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Geboren 1923 – so wohnten wir damals …

1923 wurde Johann Brdecka in Wien-Neubau geboren. Er hat nie woanders gelebt und erinnert sich an seine Kindheit und die damaligen Wohnverhältnisse, als der soziale Wohnbau erst am Anfang stand. Außerdem erklärt er, was ein „Bettgeher“, ein „Gaserer“ und ein „Wasserer“ ist. Wir haben dieses Interview bereits 2015 veröffentlicht und Johann Brdecka lebt heute nicht mehr. Ich finde aber, es relativiert Vieles in der heutigen Zeit und lässt einen auch nachdenklich werden.

Wann und wo wurden Sie geboren?

Johann Brdecka: Am 19. Mai 1923 in Wien-Neubau. Wir haben damals in der Spittelberggasse gewohnt, mit einer kleinen Küche, einem Zimmer und einem Kabinett. Später sind wir dann in die Neubaugasse 52 gezogen, in das Haus, in dem heute der „Schnitzelwirt“ ist.

Wie groß war die Wohnung, und zu wievielt haben Sie darin gewohnt?

Johann Brdecka: Die Quadratmeter waren egal. Wichtig war, dass man irgendwie untergekommen ist. Dort gab es eine große Küche, ein großes Zimmer und zwei Kabinette. Wir als Familie waren zu sechst. Mein Vater, meine Mutter, meine drei Geschwister und ich. Da wir aber den Zins nicht alleine hätten zahlen können, hat mein Vater die zwei Kabinette vermietet, und einen Bettgeher haben wir auch gehabt.

Was war ein Bettgeher?

Johann Brdecka: Das war ein Mitbewohner, der in der Nacht gekommen ist und im großen Zimmer, in dem wir alle geschlafen haben, übernachtet hat. In der Früh hat er dann wieder die Wohnung verlassen. In dem großen Zimmer ist übrigens auch noch das Fahrrad meines Vaters gestanden.

Wie lange sind die Mieter geblieben?

Johann Brdecka: Das war unterschiedlich, einen Monat, zwei Monate, ein halbes Jahr. Es hat sehr oft gewechselt, und man hat manchmal nicht genau gewusst, wer jetzt wohin gehört. Wir haben aber wunderbar gewohnt – so wie das bei uns war. Da gab es noch viel schlimmere Wohnverhältnisse …

Zum Beispiel?

Johann Brdecka: Ein Schulkollege von mir hat in der Lindengasse 3 gewohnt. Im Lichthof war eine Art Magazin, und dort hat die Familie zu viert gewohnt. Dieses Magazin war so feucht, dass seine Mutter die Bettwäsche immer zum Trocknen aufhängen musste. Der hat auch nie jemanden zu sich eingeladen, weil das so schreckliche Zustände waren.

Wir hatten sogar einen Gasherd zum Kochen und Gaslicht. Geheizt wurde mit Holz, Kohle und Koks. Im Winter war das schön, weil die ganze Familie um den Holzofen gesessen ist, und mein Vater hat uns Geschichten aus seiner Jugend erzählt – das war interessant für uns.

Es war eine schlechte Zeit, aber wir hatten das Glück, dass mein Vater als Bäcker immer Arbeit gehabt hat. Außerdem bekam er jeden Tag einen Wecken Brot. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir gehungert hätten – auch wenn es sehr oft nur Schmalzbrote gab.

Das Klo in der Neubaugasse war am Gang?

Johann Brdecka: Ja, natürlich. Auf dem Klo gab es eine Kerze, damit man was sieht, und die hat auch ein bisschen gewärmt. Vor allem im Winter war es unangenehm. Ich habe auch niemanden gekannt, der ein Klo in der Wohnung gehabt hat. Erst nach dem Krieg bin ich in eine Wohnung gezogen, die ein eigenes Klo gehabt hat.

Am Gang war auch die Bassena, und dort haben wir immer das Wasser für das Lavour (Waschschüssel, Anm. der Red.) in der Wohnung geholt.

Die Hausgemeinschaft war sehr schön, weil die Leute sich bei der Bassena getroffen und sich unterhalten haben, und da hat man sich dann auch gegenseitig eingeladen – auf einen Kaffee zum Beispiel. Und die Tratscherei war stärker.

Aber man hat seine Nachbarn gekannt, und das war viel besser. Heute kennt man sie ja teilweise gar nicht mehr.

Zu Ihrer Zeit nahm der soziale Wohnbau in Wien erst seinen Anfang.

Johann Brdecka: Die Gemeindebauten sind aus dem Boden geschossen, aber der 7. Bezirk selbst hat sich wenig verändert, da kaum Platz war, um neue Häuser zu bauen. Außerdem hast du keine Wohnung bekommen, wenn du kein Parteigenosse warst. Heute ist das sicher einfacher. Wirklich besser wurden die Wohnverhältnisse erst nach dem Krieg, als alles wieder aufgebaut wurde.

Wie war das dann für Sie?

Johann Brdecka: Nach der Kriegsgefangenschaft bin ich 1948 mit meiner Frau, die ich im Krieg geheiratet habe, in die Lindengasse 11 gezogen, und wir waren dort 20 Jahre lang Hausbesorger. Jetzt wohne ich noch immer dort, also schon fast 67 Jahre.

Der 7. Bezirk hat sich in einigen Gegenden kaum verändert.

Johann Brdecka: Ja. Vor einem Jahr war zufällig das Haustor von dem Haus offen, in dem wir vor 90 Jahren gewohnt haben. Da habe ich mir das Haus von innen angeschaut und bin hinauf in den ersten Stock, zur Tür, wo wir gewohnt haben – also, von der Struktur hat sich da nichts geändert. Der Spittelberg schaut teilweise noch immer so aus wie früher, als noch der Gaserer unterwegs war.

Was ist ein Gaserer?

Johann Brdecka: Das waren die Leute, die die Gaslaternen angezündet haben. Vormittags haben sie die Gläser geputzt, und am Abend haben sie die Laternen angezündet. Als Kinder haben wir schon darauf gewartet, dass er kommt, wir sind ihm dann nachgegangen und haben gesehen, wie er ein Licht nach dem anderen angezündet hat, bis die Gasse beleuchtet war. Aber wenn Sie den Gaserer nicht kennen, dann wissen Sie sicher auch nicht, was ein Wasserer ist.

Nein, weiß ich nicht.

Johann Brdecka: In der Neustiftgasse, gleich am Beginn beim Volkstheater, hat es einen Branntweiner gegeben. Dorthin sind die Fuhrwerker gekommen, auf ihren Karren mit zwei Rädern und einem vorne angespannten Pferd – sie haben meist Erde und Baumaterial geladen gehabt. Beim Branntweiner haben sie einen Schnaps getrunken, und vor dem Lokal ist der Wasserer gesessen, hat die Pferde versorgt und ihnen zu trinken gegeben.

War die Grätzelbildung so wie heute?

Johann Brdecka: Sie war sogar noch stärker. Man ist ja nicht weit herumgekommen. Ich habe meine Kindheit im Spatzenpark (heute Weghuberpark, Anm. d. Red.) verbracht, und wir waren auch stolz auf unseren Bezirk. Eines muss ich schon sagen: Wir waren damals als Kinder sehr frei. Es gibt zwar heute auch noch Grätzel, aber so intensiv wie früher ist es nicht mehr, weil doch jeder seine eigenen Wege geht. Heute ist einer dem anderen was neidig. Früher hat es das nicht gegeben, weil keiner etwas gehabt hat. Es war eine arme, aber auch eine ruhige Zeit für uns – außer in der Politik, da war viel Wirbel.

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  • Erschienen am:
    29.12.2021
  • um:
    07:00
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