180 Meter, 48 Geschoße, rund 600 Wohnungen: Mit den Danube Flats hat Wien sein höchstes Wohnhaus bekommen. Der Turm steht dort, wo die Wagramer Straße auf die Reichsbrücke trifft – an einer der prominentesten und zugleich windigsten Stellen der Donau City. Genau diese Lage hat das Projekt über Jahre zu einem der meistdiskutierten Hochhausvorhaben der Stadt gemacht, lange bevor der erste Beton floss.
Architektonisch ist der Bau ein Lehrstück in Sachen Statik und Logistik. Der Stahlbetonkern wurde mit einer Selbstkletterschalung vorauseilend hochgezogen, bevor die Geschoßdecken folgten – eine Technik, die bei Türmen dieser Höhe Zeit spart, aber präzise Koordination verlangt. Gegen die teils extreme Windbelastung an der Reichsbrücke wurde eine eigene Windschutzwand aus Glas und Stahl an der Nordseite gesetzt. Die unterschiedlich tiefen Balkone sind nicht nur Gestaltung, sondern Reaktion auf Sonne und Strömung.
Wirtschaftlich war der Turm früh ein Erfolg: Schon im September 2023, also vor der Fertigstellung, waren nach Angaben von SORAVIA rund 90 Prozent der etwa 500 freifinanzierten Eigentums- und Vorsorgewohnungen verkauft. Die Preise begannen bei 260.000 Euro, die Wohnungsgrößen reichen von 30 bis 230 Quadratmetern.
Eckdaten im Überblick:
• Standort: Wagramer Straße 2, Donau City, 1220 Wien
• Typ: Wohnhochhaus (freifinanziert), höchstes Wohnhaus Österreichs
• Höhe / Geschoße: rund 180 m / 48 Stockwerke
• Wohnungen: rund 600 (Turm + Terrassenhaus), ca. 42.000 m² Wohnfläche
• Fertigstellung: 2024 / Anfang 2025
• Architektur: project A01 architects ZT GmbH, Wien (Wettbewerbsentscheid 2012)
• Material (laut ORF-Dachgleichebericht): rund 55.000 m³ Beton, rund 10.000 t Stahl
Bauherr: S+B Gruppe und SORAVIA
Bauherr ist ein Konsortium aus der S+B Gruppe AG und SORAVIA, zwei der bekanntesten Namen der österreichischen Projektentwicklung. Die Danube Flats GmbH steht hinter dem Vorhaben, das auf der ehemaligen Liegenschaft des Cineplexx- und Minopolis-Gebäudes realisiert wurde. Beide Häuser zählen zu den großen heimischen Developern – mit allen Chancen und Risiken, die ein Wohnturm in dieser Größenordnung und in dieser Marktphase mit sich bringt.
Wer hat die Danube Flats geplant? project A01 architects
Den architektonischen Entwurf lieferte das Wiener Büro project A01 architects ZT GmbH, das den Wettbewerb im September 2012 für sich entschied. Die Architekten formten aus den Vorgaben einer extrem windexponierten Uferlage einen schlanken Turm mit gestaffelten, unterschiedlich tiefen Balkonen; die Gestaltung der Allgemeinflächen verantwortete LABVERT. Die eigentliche Entwurfsleistung lag darin, ein 180-Meter-Wohnhaus so zu organisieren, dass Belichtung, Ausblick und Windschutz an der Reichsbrücke zusammengehen – eine Aufgabe, die Architektur und Statik von Anfang an eng verzahnte.
Wer hat die Danube Flats gebaut? Granit Bau und Doka
Die ausführende Baufirma war die Granit Bau GmbH. In Schalungsfragen setzte sie nach Angaben von Doka auf den österreichischen Schalungsspezialisten: Zum Einsatz kamen die Selbstkletterschalung Xclimb 60 und die Wandschalung Framax Xlife, dazu mehrere Ladeplattformen zur Optimierung der Baustellenlogistik. Harald Zulehner, Geschäftsführer von Doka Österreich, sprach davon, mit den Lösungen „wesentlich zum Gelingen dieses prestigeträchtigen Projektes” beitragen zu dürfen.
Der vorauseilende Kern ist die statische Schlüsselstelle des gesamten Turms: Die Kernwände werden mit der Kletterschalung errichtet, bevor die jeweilige Decke betoniert wird. Das beschleunigt den Bauablauf, erfordert aber eine eng getaktete Abstimmung zwischen Rohbau, Schalungstechnik und Kranlogistik. Bei einem Wohnturm dieser Höhe ist die Baustelle damit so sehr ein Logistik- wie ein Bauprojekt.
Umwelt und Energie: Wärme, Kälte und CO₂-Bilanz
Die Danube Flats stehen in der Donau City, einem Fernwärmegebiet von Wien Energie. Ein eigenes, projektspezifisches Energiekonzept mit konkreten Verbrauchs- oder Emissionskennzahlen wurde – anders als bei den jüngeren Holzhybrid-Projekten der Stadt – öffentlich kaum dokumentiert. Im städtebaulichen Vertrag ist von „höchsten ökologischen Baustandards” die Rede, ohne dass dazu belastbare Zertifizierungswerte vorliegen.
Wo die größere Umweltdebatte stattfand, war weniger die Energiebilanz als die Frage der Verschattung, der Windverhältnisse und des Mikroklimas am Donauufer. Die Windschutzwand an der Nordseite ist die bauliche Antwort auf die Strömungslage; die Wirkung des 180-Meter-Turms auf das unmittelbare Umfeld blieb bis zuletzt ein Streitpunkt zwischen Entwicklern und Anrainerinnen und Anrainern.
Was war schwierig?
Schwierig war an den Danube Flats vor allem die Vorgeschichte. Eine Bürgerinitiative kämpfte jahrelang gegen Höhe und Dichte und fürchtete Verschattung, Lärm und die Beeinträchtigung der Sichtachse zum Harry-Seidler-Turm; der Wiener Stadtrechnungshof prüfte den Verdacht einer Gefälligkeitswidmung, nachdem das Grundstück zunächst nur mit 26 Metern Bauhöhe gewidmet gewesen war – ein Verdacht, der ein Verdacht blieb, aber das Projekt politisch belastete. Die Fertigstellung verschob sich von ursprünglich 2023 auf 2024. Und zuletzt geriet mit SORAVIA einer der beiden Bauherren in eine Liquiditätskrise: Die deutsche Finanzierungstochter SC Finance Four meldete im März 2024 Insolvenz an, mehrere Anlegerfonds stecken in Schwierigkeiten – ein Projektrisiko auf Konzernebene, das vom verkauften Wohnturm selbst zu trennen ist.