Das Lizenz-Problem: Wenn KI bei der Urlaubsplanung endet
Zehetmaier eröffnete ihren Vortrag mit einer Bestandsaufnahme, die im Saal Wiedererkennungseffekte auslöste: Immer mehr Organisationen berichten ihr, dass sie Hunderte oder Tausende Lizenzen für KI-Tools gekauft haben – und die Nutzung nach wie vor gering ist. Der meistgenannte Use Case: die private Urlaubsplanung der Mitarbeitenden.
„KI Tool zu lizensieren bedeutet nicht, Technologie in eine Organisation einzuführen. Wir müssen hier die Menschen mitnehmen."
Dieses Muster ist, so Zehetmaier, ein strukturelles Problem: Unternehmen überspringen den entscheidenden Schritt zwischen Toolkauf und Kulturwandel. Die sogenannte "Schatten-KI" – Mitarbeitende, die Tools privat und unkontrolliert nutzen, lange bevor eine offizielle Strategie existiert – entsteht genau in diesem Vakuum.
Der falsche Bagger: Eine Analogie für die Bau- und Immobilienwirtschaft
Für das Publikum aus der Bau- und Immobilienwirtschaft wählte Zehetmaier ein Gleichnis, das unmittelbar sitzt: Niemand würde auf einer Baustelle zuerst fragen, welcher Bagger gerade im Trend liegt, diesen anschaffen und dann überlegen, was gebaut werden soll. In der Bauordnung, bei Statik und Sicherheit denke jede Organisation zuerst über Konzept, Bewilligung und Ausführungsplan nach – und dann über das Gerät.
Genau das Gegenteil beobachte sie beim KI-Einsatz: Tool zuerst, Strategie vielleicht später. "Das ist eigentlich genau die falsche Frage", stellte sie fest. Die richtigen Fragen lauteten: Wie treffe ich als Entscheider Entscheidungen in Zeiten des Hypes? Welche Rollen und Freigaben braucht meine Organisation, um Innovation voranzutreiben, ohne Kontrolle über Daten und Geschäftsgeheimnisse zu verlieren? Und: Wer ist verantwortlich, wenn etwas schiefgeht?
KI-Strategie: Zuerst das Warum – dann das Wie – dann das Tool
Mit Verweis auf Simon Sineks Golden Circle of Why argumentierte Zehetmaier, dass Unternehmen den KI-Einsatz häufig von innen nach außen denken: Tool kaufen (Was), Verhaltenskodex schreiben (Wie), aber das Warum – die eigentliche KI-Strategie – vergessen. Eine KI-Strategie beantworte, wofür das Unternehmen stehe und welche Art von Organisation es sein wolle. Das sei die Basis aller nachgelagerten Entscheidungen.
„Die Unternehmen, die es in der Zukunft gibt, werden alle KI-Unternehmen sein. Nicht weil ihr Kerngeschäft KI ist, sondern weil jeder KI für Marketing, Sales, Buchhaltung und alles rundherum verwenden wird."
Als positives Gegenbeispiel nannte sie IKEA: Der Konzern automatisierte mit dem KI-Chatbot Billy 57 Prozent aller Kundenanfragen vollständig. Anstatt Personal abzubauen, schulte IKEA die betroffenen Mitarbeitenden zu Interior-Design-Beraterinnen und -Beratern um. Das Ergebnis: ein Plus von 1,03 Milliarden Euro im Folgejahr durch neue, KI-ermöglichte Services. Die strategische Entscheidung – Menschen nicht ersetzen, sondern transformieren – habe diesen Unterschied gemacht.
KI Governance: Verhaltenskodex, Rollen, Prozesse – nicht nur EU-Regulierung
Governance werde häufig mit der EU-KI-Verordnung gleichgesetzt. Zehetmaier ging einen Schritt weiter: Governance bedeute, intern zu klären, wer für KI zuständig ist, welche Prozesse für die Einführung neuer Tools gelten, welche Use Cases verboten sind und wer Verantwortung übernimmt, wenn KI-Outputs fehlerhaft sind.
Erste praktische Maßnahme sei ein Verhaltenskodex – ein Code of Conduct, der regelt, welche Tools Mitarbeitende nutzen dürfen, was in Systeme eingegeben werden darf und wer haftet. Die Wirtschaftskammer Österreich stellt nach Angaben von Zehetmaier ein entsprechendes Template auf ihrer Website zur Verfügung. Wie der Applaus im Saal auf ihre Erhebung zeigte, hat der Großteil der anwesenden Organisationen noch keinen solchen Kodex.
Halluzination und Haftung: Wenn KI-Output Schaden verursacht
Generative KI-Systeme generieren keine Fakten aus Datenbanken – sie berechnen auf Basis von Wahrscheinlichkeiten, welche Sprachfetzen als nächstes folgen. Daraus entstehen Halluzinationen: Inhalte, die plausibel klingen, aber nicht der Realität entsprechen.
Zehetmaier illustrierte das mit zwei konkreten Fällen. Erster Fall: Die Stadt Wien postete KI-generierten Werbecontent zum Wiener Trinkwasser – mit einem inhaltlichen Fehler. Der Post wurde zum zweithöchst kommentierten Beitrag in der Geschichte von Wiener Wasser, die Beschwerdewelle erzeugte unfreiwillig Reichweite. Zweiter Fall: Projektberichte im Wert von Hunderttausenden australischen Dollar wurden mit KI-generierten, teils falschen Inhalten eingereicht. Die Haftungsfolgen waren erheblich.
„Nicht jeder Anbieter stellt seine Systeme für kommerzielle Zwecke zur Verfügung. Und Geschäftsgeheimnisse, das ganze Know-how, das wir über hunderte Jahre in Europa aufgebaut haben – da müssen wir vorsichtig sein, wo wir das einspeisen."
Digitale Souveränität: Wer schreibt das Weltbild?
Eine der pointiertesten Aussagen des Vortrags betraf die geopolitische Dimension des KI-Einsatzes: Die gesamte europäische Wirtschaft hänge an amerikanischer Infrastruktur, nutze amerikanische Systeme – und diese Systeme seien auf englische Sprache trainiert. Das bedeute, dass ein bestimmtes Weltbild, eine bestimmte Sichtweise der Gesellschaft, in diesen Modellen verankert sei.
Zehetmaier zitierte eine Kollegin: Geschichtsbücher werden von den Gewinnern der Geschichte geschrieben. Hier schreiben amerikanische Tech-Konzerne die Realität. 30 Prozent der Weltbevölkerung seien im Internet gar nicht vertreten – und damit in den Trainingssets dieser Systeme.
KI ist kein Hammer. KI ist ein Spiegel.
Zehetmaier positionierte sich ausdrücklich gegen das verbreitete Narrativ, KI sei "nur ein Werkzeug wie ein Hammer". KI sei ein sozio-technisches System: trainiert mit Daten der Vergangenheit, verankert in Geografie, Zeit und Machtstrukturen. Als solches reflektiere es nicht nur das Gute, sondern auch strukturelle Ungleichheiten – und könne diese sogar verstärken, wenn nicht aktiv gegengesteuert werde.
Sie ist Gründerin des Vereins "Frauen in Künstliche Intelligenz Österreich" und untermauerte die These mit Beispielen aus Google Translate: Genderneutrale Sprachen würden bei der Rückübersetzung ins Deutsche automatisch stereotype Rollenbilder produzieren. Das sei kein Schnittstellenproblem, sondern ein strukturelles Trainingsproblem.
„Stop Hiring Humans“: Die Zahlen hinter dem Wandel
Den Ernst der Lage belegte Zehetmaier mit aktuellen Datenpunkten: Meta hat angekündigt, 10 Prozent der Belegschaft durch KI-Agenten zu ersetzen. Eine namentlich genannte internationale Großbank plant, 15 Prozent der Arbeitsplätze auf KI-Agenten umzustellen. Der WEF Future of Jobs Report 2025 geht davon aus, dass sich in den nächsten fünf Jahren 40 Prozent aller beruflichen Kompetenzen verändern werden. 92 Millionen Jobs werden wegfallen; gleichzeitig sollen 170 Millionen neue entstehen.
Das erzeuge fundamentale Ängste in Belegschaften – Ängste, die Organisationen aktiv adressieren müssten, anstatt sie durch externe Schlagzeilen zu verstärken. Das Schlagwort "Stop Hiring Humans", mit dem ein Aussteller bei der TechCrunch-Konferenz in San Francisco warb, sei inzwischen auf Plakatwänden in US-Großstädten präsent. Mitarbeitende lesen das.
„KI ist kein Projekt“: Die eigentliche Schlussthese
Mit ihrem Abschlusssatz fasste Zehetmaier das zentrale Argument der gesamten Keynote zusammen:
„Künstliche Intelligenz ist – genauso wie Cybersecurity – kein Projekt. Das sind Fragen um Infrastruktur, um Souveränität und ums Überleben unseres Unternehmertums in der Zukunft."
Wer KI mit einem Projektbudget und einem Enddatum denke, habe den Paradigmenwechsel noch nicht vollzogen. Der erste Schritt sei eine strategische Frage, keine technische: Was für ein Unternehmen wollen wir sein? Erst dann folge die Governance-Struktur, der Verhaltenskodex, die Schulung – und am Ende, als letzter Schritt, das Tool.
201eZukunft passiert nicht, wir gestalten sie.201c 2013 Mit diesem Satz beendete Zehetmaier ihren Vortrag.