Wie uns Österreich retten kann – in Berlin reden zurzeit alle über Wien

Der Berliner Bürgermeister Michael Müller will ein Jahresticket für Busse und Bahnen einführen, das nur 365 Euro kostet, wie in Wien. Derzeit kosten Jahreskarten das Doppelte. Die Preissenkung soll viele Menschen dazu veranlassen, ihr Auto stehen zu lassen. Autos kaufen sollen sie natürlich trotzdem, alles andere wäre für den Wirtschafts- und Steuerstandort Deutschland eine mittlere Katastrophe. Mit dieser wählerfreundlichen Maßnahme möchte Müllers Partei, die SPD, einerseits zur Rettung des Klimas beitragen und andererseits sich selber retten. Die Berliner SPD befindet sich in der Wählergunst auf einer rasanten Talfahrt, die nach Ansicht fast aller Experten ausschließlich menschengemacht ist.

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Ich bin früher, ehrlich gesagt, in Berlin öfter Bus und Bahn gefahren als heute. Ich gehöre zu denen, die sich die Fahrpreise leisten können, sie sind sowieso nicht übertrieben hoch, und es gibt etliche Angebote für sozial Schwache. Die Busse und Bahnen waren in Berlin einst super, aber sie sind seit Jahren unzuverlässiger geworden. Der Fuhrpark ist marode und das Personal knapp. Man weiß, wenn man aus dem Haus geht, nie so recht, ob die Linie, die man braucht, nicht über Nacht den Betrieb eingestellt hat. Und dann hat man womöglich auch noch Termine, zu denen man pünktlich erscheinen will! In Wien funktioniert der öffentliche Nahverkehr meiner Erfahrung nach gut, vor allem, wenn man ihn mit Berliner Augen betrachtet.  

Mich erinnert die Idee der SPD ein bisschen an das Politik-Konzept der DDR. Die Mieten dort waren sagenhaft niedrig, aber weil kaum Geld für Neubauten da war, herrschte Wohnungsnot. Die Altbauten sahen so aus, als ob erst vorgestern der Krieg zu Ende gegangen wäre. Nicht alle Menschen waren glücklich über diese Situation.

Das deutsche Sechs-Punkte-Konzept zur Klimarettung betrifft auch Österreich

Ich muss kurz das deutsche Sechs-Punkte-Konzept zur Klimarettung schildern, soweit es den Verkehr angeht. Es betrifft auch Österreich. Erstens macht man für die Bewohner Deutschlands das Autofahren unattraktiver, indem man es verteuert und die Staus Staus sein lässt. Zweitens werden die Züge und Busse immer unpünktlicher und sind immer voller. Zuverlässig ist die Deutsche Bahn, was ihre regelmäßigen Preiserhöhungen betrifft. Drittens sagt man den Leuten, dass sie Elektroautos kaufen sollen. Diese Autos sind so teuer, dass sie sich nur Wohlhabende leisten können, es gibt auch noch keine wirklich funktionierende Infrastruktur für sie, und im Stau stehen sie genauso wie die Benziner.

Viertens wird den Menschen täglich erklärt, dass nur ein moralisch total verkommenes Subjekt über Flugreisen nachdenkt, parallel dazu wird auch das Fliegen vom Staat verteuert. Bei Politikern sind Flugreisen unvermeidlich. Irgendwann denken, fünfter Schritt, immer mehr Berufstätige darüber nach, zu Hause zu arbeiten, das heißt Homeoffice. Weil Deutschland in puncto schnelles Internet auf dem Niveau eines Entwicklungslandes steht, ist auch das nicht überall einfach.

Die Klimanomaden, so Exportiert Deutschland sein Klimaproblem

Der sechste und entscheidende Schritt besteht darin, dass berufstätige Menschen darüber nachdenken, auszuwandern. Mobile, aktive Berufstätige sind ja meistens, geschlechtergerecht gesagt, die schlimmsten Klimaschadenden. Wegen einer gewissen Ähnlichkeit der Landessprachen kommt vielen dabei als Erstes Österreich in den Sinn. Nichts verändert den ökologischen Fußabdruck eines Staates so nachhaltig wie eine sinkende Bevölkerungszahl. Wir hätten unser Klimaproblem auf diese Weise nach Österreich exportiert und wenigstens unseren guten Ruf als Exportweltmeister gefestigt.

Die billigen Berliner Busse scheinen nur auf den ersten Blick nicht zu diesem Konzept zu passen. Man muss aber wissen, dass Berlin an ein Bundesland namens Brandenburg grenzt und mit diesem einen Verkehrsverbund betreibt. Die Brandenburger sind wütend, weil der Berliner Bürgermeister die Preissenkung im Alleingang angekündigt hat, Brandenburg kann sich so niedrige Preise offenbar nicht leisten. Sie wollen dort nicht, dass politische Probleme ohne jede Rücksprache und auf ihre Kosten einfach zu ihnen exportiert werden. Es handelt sich also um nur eine Generalprobe für den Export der Klimarettung nach Österreich.  

Die Kolumne wurde uns von agenda-austria.at zur Verfügung gestellt.

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