Schlagwort: Einzelhandel

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Das Kaufhaus wird zum Schauraum

Die Fusion von Onlinewelt und Einkaufserlebnis steht beim Handel auf dem Programm. In Wien zeigt IKEAs Prototyp, wie es gehen soll.

Mit 3,8 Milliarden Euro wird der Österreich-Umsatz im Onlinehandel vom Marktbeobachter Statista beziffert. Alleine beim Online-Marktführer Amazon wurden in Österreich letztes Jahr Produkte und Waren mit Lieferbedarf im Gesamtwert von 682 Millionen Euro bestellt. Der mit „eCommerce“ erwirtschaftete Anteil von Gütern beträgt derzeit noch fünf Prozent wächst aber zweistellig pro Jahr. In fünf Jahren, so die Sicht der Dinge beim Standortberater RegioPlan, wird die Handelswelt daher eine andere sein. Je nach Segment würden in fünf Jahren bis zu 45 Prozent des Geschäfts online getätigt. Amazon hat für sein erstes Verteilerzentrum in Österreich letztes Jahr Großebersdorf als Standort auserkoren. Für rund zwei Millionen Händler weltweit ist das der lange Hebel, um millionenfach Produkte im Raum Wien direkt auszuliefern. Für die gewerblichen Produktanbieter werden so neben dem Onlineverkauf auch Versand, Lagerung und Auslieferung abgewickelt.

Rückgang der Handelsflächen um 20 Prozent

Bei den Handelsflächen hingegen wird vom Standortberater Regioplan mittelfristig ein Rückgang um satte 20 Prozent erwartet. Ein Blick auf die internationale Marktentwicklung zeigt, dass die Mietpreise beim stationären Handel bereits nachgeben. Der Maklerreport von Cushman & Wakefield verweist auf fallende Mietpreise bei Handelsflächen in nahezu allen regionalen Märkten in Europa. In Berlin fungiert ein leerstehendes innerstädtisches Kaufhaus bereits als Amazon-Versanddrehscheibe für Prime-Kunden. Sinkende Nachfrage nach Handels- in Lagerflächen münden zu lassen, ist also trotz niedrigerer Neubewertung möglich.

Trend zum Abholshop

Die Antwort des stationären Handels auf den Trend zum eCommerce sind Abholshops. Ernst Schwaighofer, dessen Firma IMAREA das Tiroler Einkaufszentrum Innkauf geplant und entwickelt hat, sieht Synergien: „Unser Spielzeughändler im Obergeschoß generiert viel Umsatz online, und die Kunden kommen vorbei und holen sich die Produkte ab.“ Bei der Vermietung sieht SES-Center-Manager Gernot Jung eine entsprechend veränderte Nachfrage: „Was vermehrt gesucht wird, sind Shops mit mehr Lagerfläche und dafür weniger Verkaufsfläche.“ Cross-Channel-Ansatz nennt man das bei ECE Shopping Centers, wenn online und offline sich ergänzen. Der europäische Entwickler und Betreiber von Einkaufszentren belegt den Trend mit einer Studie unter Konsumenten. 80 Prozent aller Befragten erwarten künftig bei niedergelassenen Händlern auch Onlineshopping.

Neues City-Shopping

Einen Neustart wird es demnächst in Wien beim „unmöglichen Möbelhaus aus Schweden“ namens IKEA geben. In direkter Nachbarschaft zum Westbahnhof wird Anfang nächsten Jahres mit dem Bau des ersten City-IKEAs neuer Machart begonnen. „Der neue Standort wird mehr ein Treffpunkt, bei dem es nicht nur ums Einkaufen geht, sondern auch ums Erlebnis“, sagt Viera Juzova, Geschäftsführerin von IKEA Österreich. Dazu beitragen sollen Gastronomie, ein frei zugängliches Dachgeschoß und die Durchmischung mit Stadtbewohnern sowie Reisenden. In den zwei obersten Geschoßen betreibt dann Jo&Joe aus der Accor-Gruppe eine Mischung aus Hotel und Hostel. Errichtet und weitervermietet wird das Mixed-Use-Development von Ikea selbst.

Prototyp für zehn neue Standorte

Das Projekt dient als Prototyp für zehn neue Standorte des Konzerns, etwa für Kopenhagen. Neu ist auch, dass keine Parkgarage geplant ist. Das Haus wird nämlich ein reiner Ausstellungsshop, bei dem die Anlieferung, die Abholung und die Lagerung von Möbeln wegfallen. „Am Standort gibt es beste öffentliche Verkehrsmittel, und wir wollen auch Besucher ansprechen, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad kommen“, sagt Juzova. Was entspannt gekauft wird, soll vom neuen Verteilerzentrum in Strebersdorf binnen eines vollen Tages geliefert werden. Dort könne ab 2021 auch nach Hause geschafft werden, was online gekauft wurde. E-Cars und Abholboxen sollen den Pick-up-Point bereichern.

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Einzelhandel – von einer Veränderung zur nächsten

Abseits aller Trends prägen zwei Hauptaspekte den Einzelhandel in der Zukunft. Und im Windschatten dieser Entwicklungen muss auch der Logistikmarkt mitziehen.

Im „Wandel des Handels“ spiegelt sich die Entwicklung der Gesellschaft wider, und so werden auch alle neuen gesellschaftlichen Aspekte relevant. Natürlich geht es weiterhin um den Umsatz, aber der Einzelhandel reagiert auch auf gesellschaftliche Strömungen – muss reagieren – und übernimmt immer mehr das Mixed-Use-Konzept. Start-ups bekommen ihre Chancen, mit guten Ideen vor einem großen Publikum durchzustarten, Fitnesscenter, Massagestudios oder Praxen für kleine Schönheitseingriffe, Ärztezentren oder Untersuchungsstraßen siedeln sich an, aber auch Entertainmenteinrichtungen und Gastronomie. „Der Handel war immer in Bewegung. Vom Greißler und Supermarkt über Franchise-Stores, Company Owned Stores, Flagshipstores – denn size matters – bis hin zu Conceptstores“, meint Stefan Goigitzer, Managing Partner von Coore.

Zwei langfristige Entwicklungen

Unabhängig von allen Trends kristallisieren sich zwei langfristige Entwicklungen heraus: Individualität und sozialer Treffpunkt. „Ein wichtiger Erfolgsfaktor für die SES-Shopping-Center ist die Vielzahl an regionalen Anbietern“, erklärt Marcus Wild, CEO der SES: „Das macht jedes einzelne Shopping-Center unverwechselbar und führt zu einer starken Bindung an die einheimische Bevölkerung in der jeweiligen Region.“ Die großen Ketten gibt es ohnehin im Netz. Neben der Individualität zählen für Wild aber auch „außergewöhnliche Unterhaltung, gutes Essen und Trinken sowie stimmungsvolle Atmosphäre“.

Unterhaltung und Treffpunkt

Peter Schaider, Eigentümer des Auhof Centers, war immer schon ein Vordenker der Branche, und so beherbergt das EKZ auf nur mehr rund 50 Prozent der Flächen den klassischen Einzelhandel – der Rest entfällt auf Gastronomie, Freizeit und Unterhaltung. Zuletzt wurde im Aufhof Center die Tiger’s World, ein neuartiger Action- & Indoor-Spielpark, eröffnet. Auf 2.000 Quadratmetern können sich Burschen und Mädchen im größten Ninja-Parcours Österreichs und bei weiteren Attraktionen beweisen. Schaider: „Uns war es wichtig, die Kinder von den Handys und Computerspielen wegzulocken, denn hier machen sie Bewegung und schärfen ihre Koordinationsfähigkeiten.“ Da man den Park ab acht Jahren ohne Aufsichtsperson besuchen darf, ist die Tiger‘s World auch eine wetterfeste Indoor-Action für Kinder und Familien.

Beliebte Gastronomie

Das Shopping-Center etabliert sich durch die angebotenen Freizeitaktivitäten als Treffpunkt für alle. Außerdem ist Essen außer Haus „in“. Jedes Jahr steigt der Anteil der Ausgaben für Restaurants, Bars, Cafés etc. im Vergleich zu den gesamten Konsumausgaben quer durch alle Länder. „Das große Fast-Food-Angebot, der urbane Lebensstil, wenig Zeit zum Kochen und die steigende Zahl an Singlehaushalten lassen das Außer-Haus-Essen zum festen Alltagsbestandteil werden“, erklärt Wolfgang Richter, Geschäftsführer von RegioPlan. Österreich liegt bei den Gastronomieausgaben mit knapp 1.400 Euro pro Einwohner und Jahr in Europa – hinter Portugal und Spanien – bereits an dritter Stelle.

Gemeinsame Konzepte

Während die Shopping-Center mit ihrem zentralen Management auf Entwicklungen relativ schnell reagieren können, tun sich die Innenstädte mit ihren unterschiedlich gemanagten Handelsstandorten noch etwas schwer. Die Verantwortung für die nötigen Anpassungsschritte wird zwischen den Gemeinden und den einzelnen Händlern hin- und hergeschoben. Dennoch werden einzelne Submärkte, „die noch vor 30 Jahren belebt waren – zwischenzeitlich sogar totgesagt – nun wiederentdeckt“, so Goigitzer. Der Handel geht in Wien wieder in die Bezirksstraßen: „Das liegt am Verkehrsaufkommen und am ökologischen Fußabdruck, aber vor allem ist es gerade für neue Konzepte hip, diese Lagen zu bespielen.“ Newcomer forcieren Individualität, und zentrale Bezirkslagen sind für ihre Anforderungen ideal – ergänzt durch das Grätzel als sozialer Treffpunkt.

Auf Dauer werden die Innenstadtlagen auch nur über gemeinsame Konzepte ihr Weiterkommen sichern. Wobei die Durchmischung mit zum Beispiel Dienstleistern, Büroflächen, Arztpraxen oder Gastronomieangeboten hier bereits gegeben wäre.

Hand in Hand

Es hat ein wenig gedauert, aber der stationäre Einzelhandel geht nicht mehr gegen den Onlinehandel vor, „sondern wird ihn in die bestehende Einzelhandelslandschaft integrieren“, so Stefan Goigitzer. Verständlich, denn rund jeder achte Euro wird im Onlinehandel ausgegeben. „Möglicherweise werden die Stores dadurch kleiner, weil das Lagermanagement zu den Logistikern wandert bzw. weil immer mehr on demand produziert wird und nicht mehr Monate im Voraus.“

Logistik wird daher allein schon aufgrund des Handels weiterhin einen enormen Boom erleben. Warum die teuren Shopping-Flächen halten, wenn es in unmittelbarer Nähe das Verteilerzentrum gibt, das nicht nur quadratmäßig günstiger ist, sondern gleich auch das gesamte Sortiment auf Lager hat?

Logistik drängt nach innen

Die Lagerflächen werden daher „von der Peripherie in das Stadtgebiet hineinwachsen“, meint Andreas Liebsch, Geschäftsführer von Go Asset. Der Druck durch die zahlreichen Pakete – und auch Rückführungen – wird zu hoch. Andreas Liebsch geht davon aus, dass „intelligente Boxen  mittelfristig integrativer Teil der Infrastruktur einer Stadt werden“. Sie werden einerseits an öffentlichen Standorten, hochfrequentierten ÖPNV-Knoten und P&R-Anlagen zu finden sein und andererseits zur Standard-Ausrüstung jeder Wohnhausanlage bis zum Einfamilienhaus gehören. „Neutrale Boxen würden aufseiten der Zusteller zu einer Effizienzsteigerung führen: weniger Fahrten, höhere Erstzustellquote, höhere Leistung.“ Noch ist aber nicht mit einem Zusammenschluss der Paketdienstleister zu rechnen, da diese an völlig unterschiedlichen technologischen Lösungen arbeiten. Für die „very last mile“ bis zum Konsumenten sieht Liebsch im Laufe des Jahres neue Anbieter auf den Markt kommen: „Es wird sich aus unserer Sicht um keinen der bekannten KEP-Dienstleister (Kurier-, Express- und Paketdienste) handeln, sondern um einen neutralen Dritten, der sich dieses Geschäftsfelds im Rahmen eines Betreibermodells annimmt.“ Die geeigneten Modelle werden genauso kommen wie im Einzelhandel. Das wird dann alles bestens funktionieren – bis zur nächsten großen Veränderung.

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Vier Profis, vier Meinungen. Bitzer, Lindner, Richter, Wild. Einzelhandel 2018

Viele Themen prägen den Einzelhandel nicht nur 2018, sondern auch in den kommenden Jahren. Vier Spezialisten (Jörg Bitzer, Hannes Lindner, Wolfgang Richter, Marcus Wild) nehmen aus verschiedenen Blickwinkeln Stellung zu den Herausforderungen in der nächsten Zeit.

Jörg Bitzer, Leiter des Bereichs Einzelhandelsimmobilien bei EHL ImmobilienJörg Bitzer, Leiter des Bereichs Einzelhandelsimmobilien bei EHL Immobilien

Die strukturellen Änderungen, die in den kommenden Jahren auf Einkaufszentren und Einkaufsstraßen zukommen, werden noch tiefgreifender sein, als sich in den vergangenen Jahren bereits abzeichnete. Anbieter von Einzelhandelsflächen müssen in den nächsten zehn Jahren mit so vielen Mieterwechseln rechnen wie selten zuvor. Einerseits werden insbesondere in Mitteleuropa zahlreiche traditionelle Großmieter aus den Bereichen Textil, Schuhe, Elektronik oder auch Banken Flächen reduzieren, andererseits drängt eine Vielzahl von neuen, oftmals allerdings auch kleineren Konzepten auf den Markt, die für gut gemanagte Standorte eine enorme Chance darstellen. Es wird also längerfristig weniger Flächennachfrage geben, und wir werden ganz andere Shops und Dienstleister sehen als heute.

Brot und Spiele

Die vielleicht wichtigste Änderung ist ein starker Anstieg gastronomischer Angebote, auf die ein deutlich höherer Anteil am Gesamtumsatz von Einkaufszentren entfallen wird. Besonders in der System- und Erlebnisgastronomie im mittleren Preisbereich gibt es eine Welle spannender Newcomer: Hier wird es eine große Vielfalt gastronomisch, preislich und regional differenzierter Konzepte geben. Das entspricht dem Wunsch nach Abwechslung und Erlebnis viel besser als das Leistungsspektrum einiger weniger marktbeherrschender globaler Multis.

Die zweite große Veränderung ist ebenfalls dem Trend zum erlebnisorientierten Einkauf geschuldet: die starke Ausweitung von Entertainment-Angeboten. Virtual-Reality-Erlebnisse in 3D-Shows, Gaming-Areas, aufwendige Kindererlebnisbereiche oder auch bis zu mehreren Tausend Quadratmeter große Sportbereiche – etwa Trampolinparks – sind nur einige der neuen Entertainment-Möglichkeiten. Die Vielzahl der Show- und Mitmachangebote wird dazu führen, dass die Verweildauer im Einkaufszentrum der Zukunft deutlich zunehmen wird.

Online & offline

Auch der weiter an Bedeutung gewinnende Onlinehandel ist kein Grund zum Pessimismus für den filialgebundenen Einzelhandel: Der große Trend heißt Synergie statt Konkurrenz. Kunden bestellen online und holen Waren in der Filiale ab, was insbesondere im Bereich Fashion zu deutlich weniger Retouren führt und zu zusätzlichen Impulskäufen in der Filiale animiert. Umgekehrt dienen die Filialen als begehbare Schaufenster, tatsächlich gekauft wird dann abends via Computer, was insbesondere bei unhandlichen und schweren Produkten den Einkauf deutlich bequemer macht.

 

Hannes Lindner, geschäftsführender Gesellschafter bei Standort + MarktHannes Lindner, geschäftsführender Gesellschafter bei Standort + Markt:

Sättigung – an allen Fronten

… sowohl im Handel als auch beim Konsumenten. Verkaufsfläche als Dogma für Vielfalt und Attraktivität hat ausgedient, dieser Wettlauf neigt sich dem Ende zu; das „Next Level“ heißt Faszination auf der Fläche. Der Hintergrund ist banal: Das Internet hat die einst monopolistische Stellung des stationären Handels im Bereich der Angebots- und Preisbildung an die Wand gespielt. Was in den nächsten zehn Jahren geschieht, ist ein einmaliger Positionierungswettlauf, der wahrscheinlich nur jene überleben lässt, deren DNA einige wenige nicht so rasch ersetzbare Merkmale erkennen lässt: Auf der einen Seite werden dies Diskonter (egal, welches Qualitäts- und Preis-Genre!) sein, auf der anderen Seite jene mit Emotion (und vielleicht auch Produktqualität) geladenen Marken im höheren Preissegment, die in der Lage sind, sich durch eine extrem stringente Distributionspolitik aus den Fängen der Preisvergleichbarkeit und des Diskont-Dilemmas zu befreien. Wer nicht selektiv distribuiert, wird auf den virtuellen, aber auch realen Marktplätzen verramscht. In diesem Zusammenhang ist auch das sehr starke Wachstum von Factory-Outlet-Centern in Europa entsprechend einzuordnen. Beratungsqualität als Entscheidungskriterium für die Wahl des Shops? Wir werden sehen, ob diese Sozialromantik künftig noch eine Rolle spielen wird.

Maschinen ersetzen Menschen

Während im Markensegment die Distributionspolitik wahrscheinlich kriegsentscheidend sein wird, dürfte die Schlacht im Diskontbereich im Bereich der Absatzmengen, der Organisation der Lieferstrukturen, der Kosteneffizienz der Logistik und des Technologieeinsatzes am Point of Sale geschlagen werden; der Grundtenor lautet hier: Maschinen ersetzen Menschen – und: Konsumenten ersetzen mit Maschineneinsatz Personal (z. B. durch Selfscanning). Weiters sind deutliche Tendenzen zu erkennen, dass Shops (aufgrund der Personalkosten und Ladenöffnungszeiten) nicht zwangsläufig mit Menschen besetzt werden müssen – so mancher Shop könnte zum Automaten mutieren.

E-Commerce radiert wesentliche Kostenblöcke weg

Der E-Commerce ist im Handel derzeit gleichsam Katalysator wie auch neuer, faktischer Marktteilnehmer. Wie stark der E-Commerce am Ende des Tages in die Bindung der Konsumausgaben eingreift und Platz einnimmt, hängt wohl stark von den Kostenstruktur-Unterschieden zwischen den Welten Online und Offline ab. Eines steht bereits heute fest: Die wesentlichen Kostenblöcke im stationären Handel, nämlich die Personalkosten wie auch die Raumkosten für qualitativ hochwertige Standorte, werden durch den E-Commerce weitestgehend wegradiert. Ist der einzige Kostenvorteil des stationären Handels, dass der Konsument eigenständig das Last-Mile-Problem löst, indem er den Shop aufsucht und die Waren selbst nach Hause bringt? Sollten die wesentlichen Kostenblöcke im E-Commerce (neben dem Wareneinsatz die Kosten für Marketing, EDV & Software, Fulfillment und Versand) günstiger sein als im stationären Handel, könnte es für den stationären Handel doch noch unbequemer werden. Das Retouren-Problem scheint in diesem Zusammenhang jedenfalls kein wirklicher Stolperstein für Online zu sein.

Seitwärtsbewegung statt Expansion

In Bezug auf das Expansionstempo im Handel sind die bedeutendsten Marktteilnehmer zwischenzeitlich deutlich vom Gas gegangen, wir sehen eher ein „Seitwärtstreten“ – sprich Umsiedlungen zur Verbesserung der Standortqualität – als ein zusätzliches Wettrüsten. Ausgenommen sind hier lediglich Betriebe des Kurzfristbedarfssektors in Wachstumsgebieten – also primär in den wenigen mittel- bis großstädtischen Regionen Österreichs. Es wird kritischer denn je die Frage gestellt: Welchen Standort brauche ich, auf welchen Standort kann ich verzichten? Entsprechend wird auch bei Mietvertragsverlängerungen oder Neuabschlüssen hart verhandelt: B- und C-Standorte müssen preislich dabei verstärkt Federn lassen. Bei den Top-Lagen kommt es auf die Leidensfähigkeit des Mieters an – werden die neuen „Unverschämtheiten“ des Eigentümers noch weiter akzeptiert oder nicht? Hier orten wir klare Tendenzen, dass der Bogen mancherorts bereits überspannt ist und Alternativstandorte erstmals in Erwägung gezogen werden. Dies könnte in den kommenden Jahren natürlich weitreichende Auswirkungen auf die Bewertung der Immobilien haben.

 

Wolfgang Richter, CEO Regio Plan:Wolfgang Richter, CEO Regio Plan:

Wir merken bereits seit vier Jahren eine sanfte Verringerung der Verkaufsflächen – und die wird sich 2018 deutlich beschleunigen. Daraus folgend wird sich der Druck auf die Mieten erhöhen, vor allem in schlechteren Lagen.

Image und Kontakt

2018 wird sich im Einzelhandel die Frage stellen: Wie kann der Flächenertrag wieder gesteigert werden? Oder weiter gefasst: Welche Funktion soll die Fläche im Einzelhandel überhaupt haben? Bloß eine Warenherzeigefunktion wie bisher? Oder eine Imagefunktion für die Marke? Eine Funktion des Kontakts zum Unternehmen? Oder eine Kommunikationsfunktion?

Lebensmittel per Mausklick

2018 wird ein ganz großes Thema sein, in welchem Ausmaß es dem Lebensmittelhandel gelingt, den Onlinekanal zu bedienen. Wenn das gut funktioniert und von den Konsumenten angenommen wird, hat das nicht nur auf den Lebensmittelhandel dramatische Auswirkungen, sondern auch auf alle Shoppingmalls, Fachmarktzentren und innerstädtischen Einkaufszonen, denn hier ist der Lebensmittelhandel der Hauptfrequenzbringer. Und falls dieser weniger Frequenz bringt, müssen sich die Betreiber etwas anderes überlegen, denn die Mietverträge werden sich zu wandeln beginnen: weg von der Umsatzmiete, hin zur Frequenzmiete.

The Last Mile

Ein weiteres großes Thema 2018: Wie kann die „letzte Meile“ bei der Paketzustellung besser und billiger organisiert werden. Aus Logistik- und Kostensicht ist das noch nicht befriedigend gelöst. Und parallel dazu: Was können die Unternehmen, die auch über eine stationäre Fläche verfügen, gegenüber den Pure Playern an Vorteilen für die Kunden bieten (z. B. Pick up, Umtausch in der Filiale), denn momentan sind Amazon, Zalando, Universal, Otto und Co. die unumschränkten Herrscher im Internet.

The Human Touch

Kreativität und Mut wird bei den (stationären) Händlern 2018 jedenfalls gefragt sein. Und die Antwort auf das „technische“ Internet kann nicht eine Technisierung der Filialen sein, sondern ist hauptsächlich der „Human Touch“ – nicht zuletzt durch sehr gut ausgebildete und wertschätzende Verkäufer, mit denen man als Kunde gerne redet.

 

Marcus Wild, CEO SES Spar European Shopping Centers:

Digitalisierung wird noch stärker

Online und Offline vernetzen sich zunehmend. Als analogen Gegentrend sehen wir, dass das bewusste Erleben und das Wohlfühlen im Center genauso im Vordergrund stehen: von der Tauschbörse bis hin zum Do-it-yourself-Bastelkurs als Event in der Mall. In Zukunft wird sich fast alles um Multifunktionalität drehen. Für die Shoppingcenter-Entwicklung heißt das im Klartext: Shoppen allein ist zu wenig. Wir legen noch mehr Fokus auf Erlebnis, Urban Space und Freizeit-Hotspots. Ich denke, dass der Begriff Shoppingcenter nicht mehr stimmt und wir den Menschen in Zukunft urbane Orte bieten werden, die Arbeiten, Shoppen, Wohnen und Leben bestmöglich vereinen! Der Trend zur Mischnutzung wird immer stärker, weil er auch die Besucherfrequenz unterstützt. Die besten Händler suchen die besten Standorte. Besucherfrequenz ist also ein Erfolgsgarant.

Die steuerliche Bevorzugung des Online-Handels gegenüber dem stationären Handel wird 2018 in den Fokus der Staaten rücken. Da rechne ich mit ersten wirklichen Schritten.

Regionaler Treffpunkt

Wir beobachten, dass eine starke lokale Verankerung der Center in ihrem direkten Umfeld immer wichtiger wird. Sowohl innerstädtische Standorte als auch Stadtteillagen punkten, wenn sie Treffpunkte für die Menschen in der Region sind.

Health & Beauty, Wellness, Sport und Ernährung

Menschen suchen nach Balance und einem ausgewogenen Lebensstil. Daher bleiben die großen Trendthemen der Zukunft, wie Health & Beauty, Wellness, Sport und Ernährung, auch 2018 sehr wichtig. Am Point of Sale wollen Kunden Marken mit allen Sinnen erleben. Der stationäre Handel und die Gastronomie profitieren davon am meisten und fordern den Onlinehandel damit auf ihre Weise heraus. Es heißt, spannend und individuell zu bleiben, Neues und Unerwartetes zu bieten: von Events über Pop-up-Stores bis hin zu Kunst und Kultur.

Gastronomie mit Magnetfunktion

Exzellent gemachte Gastronomie hat zunehmend auch eine Magnetfunktion. Ich gehe davon aus, dass sich die Umsätze aus der Gastronomie in Einkaufszentren prozentuell verdoppeln werden – auf bald zwölf Prozent. Zum Teil geschieht dies durch eine Zunahme von Flächen, zum Teil aber auch durch erhebliche Umsatzsteigerungen auf unveränderter Fläche.

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