Das verlassene Wirtshaus „zieren“ eine bröckelnde Fassade, heruntergelassene Rollläden und zugenagelte Fenster. In vielen österreichischen Gemeinden lautet das Motto „Bonjour Tristesse“, denn Leerstand ist die Folge von Landflucht. Dazu kommen weitere Probleme wie Druck auf Böden und Landwirtschaft, ungelöste Fragen der Mobilität, die meist nur mit einem Auto funktioniert, sowie die Folgen des Klimawandels. Doch im Bürgermeisteramt oder Gemeinderat fehlt im kommunalen Alltag oft die Zeit zum Nachdenken über Lösungen, der Raum für Experimente und frische Blick auf alte Probleme.
Frischer Wind in eingefahrenen Furchen
Genau hier setzt das Programm RURASMUS an. Das Wort beinhaltet rural wie ERASMUS und vermittelt Studierende für ein Austauschsemester in die heimische Provinz statt nach Berlin, London oder Kopenhagen. Sie leben und studieren hier in Abstimmung mit ihrer Universität. In der Vorbereitung wird ein individuelles Paket an geeigneten Lehrveranstaltungen zusammengestellt. RURASMUS kann auch als Praxissemester oder für die Bachelor- beziehungsweise Masterarbeit absolviert werden. Studiosi arbeiten hier mit Gemeindevertreterinnen und -Vertretern an konkreten Projekten zusammen. Und sollen in eingefahrenen Furchen für frischen Wind sorgen.
Bestand als Zukunft statt Altlast
Im oberösterreichischen Vöcklabruck zogen Verantwortliche beim ersten RURASMUS-Kongress kürzlich Bilanz über die Zusammenarbeit von Gemeinden, Wissenschaft und Studierenden. Und forderten neue Wertschätzung für den Bestand, der keine Altlast, sondern wertvolle Zukunfts-ressource ist. Und eine Umbau- statt Bauordnung. So wird durch das Programm im oberöster-reichischen St. Konrad die Zukunft von leerstehenden Vierkanthöfen analysiert. In der Hausruck-Region wird zu Leerstandsmanagement und Ortskernentwicklung geforscht. Und im Kärntner Althofen entsteht ein integriertes Grünraumkonzept, das Natur, Tourismus und Lebensqualität vereint und neue Freiräume wie Wanderwege schafft.
Weder Jobs noch Wohnungen
Die Bedeutung von ländlichen Regionen mit bestehender, aber brach liegender Infrastruktur ist auch der auf Upcycling spezialisierten IMMOBILIENRENDITE AG ein Anliegen. Vorstand Markus Augenhammer ist Makler-Profi kennt die Probleme ländlicher Regionen. „Durch die Abwanderung junger Menschen in die Stadt ist der Fachkräftemangel auf dem Land noch akuter als im urbanen Raum. Auch Arbeitsplätze sind oft nur in Landwirtschaft und Tourismus vorhanden.“ Auch leistbare Wohnungen für Familien oder Junge, die bei ihren Eltern ausziehen möchten und von ihren Großeltern kein Häuschen geerbt haben, ist eine Illusion. Die Folge ist Landflucht.“
Altnutzung statt Neuversieglung in Enns
Der Gewerbeimmobilienspezialist setzt seit geraumer Zeit auf Initiativen zur Belebung der Peripherie. Im oberösterreichischen ENNSCENTER AM RÖMERFELD konnte das Team zeigen, wie der Mix aus Geschäften, Büros, Freizeitangeboten und Gastronomie ein altes, in die Jahre gekommenes Einkaufszentrum als Fachmarktzentrum wieder neu belebt. IMMOBILIENRENDITE AG-Vorstand Mathias Mühlhofer ist Experte für Sanierungen. „Gegenüber wurde ein neues Einkaufs-zentrum aus dem Boden gestampft. Natürlich zog es viele Altmieter aus dem alten FMZ ab. Statt immer wieder neu auf die grüne Wiese zu bauen und damit Bestandsgebäuden wie Innenstädten den Todesstoß zu versetzen, sollte die Substanz mit neuen Ideen kreativ umgenutzt werden.“
High Tech auf Ex-Brache
Wie das geht, zeigte die IMMOBILIENRENDITE AG in Weikersdorf bei Wiener Neustadt. Hier mutierte eine leere Industriebrache zu einem High-Tech-Park mit 5.500 Quadratmetern Gewerbe-Hallen und 1.500 Quadratmetern Bürofläche. Nun ist hier Skytec ansässig, Produzent von EASA-sicherheitskonformem Flugzeugzubehör, beispielsweise Windschutzscheiben für den Airbus A320 oder Klassenabtrennungen für die Boeing 737. Der Sicherheit hat sich auch Norsorex verschrieben. Das Unternehmen stellt in Weikersdorf innovative Polymere her, beispielsweise für Schutzkleidung von Motorradfahrern oder zum Binden von Ölteppichen. Ebenfalls hier zu finden ist Greeny. Mit 300 3D-Druckern fertigt das Team Indoor-Gärten für die Zucht von Obst und Gemüse in den eigenen vier Wänden. „Weil in Wien ein großer Mangel an Gewerbeflächen herrscht, besonders für produzierende Betriebe, flüchten sich diese nun von der Stadt aufs Land“, weiß Augenhammer. Außerdem gibt es hier viele weniger Anrainer, die wegen Produktionslärm protestieren. Mühlhofer blickt optimistisch in die Zukunft. „Gewerbetreibende haben die neue Lust aufs Land bereits entdeckt.“