennen kann, warum jemand Teil dieses Unternehmens werden sollte, wird niemanden langfristig binden. Wer Führung nicht lebt, kann sie nicht bewerben. Wer Entscheidungen scheut, wirkt unsicher.
Klarheit ist der eigentliche Engpass
Was der Branche fehlt, sind nicht Bewerbungen. Es fehlt Klarheit. Über Rollen. Über Verantwortung. Über Entscheidungswege. Über Führung.
Unternehmen, die erfolgreich rekrutieren, tun etwas Unpopuläres. Sie entschleunigen. Sie analysieren. Sie stellen unbequeme Fragen, bevor sie handeln.
Warum brauchen wir diese Rolle wirklich? Welche Verantwortung ist damit verbunden? Welche Entscheidungen darf man treffen? Wie wird Erfolg definiert?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, wird Recruiting wirksam. Nicht schneller, aber stabiler. Nicht lauter, aber glaubwürdiger.
Der Ausweg aus der Spirale
Die Immobilienbranche steht vor einer Wahl. Recruiting bleibt entweder eine Stressreaktion auf Überforderung. Oder sie wird als das verstanden, was sie ist –als strategisches Signal der eigenen Organisationsreife.
Der erste Schritt ist Ehrlichkeit. Gegenüber den eigenen Strukturen. Der zweite Schritt ist Verantwortung. Nicht ausgelagert, sondern übernommen. Der dritte Schritt ist Führung. Klar, verlässlich, sichtbar.
Unternehmen, die diesen Weg gehen, wirken ruhiger. Und genau diese Ruhe ist heute der größte Attraktivitätsfaktor.
Denn am Ende geht es nicht darum, Stellen zu besetzen.
Es geht darum, Projekte tragfähig zu machen.
Und das beginnt lange vor dem Recruitingprozess.