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Die Stadt aufstocken

Das Ziel der Nachverdichtung von Städten ist, mehr Einwohner unterzubekommen, aber auch generell urbane Potenziale zu finden und zugänglich zu machen – für alte und neue Bewohner.



Dichte ermöglicht Urbanität, wenn auf die Qualität nicht vergessen wird. So lautet die Erkenntnis einer Veranstaltung in der Kammer für Architekten und Ingenieure in Wien abgehalten wurde. Der Stipendiat, Thomas Hahn, selbst betonte angesichts des Wiener Stadtwachstums die Notwendigkeit der Nachverdichtung im Stadtraum und formulierte, worauf es dabei ankommt: „Es geht nicht darum, die Dichte zu maximieren, sondern darum, urbane Potenziale in den Zwischenräumen zu erkennen.“ Die Dichte asiatischer Großstädte dient dabei als abschreckendes Beispiel. Neue Formen des Dachgeschoßausbaus waren als Kern der Arbeit ebenso präsentiert worden wie die Nutzung von Hofflächen für die Nachverdichtung.

Vertikale Verdichtung

Der Ausbau der Obergeschoße war vor den anwesenden Architekten in dreierlei Hinsicht diskutiert worden, wobei man drei Formen des Ausbaus identifizierte, mit denen brachliegende Potenziale gehoben werden könnten. Der Konjunktiv ist dabei durchaus angebracht, denn die legistischen Rahmenbedingungen schließen einen großvolumigeren Ausbau derzeit vielfach aus. Um dennoch eine größere Nutzung der Obergeschoße zu ermöglichen, wurde vorgeschlagen, die Belichtung der Sockelzonen nicht als Kriterium heranzuziehen, damit das Dach höher gebaut werden kann. Als Argument dafür dient die Tatsache, dass die in der Sockelzone untergebrachten Geschäftslokale vielfach nicht die Anforderungen aufweisen würden wie die Wohnnutzung, die in den Obergeschoßen stattfinden könnte. Die Dachgeschoße der Gemeindebauten ließen sich grundsätzlich ebenfalls ausbauen, wobei Hahn darauf hinwies, dass seitens des gemeinnützigen Wohnbau hier Ressentiments bestünden. Außerdem fällt im Stadtraum auf, dass die mögliche bauliche Ausnutzung bislang oft nicht ausgeschöpft wurde. Die Folge sind Supermärkte ohne Obergeschoß, und Anreize, Derartiges zu unterbinden, sollte man laut Hahn dringend schaffen.

Wohnen auf dem Dach

Dass ein Paradigmenwechsel in der Planung nötig ist, um gezielt nachzuverdichten, macht auch das Beispiel „Wohndach“ deutlich. Bei großflächiger Wohnbebauung auf gewerblich genutzten Grundstücken ist mehrdimensionales Denken erforderlich. Große Flachdächer sollten auch für neuen Wohnraum erschlossen werden. Im kleinen Rahmen gibt es dazu schon Beispiele. Derzeit befindet sich die Überbauung des Auhofcenters in Wien-Penzing mit 70 Wohnungen in Umsetzung. In Innsbruck ist das Einkaufszentrum West mit einer Schule im Obergeschoß zusammengepackt. In Wien wird auf dem Areal der ehemaligen Gebe-Fabrik auf einem Supermarkt Wohnraum mit Grünflächen geschaffen. Die Stadt Wien in Person des grünen Planungssprechers Christoph Chorherr steht diesen Entwicklungen offen gegenüber: „Solange es um die Dichte der Vielfalt geht und nicht nur um Köpfe pro Fläche, ist das eine gute Sache.“ Der flächenmäßig bisher größte Wohnungsbedarf in Wien im Lauf der Geschichte würde außergewöhnliche Maßnahmen rechtfertigen.

Den Hof mitnutzen

Dass man angesichts von Stadtwachstum nicht auf die Qualität vergessen dürfe, betonte wiederum der Raumforscher Erich Raith: „Bei Verdichtung muss es vor allem um die Nutzungsverdichtung gehen.“ Monofunktional genutzte Gebiete würden lange Zeit nur brachliegen, weswegen er Nutzungsverschränkungen empfiehlt. In diesem Sinn kann auch der auf der Veranstaltung gemachte Vorschlag verstanden werden, größere Hofanlagen mit neuen Baukörpern auszustatten. Thomas Hahn erschien das neben dem Ausbau der Obergeschoße als zweite grundlegende Möglichkeit der Verdichtung. Der George-Washington-Hof in Wien-Meidling mit seinen großzügigen Freiräumen diente ihm dabei als Fallbeispiel. Diesen bezog man im Übrigen ein, als das Nachverdichtungspotenzial für den gesamten Bereich der Wiener Triester Straße ausgerechnet wurde, wobei man alleine für diesen Siedlungsstreifen auf nicht weniger als 3.500 Wohnungen für rund 8.000 zusätzliche Einwohner kam. Dass das nicht ohne die Zustimmung der Bewohner geht, ist den Planern auch klar, aber wer die Stadt weiterdenkt, denkt auch die Planung weiter, und da ist eine aktivere Bürgereinbindung im Kommen.


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Peter Matzanetz ist Raumplaner, Journalist und Entrepreneur. Seit fünfzehn Jahren arbeitet er für Branchenmedien in den Bereichen Bau, Architektur, Immobilien und Raum. Mit der Agentur branchenfrei at und dem zugehörigen Blogformat setzt er sich schon länger mit Themen zur Transformation der Stadt und Nachnutzung von Gebäuden auseinander. Vor fünf Jahren hat er gemeinsam mit dem Institut für Stadt- und Regionalforschung an der TU Wien begonnen, eine Ortesuchmaschine mit Lagescoring zu entwickeln. Mit Beginn 2020 wurde das Start-Up Place Qu ausgegründet, welches die Technologie als Schnittstellenlösung zur Integration anbietet.