Die unbequeme Wahrheit
Wohnen ist nicht nur deshalb teurer geworden, weil Grundstücke knapp sind, Baukosten steigen oder Regulierungen zunehmen. Wohnen ist auch deshalb teurer geworden, weil sich unsere Vorstellung davon, was wir uns leisten wollen – und vor allem leisten müssen – fundamental verändert hat.
Der Alltag von heute ist ein anderer als jener vor 30 oder 40 Jahren. Und mit ihm haben sich auch die Prioritäten verschoben. Was früher als Luxus galt, ist heute Selbstverständlichkeit. Und genau darin liegt ein Teil des Problems, über den erstaunlich selten gesprochen wird.
Der kleine Luxus
Der tägliche Coffee-to-go, das neueste Smartphone im Zweijahresrhythmus, Streaming-Abos, Essenslieferungen, Wochenendtrips, Fitnessmitgliedschaften, Designermöbel auf Kredit – alles für sich genommen überschaubare Beträge. In Summe jedoch ein konstanter Abfluss an Liquidität, der früher schlicht nicht existierte.
Man hat sich damals keinen Flat White für 4,50 Euro gegönnt, sondern Kaffee zu Hause getrunken. Man hat nicht jedes Jahr ein neues Gerät gekauft, sondern repariert, genutzt, aufgebraucht. Urlaub war die Ausnahme, nicht die Regel. Und vor allem: Konsum wurde aufgeschoben, nicht vorgezogen.
Das klingt nach Verklärung, ist aber in Wahrheit eine nüchterne Beschreibung von Prioritäten.
Verzicht als Strategie
Die Generation unserer Eltern hat Eigentum nicht trotz, sondern wegen Verzicht erreicht. Man hat gespart, konsequent und oft über Jahre hinweg. Man hat auf Dinge verzichtet, die heute als unverzichtbar gelten. Zwei Einkommen wurden nicht dafür genutzt, den Lebensstandard zu maximieren, sondern um Rücklagen zu bilden.
Mein Vater hat am Wochenende Kurier Zeitungsständer befüllt um 4 Uhr früh (NEBEN seinem Job in der Generaldirektion der Post!!), damit sich die monatliche Rate für die Eigentumswohnung ausgeht!
Das erste Auto war gebraucht. Möbel wurden vererbt oder gebraucht gekauft. Restaurantbesuche waren seltene Anlässe, keine wöchentliche Routine. Und wenn gebaut oder gekauft wurde, dann oft kleiner, einfacher, funktionaler.
Heute hingegen beginnt die Diskussion oft mit der Frage, warum sich bei gleichbleibendem Lebensstil kein Eigentum mehr ausgeht. Eine Frage, die man sich zumindest einmal umdrehen sollte.
Anspruchshaltung
Wir leben in einer Zeit, in der nahezu alles sofort verfügbar ist. Diese permanente Verfügbarkeit hat eine Erwartungshaltung geschaffen, die sich auch auf das Wohnen überträgt. Es soll zentral sein, hochwertig ausgestattet, nachhaltig gebaut, architektonisch ansprechend und gleichzeitig leistbar. Das ist nachvollziehbar. Aber es ist auch ein Zielkonflikt.
Anspruch und Realität stehen in einem Spannungsverhältnis, das sich nicht beliebig auflösen lässt. Wer alles gleichzeitig will, wird zwangsläufig an Grenzen stoßen.
Die verdrängte Variable
In der Debatte um leistbares Wohnen wird viel über Zinsen, Bodenpreise und Regulierung gesprochen. Zu Recht. Was fast nie thematisiert wird, ist das individuelle Konsumverhalten als Teil der Gleichung. Es geht nicht darum, Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Es geht darum, ehrlich zu sein, was die Konsequenzen bestimmter Entscheidungen sind.
Wer heute konsequent spart, Prioritäten setzt und bereit ist, temporär auf Komfort zu verzichten, kann auch heute noch Eigentum schaffen. Es ist schwieriger geworden, keine Frage. Aber es ist nicht unmöglich.
Die Chance
Vielleicht ist es an der Zeit, die Debatte um eine Dimension zu erweitern, die bislang ausgespart wird. Nicht als moralischer Zeigefinger, sondern als nüchterne Analyse. Leistbares Wohnen entsteht nicht nur durch politische Maßnahmen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Es entsteht auch durch individuelle Entscheidungen.
Oder anders formuliert: Wer Eigentum will, muss sich irgendwann die unbequeme Frage stellen, was ihm wichtiger ist – der kleine Luxus im Alltag oder die große Investition in die Zukunft.
Die Antwort darauf wird nicht politisch entschieden. Sondern jeden Tag aufs Neue – beim nächsten Coffee-to-go.