Erste Sanierung nach Kreislaufwirtschaft: Baustart

vor 2 Tagen

3 Minuten

Visualisierung des Hauses in der Van-der-Nüll-Gasse 22
Visualisierung des Hauses in der Van-der-Nüll-Gasse 22
© Expressiv

Premiere für die Nachhaltigkeit: Die Sedlak Unternehmensgruppe startet mit der Van-der-Nüll-Gasse 22 in Wien die erste kreislauffähige Sanierung eines Bestandhauses. Die Stadt Wien begleitet das Leuchtturmprojekt mit dem Stadterneuerungs-Programm WieNeu+.

Erstmals wird ein Bestandshaus streng nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft saniert und somit entwickelt die Sedlak Unternehmensgruppe ein österreichweites Pionierprojekt. Das Gründerzeithaus aus dem Jahr 1880 in der Van-der-Nüll-Gasse 22 im 10. Wiener Gemeindebezirk wird nicht nur modernisiert, sondern auch aufgestockt, um zusätzlichen Wohn- und Büroraum zu schaffen. Die Sanierung erfüllt erstmals die von der EU-Taxonomie geforderten Umweltziele 4 – die den Übergang zur Kreislaufwirtschaft beschreiben. Sie setzt daher neue Standards für den nachhaltigen Umbau bestehender Gebäude. Anfang Februar wurde mit den Bauarbeiten begonnen.

Ein zentraler Aspekt des Projekts ist die Wiederverwertung von Baumaterialien. Mindestens 70 % der nicht gefährlichen Bau- und Abbruchabfälle werden recycelt oder direkt wiederverwendet. Beispielsweise bleiben Terrazzoböden erhalten, Mauerziegel aus Abbrucharbeiten werden aufbereitet und erneut verbaut, und Gipskartonplatten erfahren eine serielle Wiederaufbereitung. Sedlak erstellt für die Immobilie einen digitalen Zwilling sowie einen Gebäuderessourcenpass.

Wie wird das Gebäude kreislaufgemäß erweitert? Die Immobilie, die zuletzt als Arbeiterquartier und Lager genutzt wurde, verfügt im Bestand über 1.155 m2 Bruttogeschoßfläche. Rund 400 m2 sollen im Zuge der Aufstockung und des Ausbaus dazu kommen, dies geschieht mit einer rückbaufähigen, sortenreinen Konstruktion, die zukünftige Anpassungen erleichtert und Ressourcen langfristig schont. Ein nachhaltiges Energiekonzept mit Erdwärmesonden und einer dezentralen Warmwasserversorgung mittels Wohnungsstationen sorgt für eine energieeffiziente Nutzung des Gebäudes.

Nachhaltige Stadtentwicklung
Mit dem Baustart dieses innovativen Projekts zeigt Wien als Stadt und die Unternehmensgruppe Sedlak, wie nachhaltige Sanierung und Kreislaufwirtschaft erfolgreich umgesetzt werden können. Das Leuchtturmprojekt ist Teil des Stadterneuerungs-Programms WienNeu+, dessen Ziel es ist, Grätzl klima- und zukunftsfit zu machen.

„Wir wollen umsetzen, wovon seit einiger Zeit alle sprechen. Mit dem Baustart treten wir den Beweis an“, erklärt Wilhelm Sedlak, Geschäftsführer der Sedlak Unternehmensgruppe. Die Fertigstellung des Projekts ist für Mai 2027 geplant.

Über Kreislaufwirtschaft

Bei der Kreislaufwirtschaft geht es nicht um Recycling, das ist erst der letzte Schritt, der von vornherein wvermieden werden sollte.

Die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen beschreibt ein umfassendes Prinzip, das den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden neu denkt. Ziel ist, Material-, Energie- und Ressourcenflüsse so zu gestalten, dass Abfall erst gar nicht entsteht. Die EU fordert diesen Paradigmenwechsel im Zuge des Green Deal und der neuen Vorgaben zur nachhaltigen Beschaffung, weil der Bausektor rund 40 Prozent der CO₂-Emissionen und mehr als ein Drittel des Abfallaufkommens verursacht.

Im Kern bedeutet Kreislaufwirtschaft weit mehr als Recycling. Sie beginnt bereits bei der Planung: Gebäude sollen so konzipiert werden, dass Bauteile leicht austauschbar, reparierbar und rückbaubar bleiben. Konstruktive Entscheidungen, modulare Systeme und der Einsatz sortenreiner Materialien bestimmen, wie werthaltig ein Gebäude in Zukunft sein kann. Hinzu kommen längere Nutzungszyklen durch flexible Grundrisse, die Umnutzungen ermöglichen und Abrisse vermeiden.

Während Recycling lediglich das letzte Glied der Kette darstellt, setzt die Kreislaufwirtschaft früher an. Sie fördert Wiederverwendung und Wiederaufbereitung von Bauteilen, Urban Mining in bestehenden Beständen und eine präzise Materialdokumentation über digitale Gebäudepässe. Erst wenn diese Optionen ausgeschöpft sind, folgt das stoffliche Recycling.

Für die Immobilienbranche bedeutet das einen strukturellen Wandel. Planer, Entwickler und Betreiber müssen Lebenszykluskosten, CO₂-Bilanz und spätere Rückbauszenarien ebenso berücksichtigen wie den heutigen Marktwert. Kreislaufwirtschaft wird damit zu einem strategischen Qualitätskriterium.

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