PlanRadar: der Wiener Scale-up mit 91 Millionen Euro VC-Kapital
PlanRadar mit Sitz in Wien zählt rund 440 Mitarbeiter in 18 Büros und bedient nach eigenen Angaben über 75 Märkte. Seit der Seed-Runde 2017 hat PlanRadar rund 91 Millionen Euro Venture-Kapital aufgenommen, davon 30 Millionen Euro in der Series A 2020 und 60 Millionen Euro in der Series B 2022 unter Insight Partners und Quadrille Capital. Die österreichische Muttergesellschaft weist für 2024 einen Jahresfehlbetrag von rund drei Millionen Euro aus – eine klare Verbesserung gegenüber dem Vorjahresverlust von 24 Millionen Euro. Der Kurs in Richtung Break-even ist erkennbar.
PlanRadar ist seit der Gründung 2013 um den Bauplan herum aufgebaut: Mängel und Aufgaben werden als Ticket auf IFC-Modellen, PDFs oder 360-Grad-Aufnahmen des SiteView-Moduls verortet, durchlaufen einen Workflow und landen in Reports. PlanRadars Zielgruppen sind Bauunternehmen, Projektentwickler, Architekten und Facility Manager. Die PlanRadar-Kundenbasis reicht von STRABAG, PORR und HOCHTIEF über BIG und ARE bis zu internationalen Konzernen wie Allianz Real Estate und Siemens.
PlanRadars Pricing bestätigt die Enterprise-Ausrichtung: Einstieg ab 29 Euro pro Lizenz und Monat, Subunternehmer kostenlos, Staffelmodelle über die Tiers. PlanRadars Stärke – Multi-Stakeholder-Workflow, BIM-Integration, 75 Märkte, 20 bis 25 Sprachen – ist gleichzeitig die strukturelle Schwäche gegenüber einem mietrechtlichen Use Case. Wer ein Ein- oder Auszugsprotokoll erstellt, braucht kein Ticketing auf IFC-Plänen.
ImmoPad: die französische Wohnungsübergabe-Vertikale
ImmoPad mit Sitz in Nancy beschäftigt rund 15 Mitarbeiter in der operativen Gesellschaft und 25 in der Gruppe. ImmoPad hat nie Venture-Kapital aufgenommen, erwirtschaftet 2024 einen Umsatz von 1,37 Millionen Euro und einen Nettogewinn von 158.000 Euro. Das eine Unternehmen ist eine global ausgerichtete Enterprise-Plattform, das andere ein französisch-regionaler Profitabilitätsbetrieb.
ImmoPad konzentriert sich seit der Gründung 2011 auf die digitale Wohnungsübergabe. Jean-Pascal Launay und Emmanuel du Moulinet d'Hardemare übernahmen ImmoPad 2020 von Gründer Christian Beckendorf und haben die Plattform seither um mehrere Module ergänzt: SmartPilot für Instandhaltungskalkulation, OS by ImmoPad für Dienstleistersteuerung, TOMi als Mieter-App mit Einzugs-Provisionsmodell, seit 2025 Presta Connect als Freelancer-Marktplatz für EDL-Spezialisten.
Den Produktkern bildet das französische État des lieux nach Loi ALUR 2014 und Décret n° 2016-382 vom 30. März 2016: offline funktionierendes Raum-für-Raum-Protokoll, Vergleichsfunktion Ein- zu Auszug, Zählerstände, Vétusté-Gitter, KI-Fotoerkennung für Ausstattung, eIDAS-konforme Signatur via domuSign. Weilhart nannte im Interview Nutzungszahlen im DACH-Marketinggespräch: rund 200.000 Einzugs- und 140.000 Auszugsprotokolle im laufenden Jahr, rund 1.000 Kundenunternehmen, über eine Million bislang erzeugter ImmoPad-Reports.
PlanRadar und ImmoPad: drei Linien der Abgrenzung
Horizontal versus vertikal. PlanRadar adressiert den gesamten Lebenszyklus der Baudokumentation plan-zentriert. ImmoPad bespielt exakt einen Use Case: die rechtlich saubere Übergabe von Wohneinheiten. Für einen österreichischen Bauträger heißt das: PlanRadar für die Baustelle, ImmoPad oder ein ImmoPad-Äquivalent für die Wohnungsübergabe – falls eines gebraucht wird.
Kapital versus Profitabilität. PlanRadar hat das klassische SaaS-Playbook gespielt, Kapital eingesammelt, international skaliert, Verluste produziert. ImmoPad ist gebootstrappt, jedes Produkt-Feature musste aus eigenem Umsatz finanziert werden. Beide Modelle haben 2024 ihre spezifischen Signale gesetzt: PlanRadar drückt den Verlust in Richtung schwarze Null, ImmoPad wächst zweistellig und bleibt profitabel.
Jurisdiktion versus Neutralität. Das ist die für den DACH-Markt entscheidende Differenz zwischen PlanRadar und ImmoPad. PlanRadars Plattform ist branchenweit und rechtsraumneutral – was PlanRadar in Österreich, Deutschland und der Schweiz gleichermaßen verkäuflich macht. ImmoPads Produkt ist rechtsspezifisch – was ImmoPads Expansion verlangsamt, aber die Abgrenzung scharf zeichnet. Weilhart verweist im Interview auf den strukturellen Unterschied des französischen Bailleur-social-Sektors gegenüber dem österreichischen Gemeinnützigen Wohnbau – unterschiedliche Auftraggebertypen, unterschiedliche Protokollerwartungen, unterschiedliche Vertriebswege.
ImmoPads DACH-Strategie: Deutschland zuerst, Österreich als zweiter Markt
Weilhart bestätigt, dass ImmoPad vor rund einem Jahr mit Unterstützung von Business France den deutschen Markt erschlossen hat und Österreich aktuell als zweiten Zielmarkt bearbeitet. Öffentlich benennt Weilhart das Vorgehen als „exploratory" – also ohne benannte ImmoPad-Referenzkunden oder Abschlussvolumina.
Das passt zur mühsamen Ausgangslage in Österreich: Das österreichische Mietrecht kennt keine Protokollpflicht, § 1111 ABGB setzt die Präklusivfrist für Ansprüche wegen Beschädigung auf ein Jahr, § 1298 ABGB verschiebt die Beweislast. ImmoPad ist hier ein funktional nützliches, aber nicht juristisch zwingendes Produkt. Der ImmoPad-Markteintritt in Österreich führt also über Wertversprechen, nicht über Compliance-Druck.
In Deutschland ist die Lage für ImmoPad besser: § 548 BGB macht die Sechsmonatsfrist zum Kostenhebel, die Urkundenfunktion des beidseitig unterzeichneten Protokolls ist seit BGH VIII ZR 252/81 von 1982 gefestigt. In der Schweiz, die Weilhart als ImmoPad-Zielmarkt nicht nennt, wäre Art. 267a OR mit seiner Verwirkungsfrist von zwei bis drei Werktagen der kommerziell zwingendste Einstieg. Dass ImmoPad zunächst Deutschland und Österreich wählt und nicht die Schweiz, ist entweder vertriebspragmatisch oder ein strategischer Fehler.
Fazit: kein Entweder-oder zwischen PlanRadar und ImmoPad
Die Entweder-oder-Frage PlanRadar versus ImmoPad existiert nicht. PlanRadar und ImmoPad bedienen überlappungsarme Teilmärkte: Baumängelmanagement und Bestandsdokumentation auf der einen, rechtsförmliches Übergabeprotokoll auf der anderen Seite. Die deutsche und österreichische Wohnungswirtschaft hat den zweiten Use Case bislang entweder über Eigenbau-Formulare, über Verbandsmuster von GdW, Haus & Grund und ÖVI oder über horizontale Tools wie Casavi, EverReal und Vermietet.de gelöst. Eine vertikal rechtssichere DACH-Lösung fehlt.
Ob ImmoPad diese Lücke schließen kann, hängt an drei Bedingungen: einer rechtlich belastbaren Lokalisierung für MRG und BGB, einer Vertriebsstruktur jenseits der Business-France-Sprechstunde und einem Preispunkt, der gegen kostenfreie Angebote wie Objego und günstige Standardlösungen wie AIMMO besteht. Weilhart beschreibt die Phase als Markterkundung. Das ist ehrlich. Es ist auch der Teil, an dem die meisten französischen PropTechs im DACH-Raum in den vergangenen zehn Jahren gescheitert sind.
Für Österreichs Immobilienverwalter bleibt die Lage stabil: PlanRadar bespielt die Baustelle, ImmoPad schaut sich um. Die Frage, ob der nächste Anbieter einer rechtssicheren Wohnungsübergabesoftware aus Nancy, Kiel, Linz oder Berlin kommt, ist offen.