Weniger ist mehr: Warum Datenqualität die Gebäudedaten wertvoll macht
Den Auftakt setzte Matej Banozic vom AIT – mit einem geborgten Titel. „Less is more", der Satz von Mies van der Rohe, wurde bei ihm zur These für den Umgang mit Daten. Gerade weil Künstliche Intelligenz heute mühelos immer größere Datenmengen produziere, verschiebe sich das Problem: Nicht die Menge sei die Herausforderung, sondern die Qualität – und die Frage, ob die richtige Information bei jener Person ankommt, die entscheidet.
Sein Kernsatz blieb hängen: „Die Zukunft des Bauens entscheidet sich an den Schnittstellen." Technische Lösungen gebe es in den einzelnen Bereichen – Planen, Bauen, Betreiben – längst. Woran es hake, sei die Verknüpfung der Gebäudedaten: nicht nur technologisch, sondern organisatorisch. An den Übergängen gehe Verantwortung verloren, wenn niemand mehr über das Gesamtmodell wache. Seine Frage ans Publikum, mitgegeben für das Podium: „Welche Information fehlt Ihnen heute?"
Energiesystem-Twin: Raus aus dem Blindflug
Roman Vöger von Siemens wechselte die Perspektive – vom Datenmodell zum Energiesystem. Was wäre, so seine Einstiegsfrage, wenn man sein Energiesystem nicht nur reaktiv verwalten, sondern die eigene Energiezukunft aktiv gestalten könnte? Das Umfeld dränge dazu: volatile Preise, strenger werdende Regulatorik, komplexer werdende Anlagen. Den digitalen Zwilling kenne man aus der Prozessindustrie – ihn auf Gebäudeebene als Energiesystem-Twin zu denken, sei grundsätzlich neu.
Wie groß die Lücke beim Energiemonitoring ist, illustrierte Vöger mit einer Anekdote: Auf einem Fachkongress mit rund 250 produzierenden Unternehmen habe er mindestens 90 Prozent mit einem Energiemonitoring erwartet – es sei kaum die Hälfte gewesen. „Wo geht meine Energie überhaupt hin?" – viele Betriebe flögen hier, ehrlich gesagt, „im Blindflug". Der Ausweg liege nicht in noch mehr isolierten Reports, sondern in einer einzigen, verlässlichen Datenbasis, auf der sich Szenarien simulieren lassen: raus aus dem Gas, dekarbonisieren, minimalinvasiv investieren. Das Ergebnis, so Vöger: geringere Energiekosten, mehr Agilität – und Vertrauen in die eigenen Entscheidungen.
Die versiegelte Stadt lesen: Flächenversiegelung per KI und Satellitenbild
DI Samira Chadli von SC CONCEPTS hob die Flughöhe – im Wortsinn. Ihr Impuls drehte sich um urbane Flächen und die Frage, wie man sie überhaupt erst sichtbar macht. Im Forschungsprojekt ReSpace liest Künstliche Intelligenz Satelliten- und Luftbilder aus und erhebt grundstücksscharf, ob eine Fläche versiegelt ist – Asphalt oder wasserdurchlässiger Belag, Verkehrsfläche oder Potenzialraum. In Linz wurden auf diese Weise 4.334 Grundstücke ausgewertet; einzelne davon bergen knapp 1.000 m² ungenutztes Potenzial.
„KI hilft, diese Satellitenbilder zu lesen", sagte Chadli – betonte aber die Grenzen: „Das ist KI-Training, nicht KI-Fertigstellung." Der Mensch korrigiere in Schleifen mit. Aus den Ergebnissen ließen sich konkrete Handlungsräume ableiten: Entsiegelung und Grünraum, Nachverdichtung, Baulogistik. Für Chadli ist das mehr als ein Werkzeug – es ist die Grundlage, Stadt- und Quartiersentwicklung evidenzbasiert zu denken, gerade mit Blick auf Hitze und Klima.
Erst die Frage, dann die Daten
Im Podium drehte Moderatorin Barbara Ohnewas die Ausgangsfrage ins Konkrete: Welche Daten hätte man am liebsten, wenn man frei wählen dürfte? Ausgerechnet Chadli wollte nicht bei den Daten beginnen. Zuerst müsse man verstehen, welche Transformation einen Standort gerade erfasse und welche Chancen daraus entstünden – erst aus diesem Verstehen ergebe sich, welche Daten man wirklich brauche. Banozic ergänzte den zweiten Blickwinkel: Neben dem Grundstück zähle der Prozess der Zusammenarbeit – welcher Indikator relevant ist und welche Personen die Information überhaupt erreichen muss.
Und verändert KI die Fragen, die man stellt? Ja, aber mit Vorbehalt. KI sei nur so gut wie das, was man ihr zuführe, warnte Vöger und blieb im Bild der laufenden Fußball-WM: KI gebe das Spielfeld vor, „der Trainer sind immer noch wir". Banozic warnte vor dem Hammer-Nagel-Reflex – nicht jedes Problem sei ein KI-Problem, und Rechenzentren seien ressourcenintensiv. Chadli wiederum trennte sauber zwischen zwei Schubladen: KI als technisches Werkzeug und KI als gesellschaftliche Kraft, die verändert, wie wir wohnen, arbeiten und uns bewegen – und damit, was wir künftig überhaupt bauen.
Das Korsett wird enger: Energieeffizienzgesetz und Energieaudit-Pflicht
Vom Möglichkeitsraum ging es zur Pflicht. Vöger skizzierte die Novellierung des Energieeffizienzgesetzes: neue Schwellen für die Energieaudit-Pflicht, für manche Betriebe verpflichtende Energiemanagementsysteme – für Unternehmen, die sich damit bislang nie beschäftigt haben, eine erhebliche Umstellung. Parallel greife die EU-Energieeffizienzrichtlinie (EED) sukzessive für Gemeinden, mit immer engeren Vorgaben bis 2030. „Das Korsett wird immer enger", so Vöger – wer sich nicht vorbereite, riskiere einen „Kodak-Moment".
Gerade öffentliche Eigentümer stelle das vor eine banale, aber reale Hürde: „Ich habe nur Zettel, ich habe nur Excel" – und keine Möglichkeit, den Energieverbrauch digital zu erfassen. Womit der Abend am Ende wieder dort landete, wo Banozic ihn eröffnet hatte: Das digitale Gold liegt bereit, die Werkzeuge reifen, die Regulatorik drängt. Ob daraus Wert wird, entscheidet sich an den Schnittstellen – oder eben gar nicht.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist ein Energiesystem-Twin?
Ein Energiesystem-Twin ist ein digitaler Zwilling des Energiesystems eines Gebäudes oder Betriebs. Er bildet Verbrauch, Erzeugung und Speicherung datenbasiert ab, macht Energieflüsse transparent und erlaubt es, Szenarien – etwa Dekarbonisierung oder Gasausstieg – zu simulieren, bevor investiert wird.
Ab wann besteht eine Energieaudit-Pflicht?
Die Schwellen ergeben sich aus dem jeweiligen nationalen Energieeffizienzgesetz (in Österreich EEffG, in Deutschland EnEfG) in Verbindung mit der EU-Energieeffizienzrichtlinie. Große Unternehmen sind ab bestimmten Energieverbrauchs- bzw. Größenschwellen zu wiederkehrenden Energieaudits nach EN 16247 verpflichtet; oberhalb höherer Verbrauchsschwellen kann ein Energiemanagementsystem nach ISO 50001 verpflichtend werden. Maßgeblich ist die aktuelle Fassung im jeweiligen Land.
Wie hilft KI bei der Erhebung versiegelter Flächen?
KI wertet Satelliten- und Luftbilder aus und klassifiziert grundstücksscharf, ob eine Fläche versiegelt ist. So lassen sich Entsiegelungs-, Grünraum- und Nachverdichtungspotenziale flächendeckend und vergleichbar erheben – als Grundlage für eine evidenzbasierte Stadtentwicklung.
Warum ist Datenqualität wichtiger als Datenmenge?
Weil Entscheidungen an den Schnittstellen zwischen Planen, Bauen und Betreiben getroffen werden. Fehlt dort die verlässliche, verknüpfte Information, nützt auch die größte Datenmenge nichts – die relevante Erkenntnis muss bei jener Person ankommen, die entscheidet.