Ein großes Thema wird in Zukunft der Bestand sein und dass Unternehmen einen Überblick über ihre Projekte und ihre Portfolios haben.
Oliver Jainta: Der Bestand ist das entscheidende Thema. Rund 80 Prozent des Gebäudebestands in der Europäischen Union wurden vor dem Jahr 2001 errichtet. Die Klimaziele im Immobiliensektor werden ganz sicher nicht über den Neubau allein erreicht werden. Die eigentliche Herausforderung liegt im vorhandenen Gebäudebestand. Dort treffen energetische Defizite, technische Alterung, fehlende Datentransparenz und hohe Investitionsbedarfe aufeinander, denn etwa 75 Prozent des Bestands weisen eine schlechte Energieeffizienz auf.
Deshalb braucht der Markt Lösungen, die den Bestand nicht nur dokumentieren, sondern auch systematisch analysierbar und transformierbar machen. Wer den Bestand intelligent entwickelt, verbindet Klimaschutz, Wirtschaftlichkeit und Werterhalt. Genau darin sehen wir die zentrale Zukunftsaufgabe der Branche.
Mit Ihrem Unternehmen BUILD.ING Intelligence GmbH bieten Sie Bestandshaltern ein digitales Tool für Gebäude- und Portfoliomanagement.
OJ: Die BUILD.ING Intelligence GmbH entwickelt digitale Lösungen für das datenbasierte Gebäude- und Portfoliomanagement. Wir helfen dabei, aus verstreuten Gebäudedaten ein steuerbares System zu machen. Wir digitalisieren nicht einfach Daten zur Dokumentation, sondern schaffen die Grundlage für bessere Immobilienentscheidungen im Bestand.
Mit dem BUILD.ING HUB etablieren wir eine modulare Plattform, auf der technische, wirtschaftliche und nachhaltigkeitsbezogene Informationen zu Immobilien zusammenlaufen. So entsteht eine belastbare Entscheidungsgrundlage für Sanierungsstrategien, Instandhaltungsplanung, ESG-Steuerung, Taxonomie-Fähigkeit, Dekarbonisierung und Werterhalt.
Wie ist die BUILD.ING Intelligence GmbH entstanden? Was war die Idee dahinter?
OJ: Die Immobilienbranche leidet nicht an zu wenigen Daten, sondern an zu wenig strukturierter Entscheidungsfähigkeit. Viele Akteure haben Daten, aber keinen echten Überblick. Aus dieser praktischen Marktbeobachtung entstand die BUILD.ING Intelligence GmbH.
In der Immobilienbranche werden bis heute viele zentrale Entscheidungen auf Basis fragmentierter, veralteter oder schwer zugänglicher Daten getroffen. Informationen liegen in Excel-Dateien, PDFs, E-Mails, ERP-Inseln und in den Köpfen einzelner Beteiligter. Genau das erschwert strategische Entscheidungen über Sanierung, Betrieb, ESG, CAPEX und Portfolioentwicklung erheblich.
Die Idee der BUILD.ING Intelligence GmbH war deshalb von Anfang an, mit dem BUILD.ING HUB eine digitale Plattform zu schaffen, die alle relevanten Gebäude- und Portfoliodaten an einem Ort zusammenführt, strukturiert, auswertbar macht und in konkrete Handlungsoptionen übersetzt. Unser Ziel ist es, Eigentümer, Assetmanager, Portfoliomanager, Banken, Kommunen und weitere Akteure dabei zu unterstützen, bessere und schnellere Entscheidungen für den Gebäudebestand zu treffen.
Ein Statement Ihres Unternehmens lautet „Single Point of Truth statt Excel“. Was bedeutet das?
OJ: Das Statement beschreibt sehr zugespitzt ein Kernproblem der Branche. Single Point of Truth heißt: eine verlässliche Datenbasis statt paralleler Excel-Welten. In vielen Immobilienorganisationen existieren unterschiedliche Datenstände parallel. Das führt zu Medienbrüchen, Inkonsistenzen und einem hohen Abstimmungsaufwand.
Ein Single Point of Truth bedeutet, dass alle Beteiligten auf eine zentrale, aktuelle und nachvollziehbare Datenbasis zugreifen. Statt mehrere Excel-Listen manuell abzugleichen, entsteht ein gemeinsames digitales Gebäudeverständnis. Die Branche braucht weniger Datensilos und mehr Entscheidungsintelligenz.
Sind der EU Green Deal und die EU-Taxonomie derzeit in den Hintergrund getreten?
OJ: Aus unserer Sicht eher kommunikativ, aber nicht inhaltlich. Es stimmt, dass sich die öffentliche Debatte zuletzt teilweise verschoben hat. Themen wie Zinsen, Baukosten, Konjunktur, geopolitische Unsicherheit und regulatorische Komplexität haben viel Aufmerksamkeit gebunden. Trotzdem sind der EU Green Deal und die EU-Taxonomie keineswegs verschwunden.
Im Gegenteil. Die Anforderungen hinsichtlich Transparenz, Dekarbonisierung, Risikobewertung und nachhaltige Kapitalallokation wirken weiter in den Markt hinein. Für viele Eigentümer, Investoren, Banken und Bestandshalter bleibt die Frage zentral, wie zukunftsfähig und regulatorisch anschlussfähig ihre Immobilien wirklich sind.
Ich glaube daher nicht, dass das Thema in den Hintergrund getreten ist. Es ist sozusagen erwachsener geworden. Die Branche bewegt sich weg von reinen Nachhaltigkeitsbotschaften hin zu belastbaren Umsetzungsstrategien.
Das heißt: Nachhaltigkeit ist Werthaltigkeit?
OJ: Ja. Nachhaltigkeit ist ein zentraler Bestandteil von Werthaltigkeit. Die Werthaltigkeit einer Immobilie entscheidet sich zunehmend daran, wie zukunftsfähig sie technisch, energetisch, regulatorisch und marktseitig aufgestellt ist. Hohe Energieverbräuche, mangelnde Sanierungsfähigkeit, regulatorische Risiken oder sinkende Nutzerakzeptanz können sich direkt auf Vermietbarkeit, Betriebskosten, Investitionsbedarf und letztlich auf den Wert auswirken.
Nachhaltigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur Klimaschutz. Nachhaltigkeit bedeutet auch Risikoreduktion, Planungssicherheit, Marktgängigkeit und langfristige Nutzbarkeit. Deshalb ist sie aus unserer Sicht eng mit der ökonomischen Qualität einer Immobilie verbunden.