Die Zement- und Betonproduktion verursacht rund acht Prozent der globalen CO₂-Emissionen. Konventionelle Baustoffe sind dabei häufig nur deshalb günstig, weil ihre ökologischen Folgekosten nicht eingepreist sind. ParaStruct, ein Tiroler Clean Tech-Startup, setzt an diesem Punkt an: Das Unternehmen entwickelt zirkuläre Baustoffe auf Basis industrieller Reststoffe, die konventionelle Materialien in zahlreichen Anwendungen ersetzen können. Die Immobilien Redaktion hat mit Co-Founderin und CSO Dr. Freia Ruegenberg im Climate Lab gesprochen.
Freia Ruegenberg: Von der Kunstschule ins Labor
Freia Ruegenbergs beruflicher Weg verlief nicht geradlinig. Aufgewachsen in Südtirol, besuchte sie zunächst eine Schule mit Kunstschwerpunkt, merkte aber im Laufe der Schulzeit, dass Kunst nicht ihr berufliches Ziel ist. Der Dokumentarfilm „Plastic Planet" von Werner Boote über die Verschmutzung der Weltmeere durch Plastikmüll gab den Anstoß für eine Umorientierung. „Das hat mich damals ziemlich beeindruckt", erinnert sich Ruegenberg. „Mit Chemie könnte man diesen Problemen am ehesten gerecht werden."
Es folgte ein Chemiestudium an der Universität Innsbruck, eine Promotion in anorganischer Chemie und Materialwissenschaften sowie eine Stelle als Senior Lecturer, verknüpft mit der Arbeit an Vorlesungen und Forschungsprojekten. Nachhaltigkeit war dabei stets ein persönliches Anliegen – neben der wissenschaftlichen Tätigkeit engagiert sie sich bei Foodsharing und arbeitet bis heute in einem Kollektiv für nachhaltige Ernährung mit. „Nachhaltigkeit ist ein Herzensthema für mich", sagt sie. „Eine sinngebende Tätigkeit war mir schon immer wichtig."
Von der Universität ins Startup
Der Kontakt zu ParaStruct entstand über ein universitäres Forschungsprojekt. Hauptgründer Georg Breitenberger, der das Unternehmen zunächst als Einzelunternehmen aufgebaut hatte, gab an der Universität Innsbruck eine Studie zum Recycling mineralischer Bindemittel in Auftrag. Ruegenberg und ihr Kollege Kilian Rießbeck betreuten und realisierten das Projekt. Das Ergebnis war vielversprechend – und Breitenberger fragte, ob die beiden einsteigen wollen. „Anfangs war das nur Teilzeit, wurde dann aber immer mehr", berichtet Ruegenberg. 2023 gründeten die drei gemeinsam die ParaStruct GmbH.
Was Ruegenberg am Wechsel vom Forschungslabor ins Startup besonders schätzt: der Austausch mit Menschen. Die Doktorarbeit sei manchmal eine einsame Tätigkeit gewesen – konzentrierte Nischenarbeit, teilweise unter Geheimhaltung. Im Startup stehe dagegen der Kontakt nach außen im Vordergrund: Netzwerken, Pitchen, der Austausch mit der Branche.
Was ParaStruct macht: Baustoffe aus Reststoffen
ParaStruct versteht sich als Technologieanbieter und Materialentwickler. Das Unternehmen entwickelt Materialmischungen, die konventionelle Baustoffe wie Zement und Beton – in manchen Anwendungen auch Holz – ersetzen können. Die Grundlage bilden industrielle Reststoffe und Nebenprodukte: Steinmehl aus Steinbrüchen, Holzmehl aus Sägewerken, Stahlschlacke und andere feinkörnige Materialien, die in der Industrie bei Prozessen wie Schleifen oder Zerkleinern anfallen und bislang deponiert oder verbrannt werden.
Ruegenberg differenziert beim Begriff: „Häufig handelt es sich nicht wirklich um Abfall, sondern um Materialien, die nur aufgrund ihrer physikalischen Eigenschaften bislang nicht in Baustoffen nutzbar sind." Ein Beispiel: Feines Holzmehl kann nicht für Spanplatten verwendet werden, weil es die notwendigen strukturellen Eigenschaften nicht mitbringt. Der Transport ist zudem problematisch, da bei feinkörnigen Materialien Staubexplosionsgefahr besteht. Die mineralischen Bindemittel, mit denen ParaStruct arbeitet, können genau diese feinkörnigen Stoffe binden und so für die Herstellung neuer Baustoffe nutzbar machen. Und durch die Kerntechnologie des StartUps – den Recyclingprozess für mineralische Bindemittel – kann die wertvollste Komponente, also das Bindemittel, nach der Lebenszeit des Bauproduktes recycelt und zurückgewonnen werden.
ParaStruct versteht sich dabei nicht selbst als ein Recyclingunternehmen, sondern stellt die Technologie bereit. Damit gibt es Industriebetrieben mit Reststoffen Mittel an die Hand, ihre eigenen Nebenprodukte effizient zu nutzen, ermöglicht Baustoffproduzenten, ihre Produktpalette um nachhaltige Alternativen zu erweitern und hilft ImmobilienentwicklerInnen dabei, ihre Projekte an neue ESG-Standards anzupassen.
Dekarbonisierung mit messbaren Ergebnissen
ParaStruct kommuniziert konkrete Zahlen zur Dekarbonisierung – und legt Wert darauf, dass diese nachweisbar sind. Die mineralischen Bindemittel, die das Unternehmen einsetzt, sind laut Ruegenberg vollständig recyclingfähig: „Mit unserem Recyclingprozess können wir die Bindungseigenschaften immer wieder generieren, ohne dass dabei rohstoffgebundenes CO₂ entsteht." Der Bindemittel-Recyclingprozess sei 75 Prozent CO₂-effizienter als die primäre Bereitstellung – bestätigt durch externe Labormessungen.
Beim Produkt BioScreed, einem kreislauffähigen Fußbodenestrich, geht die Dekarbonisierung noch einen Schritt weiter: Durch die Verwendung biogener Füllstoffe könne sogar eine CO₂-Senkenwirkung erzielt werden. „Wir können gegenüber konventionellen Produkten über 200 Prozent CO₂ einsparen, also das Gebäude zur CO₂-Senke machen", so Ruegenberg. Der Estrich speichert damit mehr CO₂, als bei seiner Herstellung freigesetzt wird.
Gleichzeitig mahnt Ruegenberg zur Einordnung: „Da muss man natürlich immer vorsichtig sein, weil CO₂-Einsparungsberechnungen auf Literaturwerten beruhen. Es ist immer die Frage, womit man vergleicht." Die genannten Werte beziehen sich konkret auf das Recycling des Bindemittels und seien durch Messungen belegt.
Dezentrale Produktion statt Zentralfabrik
ParaStruct setzt auf ein lizenzbasiertes Geschäftsmodell mit dezentraler Fertigung. Das Unternehmen entwickelt die Rezepturen und das geistige Eigentum, die Produktion der Baustoffe übernehmen lokale Dienstleister in der Bauindustrie. Die Gründe sind nachvollziehbar: Die notwendige Infrastruktur bei Baustoffproduzenten existiert bereits. Der Transport feinkörniger Reststoffe ist häufig weder sicher noch wirtschaftlich sinnvoll umsetzbar – dezentrale Produktion nahe an den Reststoffquellen hält die Wege kurz. Und ParaStruct tritt so nicht in Konkurrenz zu seinen eigenen Kunden.
Aktuell produziert ParaStruct noch selbst, um Erfahrungswerte für die Verarbeitung zu sammeln. Erste Pilotprojekte laufen, unter anderem mit einem Immobilienentwickler in Berlin. Parallel arbeitet das Unternehmen an der Öko-Bilanzierung und Zertifizierung – dafür muss die Rezeptur in größerem Maßstab erprobt und festgelegt werden.
Regulatorik als Treiber für nachhaltige Baustoffe
Auf die Frage, ob steigende regulatorische Anforderungen der richtige Hebel seien, antwortet Ruegenberg differenziert. Der Trend zu strengeren Nachhaltigkeitsvorgaben in der EU werde sich fortsetzen, insbesondere bei CO₂-Bepreisung und Vorgaben zur Nutzung recycelbarer Baustoffe. Konventionelle Baustoffe seien „nur deswegen so günstig, weil deren Preise nicht den tatsächlichen Preis widerspiegeln – die Kosten trägt im Moment die Gesellschaft."
Für die Dekarbonisierung des Gebäudesektors bedeute das: Wenn bei Ausschreibungen ESG-Kriterien und CO₂-Bilanzen stärker gewichtet werden, haben kreislauffähige Baustoffe mit nachweisbarer Senkenwirkung einen Vorteil. Die Baubranche sei zwar konservativ und stark von Regularien getrieben, aber der Bedarf an neuen Materialien werde zunehmend verstanden – auch weil es bei konventionellen Baustoffen Rohstoffknappheit gebe. ParaStruct setzt auf Referenzprojekte mit etablierten Partnern wie dem Fraunhofer Institut, um die Funktionsfähigkeit der Baustoffe in der Praxis zu belegen.
Als Frau in einer konservativen Branche
Ruegenberg spricht im Interview auch über die Geschlechterdynamik auf Branchenveranstaltungen. Ihr Mitgründer Georg Breitenberger habe es auf Messen manchmal leichter, mit bestimmten Akteuren ins Gespräch zu kommen. „Andererseits erregt es aber auch Aufmerksamkeit, wenn nicht die Person kommt, mit der man rechnet", sagt sie. Die Stärke des Teams sieht sie in dessen Diversität: Breitenberger bringt langjährige Baubranchenerfahrung und Know-how im 3D-Druck im Bauwesen sowie der Materialinnovation mit, Rießbeck verfügt neben seiner akademischen Laufbahn in den Materialwissenschaften über eine breite praktische Bauerfahrung, Ruegenberg kommt aus der Forschung. „Da ergänzen wir uns sehr gut", so die Co-Founderin.
Baustoffe für die Erde – theoretisch auch für den Mond
Die Bindemitteltechnologie von ParaStruct eignet sich theoretisch auch für extraterrestrische Anwendungen. Mondgestein (Regolith) ließe sich mit dem Verfahren binden, und durch die Recyclingfähigkeit des Bindemittels wäre eine materialeffiziente Wiederverwendung möglich. Aktuell forscht ParaStruct jedoch nicht in diese Richtung. „Wir denken, dass wir auf der Erde bereits genug Probleme haben, die wir vielleicht schneller lösen können", sagt Ruegenberg. Umsätze erziele man dort, wo es Kunden gibt. Solche Gedankenexperimente seien aber wichtig: Viele Technologien, die für die Raumfahrt entwickelt wurden, hätten später auch im Alltag Bedeutung gewonnen.
Ruegenbergs Schlusswort: „Die Erde ist schon ein sehr schöner Platz zum Leben. Den sollten wir uns erhalten."
ParaStruct sucht Pilotierungspartner
ParaStruct sucht aktuell Immobilienentwickler für Pilotprojekte und Vorbestellungen von BioScreed. Der kreislauffähige Estrich ist für den Innenausbau konzipiert, insbesondere für Bestandssanierung von Wohn- und Bürogebäuden. Für Entwickler, die bei künftigen Ausschreibungen von der Dekarbonisierung ihrer Baustoffe profitieren wollen, ist eine frühe Zusammenarbeit mit ParaStruct eine Möglichkeit, sich regulatorische Vorteile zu sichern. Für weitere Informationen kann eine Kontaktaufnahme über [email protected] erfolgen. Die Website befindet sich aktuell in Überarbeitung und wir in Kürze unter parastruct.com erreichbar sein.