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Anders & Ganz tritt in Österreich an - Wenn Systembrüche zur Strategie werden

vor 9 Stunden

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Im Haus der Musik an der Seilerstätte feierte am Dienstagabend ein neues Beratungsunternehmen seinen Markteintritt in Österreich – und die Geschichte dahinter ist ungewöhnlich offen. Keine hochglanzpolierten Unternehmenszählungen, keine Buzzword-Parade. Stattdessen: drei Führungspersonen, die aus konkreten Erfahrungen heraus erklären, warum die Immobilienwirtschaft ein ernstes IT-Problem hat – und wie sie es lösen wollen.

Der deutsche Real-Estate-IT-Spezialist Anders & Ganz (Aachen) und das Wiener Unternehmen Tesofy haben sich zusammengeschlossen. Das Ergebnis: Anders & Ganz Österreich, geführt von Franz Hillebrand und Juliane Bachl.

Der Ausgangspunkt: Zwei Zufälle und eine Erkenntnis

Stephan Sommer, Geschäftsführer von Anders & Ganz in Deutschland, beschreibt den Beginn nüchtern: „Der Franz und ich haben uns per Zufall in München kennengelernt. Als wir dann miteinander diskutiert haben, haben wir festgestellt: Wir arbeiten im selben Bereich.“ Aus diesem Gespräch wurde ein gemeinsames Konzept – und aus dem Konzept eine DACH-Strategie.

Dass Wien als erster Schritt über die deutschen Grenzen hinaus gewählt wurde, hat für Sommer eine klare operative Logik: „Die Motivation, überhaupt nach Wien zu kommen und hier ein Büro zu eröffnen, ist vor allen Dingen aus der Erkenntnis heraus entstanden, dass wir die Büros rund um die Talente schmieden müssen.“ Das Unternehmen folge den Menschen an die Orte, an denen sie leben und arbeiten – so wie bereits in Hamburg und Berlin. Weitere Standorte – auch jenseits des DACH-Raums – sind laut Sommer bereits geplant: „Die Immobilienwirtschaft arbeitet überall im europäischen Raum relativ vergleichbar.“

Die SIGNA-Erfahrung als Gründungsmotiv

Franz Hillebrand hat den schwersten Teil seiner Karriere nicht verschwiegen. Als ehemaliger CIO und Geschäftsführer von SIGNA IT war er mittendrin, als der Konzern im Jahr 2023 kollabierte – mit einer Bilanzsumme von über 27 Milliarden Euro eine der größten Immobilieninsolvenzen in der europäischen Geschichte.

„Die Insolvenz der Signa-Gruppe war sicher einer der einschneidendsten Momente in meinem Leben und war für sechs bis zwölf Monate Hardcore: Arbeiten, schlafen, arbeiten, Abwicklung. Insolvenzverwalter, Ermittlungsbehörden. War harte Zeit.“ Hillebrand schildert das ohne Beschlönigung.

Aus dieser Phase erwuchs die Gründungsidee für Tesofy:

„Wir haben über 20 Jahre Immobilienwissen. Und warum nicht damit auf den Markt gehen und unser Wissen anderen Firmen anbieten?“ Was als persönliche Konsequenz aus dem SIGNA-Zusammenbruch begann, entwickelte sich zu einem klar definierten Produktansatz – der Plattform T2Connect.

Das Kernproblem, das Hillebrand adressiert, ist in der Branche bekannt, wird aber selten so präzise formuliert: „Das Problem der Immobilienbranche ist: Es gibt Tools – und es sind hochspezialisierte. Aber diese Tools sprechen nicht miteinander. Vom Tool A wird in Excel exportiert, im Tool B wieder importiert. Es gibt selten einen durchgängigen Prozess.“ Hinzu kommt die Frage der Stammdatenhaltung – und damit meint er nicht nur IBAN oder Steuernummer, sondern die gesamte operative Informationsstruktur eines Portfolios.

T2Connect reichert diese Daten an, verteilt sie an die Systeme, die sie gerade benötigen, verbindet die Softwareprodukte miteinander – und legt darüber ein zentrales Reporting. „Und in Zeiten wie diesen natürlich eine KI drauf“, sagt Hillebrand trocken.

Den Schritt zur Partnerschaft mit Anders & Ganz beschreibt er als logische Konsequenz des eigenen Wachstums: „Bei 100 Prozent Auslastung muss man den Vertrieb einstellen.“ Anders & Ganz brachte über 30 Mitarbeiter, Tesofy 8 – gemeinsam entsteht ein Beratungshaus mit kritischer Masse für den DACH-Markt.

Bachl: Das Korsett ablegen

Juliane Bachl bringt eine andere Perspektive mit – die der operativen Transformationserfahrung. Zuletzt als Geschäftsführerin der COOR GmbH, einer Projektcontrolling-Software-Tochter des Planon-Konzerns, begleitete sie zahlreiche M&A-Integrationen:

„Von der Due Diligence weg bis zu einer einheitlichen Unternehmensintegration. Im Konzern wurden in den letzten Jahren sehr viele Unternehmen gekauft – unter anderem auch COOR. Und ich war auch dafür da, dass die Integration erfolgreich stattfindet.“

Bachls Beobachtung ist dabei dezidiert: „Systeme kann man relativ einfach in die Prozesswelt integrieren. Aber Unternehmen zusammenzuführen ist schon ein bisschen herausfordernder – denn in allen Unternehmen arbeiten Menschen, und wo Menschen sind, da menschelt es.“

Der Schritt zu Anders & Ganz war für sie keine rein strategische Entscheidung, sondern auch eine persönliche: „Dieser Wunsch, etwas Neues zu gestalten, schlummert in mir schon seit mehreren Jahren. Eine Geschäftsführung in einem Softwarehaus zu machen, ist das eine. Aber ich möchte dieses Korsett ablegen und meinen ganzheitlichen Ansatz auch bei anderen Firmen einbringen.“

Was das Modell trägt

Das AfterMovie zum Gründungsevent zeigt, was an diesem Abend im Haus der Musik spürbar war: kein Produktlaunch im klassischen Sinn, sondern die Vorstellung eines Teams, das aus echten Erfahrungen – darunter auch sehr harte – einen gemeinsamen Ansatz entwickelt hat.

Anders & Ganz Austria positioniert sich als integrierte Transformationseinheit: kein reiner IT-Dienstleister, kein klassisches Beratungshaus. Das Versprechen lautet: Branchensprache statt Übersetzungsaufwand, betriebswirtschaftliche Steuerung statt IT-Projekt-Denken.

Ob das Modell in der österreichischen Immobilienwirtschaft verfängt, wird sich zeigen. Die Ausgangslage – fragmentierte Systemlandschaften, wachsender Regulierungsdruck, steigende Anforderungen an Reporting und Effizienz – spricht jedenfalls für das Timing.

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