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© adamkuylenstierna via Twenty20

Stadtentwicklung – vom amerikanischen Albtraum zum Wiener Wohntraum

Stadtentwicklung wird mittlerweile anders gedacht. Der Mehrwert einer Stadt entsteht nämlich zwischen den Immobilien.

Was waren wir nicht alle tief beeindruckt, wenn wir die Serien und Filme aus den USA der 60er-Jahre sahen. Schöne, saubere Vorstädte, in denen die Menschen in riesigen Häusern wohnten. Jeder ein eigenes Zimmer, Vorgärten, viel Platz und letztendlich ein Wohnparadies. Aber abseits des Paradieses sah die Realität ganz anders aus. Was die Serien nämlich nicht zeigten, war die Tatsache, dass hier ein städtebaulicher Super-GAU produziert wurde.

Der städtische Super-GAU

Man lebte in den Vorstädten, zum Einkaufen musste man mit dem Auto fahren und zur Arbeit auch – die Ausbildungsstätten waren ebenfalls nicht zentral. Dafür gab es genügend Pkws, die den nächsten GAU verursachten – das Verkehrschaos. Es lag keine Lösung näher, als die Bereiche miteinander zu verbinden. Arbeiten, Wohnen, Freizeit, Ausbildung, Leben. Aber es dauerte noch eine Weile, bis diese Idee akzeptiert wurden

Wobei – einige hatten es ja schon verstanden. Victor Gruen, ein österreichischer Stadtplaner und Architekt, zum Beispiel. Er emigrierte 1938 in die USA und wurde dort der „Vater des Shopping-Centers“, wobei nichts seiner Vision ferner sein konnte als dieser Titel. Gruens Ansinnen war ein ganz anderes: Er wollte neue Stadtzentren in den Vororten schaffen, da er bemerkte, dass in den USA einiges schieflief. Vielleicht konnte er das auch deshalb erkennen, weil er selbst aus Wien kam und wusste, wie Grätzel und Stadt AUCH funktionieren können.

„Mutter aller Einkaufszentren“

In den Gründerzeithäusern gab es schließlich eine Vermischung von Arbeiten, Wohnen, Handwerk und Verkauf. Dazu kamen noch die zahlreichen Märkte, die über die Stadt verteilt waren. Diese zentral gelegenen lebendigen Orte nahmen auch die Funktion von sozialen Treffpunkten ein. Genau diese fehlten aber vor allem in den USA, und so entwickelte Victor Gruen in den nordamerikanischen Vorstädten künstliche Zentren nach dem Vorbild einer europäischen Innenstadt. Er konzipierte in einem ersten Schritt ein offenes Stadtzentrum (1952 in Northland bei Seattle), ehe er 1956 die „Mutter aller Einkaufszentren“, das Southdale Center bei Minneapolis, eröffnete, das allerdings nicht nur zum Einkaufen sondern aus seiner Perspektive hauptsächlich als soziales Zentrum für die Vorstädte von Minneapolis dienen sollte.

In Kalamazoo, einer US-amerikanischen Durchschnittskleinstadt, wurden zwei Straßenblocks der Hauptstraße Burdick Street für den Autoverkehr gesperrt, um Platz für eine Mall im Stadtzentrum zu schaffen. In Wikipedia heißt es dazu: „Damit gelang Gruen ein Bruch mit der sukzessiven Unterwerfung des amerikanischen Stadtraums unter die Anforderungen des motorisierten Individualverkehrs.“ Angesichts zügiger Suburbanisierung und Motorisierung der US-amerikanischen Gesellschaft prognostizierte er den großen Verkehrskollaps in den Stadtzentren, wenn die baulichen Strukturen nicht umfassend an dieser Entwicklung ausgerichtet würden. Er hatte recht.

Eine andere Funktionsweise

In Österreich konnte man sich Anfang der 90er-Jahre viel von diesem amerikanischen Albtraum abschauen, und es war dadurch klar, dass Städte und Stadtzentren einfach anders aussehen müssen, um in Zukunft zu funktionieren. Denn Städte funktionieren immer nur so gut, wie die Menschen auch gerne darin leben wollen. Vor allem müssen sie krisenresistent sein. Wie anfällig Städte eigentlich für unerwartete Probleme sind, zeigt Covid-19. Resilienz, also Widerstandsfähigkeit, ist das Gebot der Stunde – die Pandemie hat kräftig dazu beigetragen. Städte müssen resilienter werden, um in Zukunft noch lebenswert zu sein. Resilienz ist die Fähigkeit von Städten, künftige Herausforderungen – auf ökonomischer, ökologischer, sozialer und institutioneller Ebene – zu absorbieren, sich adäquat darauf vorzubereiten und entsprechend darauf zu reagieren.

Funktionieren kann das, indem wir wieder zurückgehen. Zurück in eine dörfliche Struktur. Neue Wege werden gesucht, neue Formen der Stadt – der Stadtentwicklung. Auch neue Wege, wie man das Zusammenleben gestalten kann. Bewusst soziale Strukturen in den Stadtteilen zu schaffen, ist vielleicht noch eine ferne Vision, aber für Wolfdieter Jarisch, Vorstand der S+B Gruppe, durchaus vorstellbar: „Günstige Studentenwohnungen, und die Studenten leisten dafür gewisse soziale Dienste.“

Urlaubsfeeling in der Stadt

„Urlaubsfeeling, ein funktionierender Kreislauf mit einer großen Unabhängigkeit und Leistbarkeit“, beschreibt Wolfdieter Jarisch die grundsätzlichen Ideen für neue Stadtzentren. Walter Hammertinger, geschäftsführender Gesellschafter von Value One: „Räume, in denen sich Kindern wohlfühlen, haben eine bestimmte Atmosphäre, und das passt dann für alle anderen Bewohner auch.“ So soll Stadt werden – lebenswert. „Wenn man durch eine Stadt geht und sich wohlfühlt, und wenn wir diese Stimmung erzeugen können, dann hat man in diesen Stadtteilen etwas geschafft, das einen Mehrwert liefert.“

„Grün und nicht das Gefühl haben, in einer großen Stadt zu wohnen – Sicherheit und eine gewisse Infrastruktur“, so umreißt Ernst Kovacs, Geschäftsführer von KE Wohnbau, seine Ideen und Wünsche. Kurze Wege und durchmischte Gebäude gehören ebenfalls dazu. Noch etwas wird die Stadt der Zukunft auszeichnen, ist Alexander Rössler, Head of Development Office der IMMOFINANZ, überzeugt: „Cradle to Cradle. Damit ist aber mehr als Nachhaltigkeit gemeint.“ Es geht ums Nutzen und Weitergeben in einer Gemeinschaft. Stadt nicht als gebaute Struktur, sondern als ein gemeinschaftliches Miteinander.

Stadt findet zwischen den Gebäuden statt.

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